Verrückte Tage – verrückte Lebensphase

>> Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts. <<

(Gottfried Keller (1819-1890), Dichter und Politiker, Schweiz)

Verzettelte Zeit. Wie viel kann man schaffen, ohne sich im Tun zu verlieren? Bis zu welchem Punkt bleibt die Freude an deiner Seite, wann wandelt es sich in ungesunden Stress?

Ich bin mir da gerade nicht so sicher, kann an mir wahrnehmen, dass ich mehr Pausen brauche, obwohl ich schon Pausen habe und auch nutze. Doch ich persönlich benötige mehr. Pausen voller Müßiggang. Stillstand. Ruhe.

Klingt verrückt? Ich, die hier Zeit für Spaziergänge hat, die einfach so draußen sitzen kann und den Blick in die Ferne schweifen lassen darf? Ja ich. Ich brauche dringend mehr Inseln oder Oasen.

Meine Seele würde gern mal eine Weile verarbeiten. Da sind so viele Eindrücke, Menschen, Erlebnisse, zu treffende Entscheidungen und Gefühle.

Ich fühle mich aktuell überrollt.

Es kommt ja meistens anders, als man denkt oder dachte. Ursprünglich hieß es, es wäre nicht viel Arbeit für mich hier. Ich könnte nun nicht jeden Tag arbeiten. Das war für mich auch gut so, hatte ich doch meine eigenen Pläne. Ich wollte die Umgebung erkunden. Tagesauflüge unternehmen. Schreiben. Lesen. Fotografieren. Und natürlich den Bau begleiten.

Nun ist es doch wesentlich mehr Zeit im Café geworden und überhaupt was damit zusammenhängt. Viel Zeit für anderes bleibt mir nicht.

Für mich ging das alles viel zu schnell. Mein Kopf droht zu zerplatzen. Nicht, weil ich Kopfschmerzen habe, sondern weil er voller Gedanken ist. Gedanken, voller Eindrücke, Menschen, Erlebnisse, innerer Bilder, Gesprächsfetzen, Torten, Geschichten der Menschen hier, Schicksale, Baubeginn und -pläne.

Dann sind da die Ideen, die ich mit hierhergebracht hatte – schreiben, lesen, Umgebung erkunden, Orte besuchen, fotografieren, Kontakte knüpfen.

Zum zweiten Teil komme ich gar nicht wirklich, den ersten schaffe ich nicht zu verarbeiten. Wenn ich mich abends ins Bett lege, fangen die inneren Bilder an durchzurattern – wie ein Güterzug, schnell und laut. Es hört gar nicht mehr auf. Nachts wache ich dann auch noch mehrfach auf und die Bilder rattern weiter durch meinen Kopf. Es dauert eh schon ewig, bis ich überhaupt einschlafe.

Das empfinde ich als anstrengend.

Es bleibt so viel von dem liegen, was ich gern täte.

Zum Glück kam Montagabend mein Mann spontan hierher. Es lagen Entscheidungen bezüglich des Hausbaus an und es war gut, dass er das vor Ort betrachtete. Ich hatte schon versucht, indem ich bauchlinks auf der Straße liegend Fotos rüber sendete, die Entscheidungsfindung leichter zu machen. Doch das Foto spiegelte nicht wirklich wider, was ich dort vor Ort sehen konnte.

Schön, dass mein Mann sich spontan dazu entschloss herzukommen. Schön war sein Hiersein. Zeigte es doch auch, wie ich unser Zusammensein, unsere Rituale, die Gespräche, die gemeinsame Zeit und seinen Humor vermiss(t)e.

Ich sitze hier auf einer Insel, auf der ich gar nicht sitzen will, obwohl ich mir immer eine einsame Insel gewünscht hatte. Doch ich wünschte mir eine Insel, auf der ich bestimmte, wer oder was drauf darf und wer oder was nicht. Jetzt wurde ich auf die Insel anderer Personen verfrachtet und die und das, was ich gern dabeihätte, ist nicht hier…

Ich fühle mich zerrissen. Ambivalent. Auch geplagt von einem schlechten Gewissen.

