Der erste Kuss

>> Zehn Küsse werden leichter vergessen als ein Kuss.<<

(Jean Paul – (1763 – 1825) – deutscher Schriftsteller)

Seine Lippen waren ganz weich. Sehr weich sogar. Ich war vierzehn und wir waren in Spanien. Urlaub machen. Was auch sonst. Wir waren eine Gruppe von über zehn Leuten. Drei Familien. Ein Haufen Kinder und in einem Fischerdorf in einer der dortigen Restaurants. Damals noch ganz urig. Zusammengewürfelte Stühle und Teller. Die Teller teilweise mit abgesprungenen Ecken, die Tische wackelig. Und überall diese Wachstischdecken drauf. Speisekarten existierten dort noch nicht. Man ging in die Küche, wo der Koch die Deckel von Töpfen und Pfannen hochhob und man draufzeigte, was man haben wollte.

Das Restaurant war direkt am Hafen. Hafen bedeutete ein paar Fischerboote, an den Strand hochgezogen und ein paar Netze, an denen ein paar Fischer saßen, um sie zu flicken. Das Restaurant lag ein Stück höher, als der Sandstrand und war durch eine flache Mauer davon abgetrennt. Auf dieser Mauer saß ich, als er sich neben mich setzte und mir sein Glas zum Trinken anbot.

Er hieß Tino. Eigentlich Augustino, aber das erfuhr ich erst später. Er hatte grünbraune Augen und volle Lippen, deren Küsse sich ganz weich anfühlten und häufig nach Kaugummi schmeckten. Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack.

Geküsst haben wir uns an diesem Abend natürlich noch nicht. Außerdem beobachteten die Erwachsenen uns mit Argusaugen.

Tino arbeitete zufällig in dem einen Supermarkt, der sich in unserer Wohnanlage befand. So sahen wir uns täglich. Abends kam er dann mit seinem Auto und wir schlenderten Hand in Hand durchs Gebäude oder über den Parkplatz oder unten am Strand entlang. Am dritten Tag küssten wir uns das erste Mal.

Oh, natürlich wurde davon abgeraten! Urlaubsliebe, die wollen nur das eine. Wenn du weg bist, dann nimmt er sich gleich die nächste… Vielleicht war das so. Vielleicht auch nicht.

Als ich zwei Jahre später wieder dort war, waren wir sofort wieder vereint. Dann zwei Jahre später, er arbeitete ganz woanders, ich wusste nicht wo, liefen wir uns zufällig gleich am ersten Tag im Fischerdorf über den Weg. Ich ging in eine Straße hinein, eine Haustür öffnete sich und Tino trat heraus und erkannte mich sofort. Nach diesem Urlaub wurde das Abraten noch schlimmer. Doch dann trafen seine ersten Briefe ein…

Wieso auch immer, irgendwann wurde mir klar, dass das keine Zukunft für mich hatte. Das war lange nach den letzten Briefen, die irgendwann ausblieben. Das kam auch erst, als ich wieder dort war und nachdem ich ihn auch wiedertraf. Erneut auf zufällige Art und Weise. Er stand dann dort an einem Tresen, während ich mit anderen an einem Tisch saß. Er blickte zu mir rüber und prostete mir zu. Er lächelte und sprach mit dem Mann hinter dem Tresen. Ich konnte es genau spüren, es lag Fremde zwischen uns. Ein Graben, etwas Unbekanntes. Es schmerzte und war doch auch schön. Ich sah in sein schönes Gesicht. Blickte in diese tiefgründigen Augen, schaute auf seine Lippen, lauschte der fremden Sprache um mich herum und wusste – es war vorbei. Natürlich war da ein Stück Traurigkeit, doch Dankbarkeit und auch Freude, die waren irgendwie größer.

Der erste Kuss.

Erzählst du uns die Geschichte deines ersten Kusses?

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

Bild von RENE RAUSCHENBERGER auf Pixabay

15 Comments

  1. Liebe Kaya,
    das schöne Zitat von Jean Paul als Start in diese, deine wunderschöne Geschichte des ersten Kusses geht so richtig ans Herz und weckt auch bei mir alte, aber ähnlich schöne Erinnerungen.
    Liebe und alles was sie beinhaltet ist immer ein sehr schönes und unerschöpfliches Thema, wobei ich selbst inzwischen lieber darüber lese als selbst etwas dazu oder darüber zu schreiben und frag mich jetzt bitte nicht, warum. 😉
    Herzliche Grüße von Hanne und hab noch einen richtig schönen Tag! 🌻🍀🌞

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    1. Liebe Hanne,
      alles ist gut. Das Leben hat doch auch noch so viele andere Geschichten zu bieten. Mir gefallen Deine Geschichten immer sehr gut. Und der heutige Tag war wirklich sehr schön, weshalb ich auch jetzt erst wieder hier bin.
      Liebe Grüße von Herzen für Dich, Kaya

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  2. Es sollen doch solche Geschichten sein, die man auch den Enkeln erzählen kann (F.J. Degenhardt).. und wenn das schon mit einer (mindestens) 18 / 14 Kombination anfängt.. Da habe ich doch prompt alle Jugendsünden vergessen. Aber schön war es doch – irgendwie☺️☺️

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  3. Hallo Kaya, sicher habe ich sogar schon wichtigere Dinge vergessen – aber ich weiß es wirklich nicht mehr genau. Dann muss es also halb so romantisch und halb so einprägsam wie bei dir gewesen sein.
    Das andere „erste Mal“ weiß ich noch ganz genau, aber das erzähle ich nicht.
    Ich wünsche dir heute einen schönen Sonnenuntergang

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    1. Hallo liebe Clara, man kann und muss sich ja auch nicht an alles erinnern. Der Sonnengang ist hier noch meilenweit entfernt. Mal schauen, wie er sich heute noch entwickelt – er könnte gut werden.
      Dir noch einen schönen Abend.

