Der erste Job

>> Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen, nicht die, die wir tun <<

(Marie von Ebner-Eschenbach)

>> Nichts ist hilfreicher als eine Herausforderung, um das Beste in einem Menschen hervorzubringen. <<

(Sean Connery)

Eigentlich ging schon alles ziemlich früh los. Meine Eltern hatten einen Laden. So einen, in dem Gemüse, Obst und Blumen verkauft wurden, und zur Weihnachtszeit Tannenbäume, Adventsgestecke und Kränze. Ein Laden, der sich im Gebäude meiner Großeltern befand. So wohnten die beiden nebenan und dahinter war ein großer Garten. Ein Garten voller Obstbäume und einem Rasen, auf dem mein Großvater immer auf allen vieren herumkroch, um den Löwenzahn mit einem Kartoffelschälmesser herauszustechen. Die Knie an seinen Hosen waren immer schnell durchgescheuert und auf jeden Fall meistens grasgrün oder erdbraun.

Früher verkauften meine Eltern auch Getränke. Aber nur wenige. Es gab ein Regal, auf dem immer ein paar Flaschen von jeder Sorte hintereinander standen. So gab es eine Reihe mit Zitronen- und eine mit Orangenlimonade, eine Reihe Apfel- und eine mit Orangensaft, eine Reihe Bier, eine mit Mineralwasser und so weiter. Es waren höchstens zwölf verschiedene Sorten und immer ungefähr fünf Flaschen. Die waren natürlich irgendwann weg oder beinahe weg. Dann mussten die Getränke wieder aufgefüllt werden. Das war schon früh meine Aufgabe. Dafür gab es dann einen Korb, mit dem ich runter in den Keller gehen musste. Eiserne, schmale Stufen in einen muffigen, feuchten Keller, dessen Decke ziemlich niedrig war.

Die andere Aufgabe bestand schon früh darin, Zwiebeln abzuwiegen. Früher gab es die Zwiebeln nur lose. Mein Vater brachte Säcke aus Jute vom Großmarkt mit, in denen sich entweder Kartoffeln oder Zwiebeln befanden. Manchmal gammelten welche darin vor sich hin – das stank bestialisch und wenn man reingriff, fühlte es sich fürchterlich matschig an. Die Zwiebeln wurden im Laden entweder pfund- oder halbpfundweise verkauft. Dafür wurden sie abgewogen und in Papiertüten gepackt. Die Waagen waren alt, ihre Schalen schon leicht verbeult. Es waren die Waagen, wo noch so ein Zeiger kiloweise das Gewicht anzeigte. Wo man noch selbst rechnen und einen Hebel weiterdrehen musste, wenn es mehr wurde, als ein Kilo.

Mit zwölf Jahren half ich mit im Verkauf. Von März bis Oktober und zur Weihnachtszeit stand ich jeden Freitagnachmittag – nach der Schule und jeden Samstagvormittag im Laden. Zehn Mark bekam ich für einen halben Tag. Später wurde es mehr. Das Kopfrechnen liegt mir noch heute.

Im Sommer stand viel der Ware draußen. Besonders in der Pflanzzeit war die Auslage mächtig groß. Es war ein reines Blumenmeer! An der Markise hing alles voller Blumenampeln und dann stapelten sich die Kisten und Kästen voller Blumenpflanzen und an den Seiten die Kartons, in denen die Leute die Blumen und Pflanzen nach Hause schleppten.

Ich trug eine grüne Schürze, in deren Tasche ich das Geld stopfte, weil ich nicht dazu kam, es nach drinnen zu bringen, um es in die Kasse zu legen. Die Kunden standen einfach Schlange.

Im Winter stand der Garten meiner Großeltern voller Tannenbäume, die wir zum Verkauf morgens zum großen Teil nach vorne hievten und zum Feierabend wieder nach hinten. Es pikste und wenn es geregnet hatte und kalt war, spürte man die Nässe und die Kälte durch und durch. Mein Vater saß viel unten im Keller, wo er Weihnachtskränze band und schmückte und auch Adventsgestecke selbermachte. Es roch immer nach ganz viel Tannengrün und Orangen und Zimt im Laden. In einigen Jahren baute er mit uns zu Hause in der Küche ein großes Hexenhaus, was er dann im Schaufenster ausstellte, um die Menschen raten zu lassen, wie viele Nüsse sich zur Dekoration darauf befinden würden. Man konnte Preise gewinnen, wie eine Kiste Orangen oder ein Sack Nüsse oder Äpfel.

