Achtung Hund!

>> Nicht bellende Hunde beißen auch nicht – zumindest nicht immer. <<

Die Frau lief schreiend weg. Wie von einer Tarantel gestochen. Wusste so schnell gar nicht wohin sie laufen sollte. Ihre Bekannten, mit denen sie an einem Tisch gesessen hatte, kicherten vor lauter Vergnügen.

Ich wusste zuerst gar nicht, was los war. Ich saß an diesem Tisch, blickte über andere hinweg und sah diese Frau eigentlich kreischend und mit den Armen fuchtelnd hinten im Gebäude verschwinden. Wo wollte sie denn hin?

Sie war ganz offensichtlich ein Gast und auf der Tür, durch die sie weglief und verschwand, stand ein Schild mit dem Wort „Privat“.

Ein Mann, der mit ihr am Tisch saß, durchquerte dann plötzlich offensichtlich verlegen lächelnd das Café und zuckte mit den Schultern, als würde er versuchen, das Verhalten der Frau zu entschuldigen.

Dann sah ich auch den Übeltäter, der wohl dieses ganze Drama ausgelöst hatte – einen Hund. Einen kleinen Hund. Einen ziemlich kleinen Hund. Eigentlich sogar einen klitzekleinen Hund.

Der Hund einer älteren Dame, die nun auch begriff, was da passierte, die aber gar nicht so schnell reagieren konnte, denn sie war nicht besonders gut zu Fuß und kam gar nicht schnell genug von ihrem Stuhl hoch. Aber der Hund, der war schnell – und ohne Leine. Der rannte hinter dem Mann und der Frau her. Freudig mit der Rute wedelnd und irgendwie leicht hüpfend. Wie ein kleiner Flummi.

Wie sich später herausstellte, hatte diese Frau eine panische Angst vor Hunden – egal welcher Größe. Hund zu sein reichte aus. Ob nun bellend oder laufend. Eine Hundenase zu haben löste die Panik bei ihr aus. Ein Hund, der sich bewegte, auf welche Art und Weise auch immer.

Die ältere Dame saß mit ihrem Hund am Tisch neben der Eingangstür. Die andere Frau betrat wohl gerade das Café, als der Hund sich überlegte, seinem langweiligen Dasein ein Ende zu bereiten und sich das Café einmal genauer anzusehen. Als die Frau also durch die Tür trat, trat der Hund unter dem Stuhl und dem Tisch hervor, direkt und unmittelbar vor die Füße der Frau. Er bellte nicht einmal. Er gab kein Laut von sich. Er war einfach nur da.

Die Frau sah den Hund, riss Augen und Mund auf und fing an zu rennen. Sie rannte nicht wieder raus, sondern in das Café hinein. Einmal quer hindurch, zur gegenüberliegenden Wand, auf jene Tür zu, auf der dieses Schild „Privat“ stand. Dann folgten das Kichern und Lachen von draußen, wo sie mit ihren Bekannten an einem Tisch saß und dann folgten auch schon der Mann und der klitzekleine Hund, der, wie sich dann auch noch herausstellte, Herkules hieß.

Die Wirtin – ich kannte sie nicht – wollte ich doch einfach mal in einem anderen Café sitzen – und der Mann und Herkules kamen alle gleichzeitig an der inzwischen offenstehenden Tür „Privat“ an.

„Was ist denn hier los?“, wollte die Wirtin wissen. Was doch eigentlich ziemlich offensichtlich war, doch die Wirtin hatte wohl davon gar nichts so wirklich mitbekommen.

„Entschuldigen Sie“, sagte der junge Mann und nun forderte Herkules auch das erste Mal Aufmerksamkeit ein und fing an zu bellen. „Meine Freundin hat Angst vor Hunden.“

Die Wirtin sah auf den Mann, dann auf Herkules und verschwand dann, mit dem Mann und Herkules hinter der Tür mit dem Schild „Privat“.