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  4. Hallo Kaya,
    Wirklich eine schöne Geschichte. Danke das du sie mit uns geteilt hast.
    An meinen ersten Kuss kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Könnte bei „Wahrheit oder Pflicht“ gewesen sein 🤔
    An den ersten Kuss, den ich übrigens meinem heutigen Mann gegeben habe, kann ich mich dafür genau erinnern.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend
    Liebe Grüße
    Monika

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    1. Hallo liebe Monika, schon dieser Kommentar von Dir ist doch schon eine schöne Geschichte.
      An meinen ersten Kuss mit meinem jetzigen Mann kann ich mich auch noch genau erinnern – da war ich neunzehn Jahre jung und es war in meinem ersten Auto – einem VW-Käfer. Die Geschichte, die folgt noch mal später, irgendwann … 😉
      Liebe Grüße, Kaya

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  5. Das mit Tino war wichtig für dich. Egal, was man über ihn denkt. Auch die Ernüchterung bei dem letzten Zusammentreffen war wichtig, ein erster Hinweis auf die Stacheln der Liebe, ein Schmerz bestimmt, eine Ernüchterung, ein Hinweis darauf, dass die Rose nicht nur duftet.

    Mein erster Kuss war in einer leerstehenden Gartenhütte, in einer verwilderten Gartenlandschaft, die schon von von der Städteplanung zum Abriss und zur Neubebauung aufgekauft wurde. Zwei Mädels hatten mich dorthin gelockt und ich musste beide abwechselnd küssen und zwar mit Zunge. Die eine küsste sehr zart und anschmiegsam, die andere eher grob und steif und schmeckte nach Knoblauch 😉

    Welche ich immer küssen musste, wurde durch „Flaschendrehen“ dem Zufall überlassen. Ich war erst 14 Jahre alt und die Mädels auch nicht älter, aber erfahrener. Ja, in Offenbach sind die Mädels viel früher den zwischenmenschlichen Genüssen zugeneigt, als etwa auf einem Dorf in der Provinz. Doch ich hab so das erotische Küssen in all seinen Spielweisen gelernt. Mehr ist auch nicht gelaufen, hatte auch keiner Bock drauf.

    Der erste Kuss mit meiner ersten Liebe geschah in einem Aufzug. Wie es genau dazu kam, kann ich nicht sagen. Ich war siebzehn und sie fünfzehn. Es war wohl die enge Nähe, die uns überwältigte. Wir schworen uns ewige Liebe und blieben immerhin fünf Jahre zusammen, verlobten uns. Dabei hatte sie zu der Zeit des Kusses einen 19jährigen Freund, der sich eine Waffe besorgte und einen Schäferhund und ich musste sehr vorsichtig sein, wenn ich ihm begegnete.

    So ist das, wenn man in einer Plattenbausiedlung aufwächst, da sind die Kinder frühreif und die Erwachsenen äußerst aggressiv. Ihr Ex-Freund hat dann zum Glück eine andere Liebe gefunden und wir konnten wieder miteinander reden. Er war ja zudem vor dem Kuss auch mein bester Kumpel. Ich bin ein Verräter, ich hab sein Vertrauen missbraucht. Doch die Gefühle waren stärker ..

    Später hat sie sich mit einem anderen Kumpel von mir eingelassen und ich bin fast daran gestorben, aber ich hab nur zurück bekommen, was ich selbst einmal verbrochen hatte. So spielt das Leben: Wenn du auf dem Boden liegst und kein Land mehr siehst, weil dein Herz nur noch rohes Fleisch ist und du nicht mehr leben möchtest und dich dann schüttelst und doch noch aufstehst und doch noch etwas aus deinem Leben machst (Abendschule und Studium), dann kann dir keiner mehr etwas anhaben, dann hast du Demut vor dem Leben gelernt und lässt dich nie wieder fallen ..

    LG Sven 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das mit Tino war im Großen und Ganzen eine für mich schöne Geschichte, die ich als Erfahrung geschnürt in meine Erinnerungen gepackt habe. Im Nachhinein eine angenehme Erinnerung.

      Deine Geschichte klingt ziemlich turbulent und bunt und auch aufregend. Danke fürs Mitteilen. Aber sich nicht mehr fallenzulassen – nicht alle Menschen tun so etwas.

      Ich könnte auch noch viele unschöne Geschichten aus meinem Leben berichten. Vermutlich sogar in Romanlänge. Doch ich habe nie ganz den Glauben an die große Liebe aufgegeben. Heute habe ich diese Liebe an meiner Seite und diese Erfahrung, die wünsche ich wirklich jedem Menschen auf diesem Planeten! Wäre das erfüllt, dann würde das Leben hier sicher friedvoller, harmonischer, erfüllter, liebenswerter … sein.

      Wir schrieben ja schon an anderer Stelle, was wäre, wenn die Welt in Liebe agieren würde…

      Liebe Grüße für Dich, Kaya

      Liken

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