Meine Schwester und ich durften uns auch jedes Jahr unser eigenes Adventsgesteck zusammenstecken und dekorieren. Dafür gab es ein Stück Holz – meistens eine Scheibe Baumstamm – auf das mein Vater einen Klumpen Ton befestigte. Er schlug einen Nagel in das Stück Holz, schob den Ton rüber und auf den Nagel eine Kerze. Drum herum steckten wir dann Tannenzweige in den Ton hinein und danach verzierten wir es mit allen möglichen Dingen, die mein Vater mengenweise, vorrätig hatte; wie bunte Kugeln, kleine Fliegenpilze, Schleifen, Glocken, Zapfen, Sterne…

Bei uns Zuhause gab es immer eine grüne Glasschüssel voller frischer Früchte und zum Mittagessen nur frisches Gemüse. So wuchs ich auf.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

P.S.: Was war euer erste Job?

Bild von alefolsom auf Pixabay

P.S.2: Meine Eltern haben irgendwo noch Fotos vom „echten“ Laden. Ich werde mir mal Fotos geben lassen und hier später einfügen.

12 Comments

  1. Bis auf Blumen und Tannenbaeme kann ich alles nachvollziehen. Meine Eltern hatten zwar keinen Laden, es war aber der Laden in dem die immer einkaufen. Und da wurde erst mein älterer Bruder und als Nachfolger mein Genie zur Mitarbeit gebeten. Allerdings nicht ganz so fürstlich entlohnt. Dafür gab es aber „obendrauf“ immer noch Naturalien. Auch war es üblich mit Geschäftsfahrrädern (kleines Vorderrad und grosser Metallkorb Kommissionen“ (Bestellungen ) ftrei Haus zu liefern. Ein gutes Training für meine kommende Radsport „Karriere“ und es gab meistens ein gutes Trinkgeld. Ich konnte mit meinem „Verdienst“ die Hälfte für den Kauf meiner ersten Rennmaschine ansparen (die andere legte mein Vater drauf). Es war damals ueblich zu jobben. Von Kinderarbeit will ich da auch nicht reden. Ich habe in der Zeit mehr gelernt als man glaubt. Natürlich hat auch mit der Ladeninhaberin die Chemie gestimmt. Die war immer freundlich, auch wenn ‚mal was schieflief. Also lernte ich such, wie ich viel, viel später mit meinen Mitarbeitern zurechtkommen konnte. Ich hatte später noch viele Jobs, z.B. Erntehelfer, Zeitungsaustraeger (Hilfs)Bademeister, Detektiv, Moped Bote und das Übliche: Taxifahrer (da besaß ich dann in frühester Jugend dann aber auch eigene Taxis in Frankfurt). Im „richtigen“ Beruf kamen wir alle gemachten Erfahrungen zugute. Aber der erste Job und das erste selbstverdiente Geld – fast wie der erste Kuss☺️