Natürlich freue ich mich darüber hier sein zu können! Es bringt mir auch Spaß im Café zu arbeiten! Ich liebe meine Freundin! Sie ist ein ganz wunderbarer Mensch.

Doch das Café ist ihr Traum. Ihre Sehnsucht. Ihre Welt. Genauso wie dieser Hof hier.

Bin ich undankbar, weil ich andere Pläne schmiede? Weil ich es anders haben will?

Ich denke, es ist wichtig, sein Leben immer wieder zu reflektieren und auch zu schauen, wo man aktuell steht und wo man hinwill. Wer will sich schon verlaufen?

Natürlich mache ich erstmal weiter. Jetzt bin ich hier. Doch es ist wichtig, dass ich Abläufe in meinem Tag verändere, um den inneren Frieden wiederzurückzugewinnen. Aktuell herrscht in mir nämlich Chaos.

Dinge, die mir wichtig sind, bleiben liegen. Das gefällt mir nicht. Die Mail an einen guten Freund, der in Brasilien lebt. Das Kümmern um die Theatergruppe habe ich auf die Zeit verschoben, in der wir dann hier in unserem Haus leben. In Ruhe ein gutes Buch lesen. Mal wieder ein Bild malen. Meditieren…

Ja, ich weiß. Es ist sozusagen eine Zwischenzeit, in der ich mich befinde. Eine Zeit zwischen der alten und der neuen Heimat. Ich schwebe irgendwo dazwischen.

Wisst ihr, für mich kam nie eine WG in Frage. Einmal lebte ich plötzlich zwangsweise in einer.

Ich hatte eine Wohnung angemietet, in der der Vermieter – ein Architekt – ein halbes Zimmer, behielt, weil er, wenn er mal in der Stadt sein würde, einfach mal etwas ablegen wollte. Es war vollkommen in Ordnung. Es klappte auch hervorragend. Wenn er da war, tranken wir manchmal zusammen ein Glas Wein oder einen Kaffee. Doch plötzlich zog seine zwanzigjähre Stieftochter dort ein. Ich war Mitte Dreißig. Sie war Friseurin und als ich von der Arbeit nach Hause kam, schnitt sie gerade in der Küche fremden Leuten die Haare. Die Küche voller Haare, das Bad voller Haare und mein Geschirr – von ihr benutzt – verbrannt und dreckig dazwischen. Mandy hieß sie, daran kann ich mich wieder erinnern. Und sie kam aus Berlin.

Sie zog vor mir wieder aus. Als ich von der Arbeit heimkam, hatte sie all ihre gepackten Kartons in meinen Räumen abgestellt. „Ich wusste nicht wohin damit“, hieß es lapidar.

Ich wusste schon immer, wieso eine WG für mich keine Option ist.

Nun lebe ich sozusagen wieder in einer – und dazu noch in einem Raum, der nicht wirklich meiner ist.

Nicht meine Möbel, nicht mein Geschmack – und immer noch das Büro meiner Freundin.

Also ich, die eigentlich von einer einsamen Insel träumte, nie in einer WG leben wollte und schlussendlich viele Menschen auf einmal schwer ertragen kann, erlebt jetzt genau all das – und das auch noch alles auf einmal. Ja, es ist gerade schwer auszuhalten für mich und ich zähle innerlich die Monate. Bis Ende des Jahres, dann habe ich es überstanden.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

P.S.: Das ist mein Wahrnehmung. Andere sagen über mich, ich sei ein sehr optimistisch wirkender Mensch, ein Menschenfreund, lebensbejahend, lebendig…

Vielleicht haben sie auch recht, nur manchmal ist weniger einfach mehr – und für mich definitiv besser zu ertragen.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