Inzwischen war auch die ältere Dame aufgestanden und rief ganz laut nach ihrem Hund: „Herkules! Herkules komm sofort hierher! Was machst du denn da?“ Und sie schritt langsam durch das Café in Richtung besagter Tür. Jeden Schritt mit Bedacht gesetzt. Offensichtlich konnte sie nicht schneller gehen.

Da kamen dann auch schon die anderen drei Personen, mit Herkules, den die Wirtin am Halsband gepackt hatte und dabei ein lustiges Bild abgab – immerhin war Herkules klitzeklein und die Wirtin wollte ihn wohl nicht auf den Arm nehmen, wieder heraus. Der Mann hielt seine Freundin beschützend umarmt.

Als die ältere Dame näherkam, entrüstete sie sich: „Was machen Sie da mit meinem Herkules?“ „Entschuldigen Sie bitte“, sagte die Wirtin und es klang ziemlich süffisant. „Ich habe es mir erlaubt, ihren Hund einzufangen und wenn Sie noch länger ihren Kaffee hier trinken wollen, dann sollten sie den an die Leine nehmen. Auf jeden Fall darf er hier nicht einfach herumlaufen!“ Sie machte einen ziemlich erbosten Eindruck und der junge Mann schaute noch böser drein. Die junge Frau zitterte vor Angst. Ich selbst konnte das alles gar nicht fassen. War das echt oder nur gespielt?

Dann erhob sich die Wirtin, wobei sie Herkules mithochhob und der älteren Dame einfach gegen die Brust drückte und wiederholte ihre mahnenden Worte in leicht abgewandelter Form: „Ihren Herkules lassen Sie hier nicht mehr freiherumlaufen! Entweder halten sie ihn auf dem Arm fest oder leinen ihn an! Es kann nicht sein, dass er auf andere Gäste zustürmt!“ Die ältere Dame murmelte etwas von Entschuldigung und schaute ziemlich zerknirscht drein. Es war ihr sichtlich unangenehm. Dann löste sich die Gruppe wieder auf. Das junge Paar setzte sich wieder nach draußen zu den anderen an den Tisch und die ältere Dame an ihren. Herkules bekam eine Leine angelegt und lag nun brav unter dem Tisch, zwischen den Füßen der älteren Dame, deren Füße allerdings leicht in der Luft baumelnden, weil die Dame so klein war.

Warum die junge Frau allerdings überhaupt ursprünglich reinkam weiß ich nicht. Vielleicht hatte sie eine Frage oder musste mal aufs Klo. Die Antwort blieb offen, denn die Frau kam nicht noch einmal zurück.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

Bild von Foto-Rabe auf Pixabay

20 Comments

  1. Liebe Kaya,
    wieder ganz toll geschrieben und auch rübergebracht.
    Ziemlich chaotisch und irgendwie schon sehr lustig, wenn auch nicht für die Frau mit Phobie gegen Hunde.
    Früher war auch ich Hunden gegenüber ziemlich ängstlich, weil mir in meiner Kindheit mal ein Hund extrem heftig „begrüßte“. Aber nachdem sich meine Tochter einen sehr großen Mischlingshund, der brav wie ein Lamm war anschaffte, verwandelte diese Angst sich in fast schon Liebe und alles war gut.
    In Restaurants oder auch Biergärten usw finde ich es aber so oder so nicht so dolle, wenn Hunde einfach so herunlaufen und jeden beschnüffeln, weil gerade beim Essen nunmal nicht jedermanns Sache.
    Liebe Grüße von Hanne und hab noch einen richtig schönen Tag 🌞🍀🌻

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    1. Natürlich ist das nicht in Ordnung! Hunde sind in Restaurants, Cafés und anderen Bereichen, wo sich viele Menschen aufhalten, immer anzuleinen! Da gibt es auch nichts zu diskutieren und wenn ein Hund auch noch so „lieb“ ist. Dann haben Hunde unter dem Tisch oder so zu liegen, dass sie keiner anderen Person in die Quere kommen können.
      Und wenn jemand – warum auch immer – Angst vor Hunden hat, steckt dahinter wohl meistens eine schlechte Erfahrung. Darauf haben Hundebesitzer dann auch Rücksicht zu nehmen.
      Ich habe heute mal wieder gearbeitet, so wünsche ich Dir jetzt noch einen zauberhaften Abend, liebe Hanne. Kaya 🙂