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    1. Oh Jürgen, danke für Deine Geschichte! Und Du hast ja mächtig viele Jobs ausgeübt, wow. Dazu kam es bei mir gar nicht.
      Ich habe irgendwie nie etwas anderes getan, bis zu meiner Ausbildung und den Studiengängen. Gejobbt habe ich nur im Geschäft meiner Eltern. Erst später, als sie ihr Geschäft schon wegen des Rentenalters aufgegeben hatten, jobbte ich mal nebenbei in einem Reformhaus oder passte auf die Kinder anderer Leute auf – wo ich auch wieder für den „Frische-Bereich“ zuständig war. Für andere Jobs in der Kindheit oder Jugendzeit hatte ich keine Zeit und meinen Eltern hätte es bestimmt auch nicht gefallen, sie brauchten mich. Oh, da fällt mir doch noch ein Job ein! Ich passte mal für den Sohn eines befreundeten Ehepaares meiner Eltern auf, wenn diese abends auf Party gingen. Das Baby schlief und ich saß im Wohnzimmer, sah fern und hatte jede Menge Leckereien zur Verfügung gestellt bekommen. Entweder schlief ich dort auch oder wurde dann irgendwann nach Hause gefahren.
      Und ähnlich wie Du, konnte ich mir von meinem Lohn auch immer etwas zusammensparen. Meine erste Errungenschaft war meine „erste richtige Jeans“. Eine Wrangler. Schon damals kostete sie 70 D-Mark. Dafür musste ich ganz schön viele Stunden arbeiten. Die Freude und der Stolz fielen entsprechend groß aus.
      Die Lieferungen übernahm mein Vater mit dem Lkw. Solche Fahrräder, wie Du sie beschreibst, die gab es bei uns nicht.

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      1. Auf jeden Fall hätten wir schon aufgrund unseres Tagesablaufs überhaupt keine Zeit Dugs & Sonstiges gehabt.. Und mich ärgert das Geschwafel der neuen „Kümmerer“ über Kinderarbeit in Deutschland wirklich. Die sind zu blöd zwischen Schülerjobs und Sklaverei zu unterscheiden. Vielleicht weil sie aus einem Luxushaushalt kommen. Das Arbeit auch das Selbstwertgefühl steigert ist denen irgendwie total fremd. Ich habe übrigens auch ohne drohende Altersarmut noch bis 70 gearbeitet. Zwar nicht täglich und ’nur“ projektbezogen, aber gerne.

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        1. Hm, also ich hatte Zeit für Müßiggang und auch mal Nichts zu tun. Im Schwimmbad „abzuhängen“, Freunde treffen, mit dem Nachbarhund spazieren zu gehen, mich am Nachmittag auf einer Wolldecke in den Garten zu legen und ein Buch zu lesen und solche Sachen. Das würde ich auch nicht missen wollen.
          Ich finde, heute fehlt da für die Kinder und die Jugendlichen eine gesunde Balance und auch die „gesunden“ Möglichkeiten.
          Wir hatten mittags schulfrei. Ja, wir haben dann noch Hausaufgaben gemacht und manchmal für eine Klausur gebüffelt. Doch irgendwie blieben immer noch genug Stunden für Freizeit, für Hobbys und auch einen Job.
          Heute dauert die Schule bis in den Nachmittag hinein und dann müssen viele Kinder noch zusätzlich zu Hause für die Schule lernen und Zeit investieren. Das finde ich persönlich einfach zu viel. Kinder sollten noch eine Kindheit haben dürfen, ohne schon chinesisch lernen, ein Tennisprofi oder Klaviervirtuose werden zu müssen.
          Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Kleinkinder werden vor das Tablet gesetzt und spielen irgendwelche Onlinespiele oder schauen sich Filme an. Ohne ein Smartphone oder iPhone läuft heute kein Jugendlicher mehr herum. Früher hatten wir zwanzig Pfennig in der Tasche, die wir für den Notfall benutzten, um in einer Telefonzelle anrufen zu können. Heute unterhält man sich nicht mehr persönlich, man hockt vor seinem Laptop und chattet miteinander oder spricht über eine Videoschaltung miteinander. Man spielt eher Onlinespiele als zusammen Mensch-ärgere-dich-nicht.
          Die Anforderungen an die Kinder und Jugendlichen sind – meines Erachtens – enorm gestiegen, was ich nicht als eine positive Entwicklung betrachte.
          Sie werden um ihre Kindheit und Jugendzeit gebracht. Eine Zeit für Freiräume, Müßiggang und Nichtstun-können. Der Druck ist immens. Nicht umsonst sind immer mehr von ihnen psychisch krank und werden mit Happy-Pills gefüttert.
          Diese Generationen sind doch in erster Linie der Spiegel ihrer Elterngeneration und den anderen älteren Menschen.
          Nicht das Du oder ich persönlich dafür verantwortlich wären. Doch wir tragen doch alle – irgendwie – einen Teil dazu bei, dass es so ist, wie es ist und vor allen Dingen auch so sein kann und sogar so bleibt und noch extremer werden kann.