16 Comments

  1. Nicht nur die Seele braucht zwischendurch etwas Ruhe um sich wieder zu erholen und neue Kraft zu sammeln, liebe Kaya.
    Gönne sie dir, lass zwischendurch einfach mal die Seele baumeln und du wirst es genießen.
    Ganz liebe Grüße von Hanne 🌞🌻🍀
    Finde deine schönen Beiträge plötzlich nicht mehr im Reader und hoffe sehr, dass meine Neuanmeldung klappt, denn möchte dich nicht in meinem mir sehr lieb gewonnenen Bloggerkreis verlieren. 🤗

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Hanne, das fände ich auch schade. Wieso warst du denn nicht mehr bei den „Followern“? Keine Ahnung, was passiert ist, wenn DU nicht selbstgegangen bist.
      Ansonsten suche ich mir natürlich weiterhin meine Ruhekissen…
      Ganz liebe Grüße für Dich von Kaya

      Gefällt 1 Person

      1. Passiert immer wieder mal, dass der Reader spinnt, oder etwas bei WP gebastelt wird und dadurch entsprechendes Chaos im Reader entsteht.
        Freue mich nun aber sehr, dass dein Beitrag noch Neuanmeldung wieder bei mir auftaucht und ganz liebe Grüße für einen hoffentlich guten Tag mit genügend entspannten Ruhepause sende ich dir. 🍀🌻

        Gefällt 1 Person

    2. Ich bin’s noch mal. Also bei den Followern bist Du noch ganz normal dabei. Allerdings scheint sich bei deinem letzten Kommentar irgendein Fehler eingeschlichen zu haben, den ich auch nicht erklären kann. Technik halt … 🙂

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  2. Ach Kaya, freue Dich erst einmal über den Job im Cafe‘. Und ansonsten hat ja alles Negative auch erwas Positives. Die Arbeit lenkt doch ab. Denk ´mal, Du müsstest den ganzen Tag damit verbringen den Leuten beim Hausbau zuzusehen. Mithelfen kannst Du eh´nichts, aber einer muss ja vor Ort sein um das Gröbste zu vermeiden.. o.k. etwas überspitzt😉 Das wird alles noch ein paar Monate dauern und dann denkst Du nicht mehr daran. Wir haben die letzten 4 Monate vor Einzug in unser Haus in einer angemieteten möblierten Wohnung verbracht. In einem hochmodernen „Energiesparhaus“ (wenn ich das Wort noch einmal höre zerreisst es mich..) und uns den Allerwertesten abgefroren ,( sch.. Soloaranlage, trotz Zusatz Pellet Heizung und das Zeug dann noch 2 m hoch in einen Einfüllschacht kippen). Und ausser täglich einmal Baustelle nichts zu tun. Einkaufen war auch nicht, weil wohin mit dem Zeug? Also ich kann kurzfristigen Frust verstehen und drücke die Daumen für das nächste Erfolgserlebnis. Wahrscheinlich Bodenplatte..😊

    Gefällt 2 Personen

    1. Wieso muss ich eigentlich bei DEINEN Kommentaren immer lauthals lachen? Kannst Du mir das bitte mal erklären?
      Natürlich hast Du ganz und gar Recht. Ja, ich weiß das. Doch es fällt mir halt schwer, gefühlsmäßig gerade damit zurechtzukommen und es wäre vermutlich alles leichter, wenn ich besser schlafen würde. Das nervt mich, echt.
      Wenn ich dann Euer Wohnen im „Energiesparhaus“ lese, dann doch lieber hier … 🙂
      Und sicher ist es von Vorteil, von einem großen Vorteil, jetzt hier zu sein. Außerdem arbeite ich ja auch gern im Café … ach, manchmal spielen Gefühle wirklich verrückt…

      Meinetwegen dürfen sie die Bodenplatte gern morgen schütten … doch das dauert noch ein wenig und das muss ja noch verschalt werden… ich werde berichten.

      Gefällt 2 Personen

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