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  2. Na ja. Toll geschrieben, aber eben nicht lustig, wenn man Phobien, Angststörung oder Traumata hat. Ich finde die Reaktion der Wirtin ganz gut. Es sind ja nicht immer harmlose Hunde, die ohne Leine laufen…wir haben da auch solche, die nicht kompatibel sind, second hand Hunde, die bereits selber verstört sind. Nun ja, die „Zufälle“ die da so passieren im Leben…je mehr Angst, umso mehr scheint man die dann auch anzuziehen. Die ursprüngliche Angst ist dABEI MEIST EINE GANZ ANDERE:. Von der man nichts weiss. Es gibt jedenfalls Verhaltenstherapeuten, die da eine grosse Hilfe sind, und die sollte man dann wohl auch aufsuchen, statt die gesamte Mitwelt zu terrorisieren mit seiner Angst. Das macht nämlich Tyrannen am Ende, wenn immer alle drauf eingehen. Schwierig, ich weiss…

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    1. Okay. So genau habe ich mich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt. Als ich mal Angst vor etwas hatte, habe ich diese besieht, in dem ich mich ihr stellte. Dann war das auch ganz schnell wieder vorbei – und die Angst war mächtig groß. Allerdings fand ich nicht, dass diese Frau ihre Mitwelt mit ihrer Angst terrorisierte. Das tat ich auch nie. Wäre der Hund angeleint gewesen, wie er es hätte eigentlich sein müssen, dann wäre ja (vermutlich) auch gar nichts passiert.
      Das mit dem Verhaltenstherapeuten ist natürlich für jene Fälle, die eventuell tatsächlich ihrer Umwelt mit ihrer Angst das Leben schwermachen, womöglich tatsächlich eine hilfreiche Möglichkeit.

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  3. Stoff für eine Verfilmung, diese kleine nette Satire. Liebevoll beschrieben und in Worten, die man nicht spürt: Es läuft nur ein Film vor einen ab. Das ist so deine Stärke, dass man niemals irgendwo sprachlich hängen bleibt. Man liest und liest und spürt gar nicht mehr, dass man Worte aufnimmt: Alles erscheint wie ein Film. Großes Kino einer großen Schriftstellerin. Ich liebe dich du kleine Drecksau ^^

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  4. Ach, die arme junge Frau. Wenn man unter einer solch panischen Angst leidet, dann hilft es auch nicht, wenn einem der Verstand bzw. die Mitmenschen sagen, dass der kleine Herkules trotz seines gewichtigen Namen ihr ganz bestimmt nichts zuleide tun wird…

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  5. Den Dackel meiner Eltern taufte ich PLUTO und meinen Kater nannte ich SATAN. Beide furchterregend klein und ganz freundlich.. Aber damals gab es ja auch noch nicht so viele Allergien ☺️☺️ Oder die Frauen waren belastbarer und erschraken erst vor weissen Mäusen oder niedlichen Spinnen ☺️Aus einem lustigen Thema gleich in die Tiefenpsychologie zu gehen war zu meiner Zeit auch noch nicht „in“. Vielleicht sollte man heutzutage auch noch Lachseminare einführen.. Wenigstens Du kannst Dir die Kursgebühren sparen👍

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    1. Geniale Namen hatten deine Tiere. Ansonsten schaut halt jeder aus seinem Blickwinkel auf die Dinge.
      Du weißt doch, wenn man schwanger ist, sieht man nur noch Frauen mit dicken Bäuchen. Will man einen Harley, sieht man nur doch diese Maschinen über die Straßen knattern. So ist es vermutlich auch mit der Psychologie.
      Danke für die Blumen…

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