          Kein leichtes Thema, was Du hier in den Ring wirfst.

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          1. Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Andererseits wäre es angebracht einen „Elternführerschein“ als Voraussetzung zum Kinder in die Welt setzen einzuführen. Wie sich da so manche um ihren Nachwuchs kümmern ist auch Ursache für die momentane Situation..

            Gefällt 2 Personen

  2. Wieder so schön zu lesen, liebe Kaya und vor allem auch sehr interessant. Tolles Thema!
    Mein erster Job war zusammen mit meinen Brüdern Kartoffelkäfer von den Pflanzen abklauben, später bei der Ernte helfen und Kühe hüten auf einem nahe gelegenen Bauernhof während den Schulferien. Dafür gab es mittags eine dicke Suppe, die ich (olle Zimperliese) wegen der vielen Schmeißfliegen darauf aber nicht essen konnte und 50 Pfennig für den ganzen Tag schwere Arbeit, von denen wir uns teils dann auch Schulhefte kauften.
    War zwar eine ziemlich harte Zeit, aber auch sehr schön und trotz, oder wahrscheinlich gerade wegen keinerlei elektronischem Kram, wurde uns während der ja doch langen Ferienzeit nie langweilig.

    Liebs Grüßle von Hanne 🍀🌞

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    1. Liebe Hanne, ich liebe solche Geschichten! Ich möchte nie aufhören, solche Geschichten zu sammeln und irgendwie und irgendwo festzuhalten, wie beispielsweise jetzt hier. Du zauberst mit Deinen wenigen Worten so herrliche Bilder in meinen Kopf. Ja, es war bestimmt eine schwere Zeit, doch die heutige Zeit ist für die Kinder und Jugendlichen sicherlich auch nicht leicht, nur anders schwer, finde ich.
      Beim Lesen Deiner Zeilen fiel mir sofort meine Ferien als zehnjährige auf einem Bauernhof ein. Jeden Abend schnitten wir die Rüben für die Kühe klein. Dass das Arbeit gewesen sein könnte, auf die Idee kam ich bis eben gar nicht. Es gehörte irgendwie zu den Ferien dort dazu. Wir finden auch Ferkel ein, die davon gelaufen waren, nachdem jemand vergaß, den Stall zu schließen… Für mich war das alles ein großes Abenteuer.

      Liebe Grüße für Dich, Kaya

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  3. Schöne Erfahrung und prägend fürs Leben, dass man früh mithilft, das Überleben der Familie zu sichern. Ich selbst habe einmal die Woche Zeitschriften ausgefahren. Meine Oma kommt aus dem Hunsrück und da haben die Kinder schon früh bei der Kartoffelernte geholfen oder die Hühner gefüttert usw.

    Zu älteren Zeiten wurden Kinder sogar ins Bergwerk geschickt. Durch den ständigen Lichtmangel wuchsen sie nicht mehr. Es fehlte ihnen das Vitamin D, das für das Knochenwachstum nötig ist. Daher die „Zwerge“ in den Märchen usw.

    LG Sven 🙂

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    1. Wow, dass daher „die Zwerge“ kommen, wusste ich gar nicht. Wie interessant, aber auch sehr aufschlussreich. Dabei las ich auch mal ein Buch, in dem es sich um die Deutung von Märchen drehte.
      Ich halte dergleichen Erfahrungen (außer die mit dem Bergwerk natürlich) für Kinder oder Jugendliche wichtig. Als ich mir meine erste eigene Jeans kaufte oder sogar auf meine erste Stereoanlage sparte, war ich mächtig stolz, das mit meinem eigenen verdienten Geld bezahlt zu haben oder auch Leistungen für die (Familien-)Gemeinschaft ohne dafür entlohnt zu werden. Geschadet hat es uns auf jeden Fall nicht.

      Liebe Grüße, Kaya

      Liken

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