Sommergefühle und Kindheitserinnerungen

Es ist früh am Morgen, vor dem Fenster brummt eine Hummel, während sie von Blüte zu Blüte fliegt. Die Sonne wandert langsam und stetig ums Haus herum und überschwemmt die Landschaft mit ihrem warmen Licht. Eine Schwalbe fliegt übers Haus hinweg, natürlich lärmen auch die Spatzen wieder. Heute ist es fast windstill. Schön, nach den letzten windigen Tagen.

Immer häufiger lese ich in den Blogs etwas über den Sommer. Wie man ihn wahrnimmt, wie andere ihn empfinden, welche Erinnerungen man hegt, wenn man an ihn denkt und auch bei mir küsst er alte Geschichten wach, als würde er an einer alten Truhe rütteln und längst vergessene Erlebnisse herausschütteln und vor mir auf den Boden kippen.

Ich bin mir nicht sicher, ob es mit dieser Gegend hier zusammenhängt. Ob es die Felder und Wiesen sind, diese Ruhe und das Vogelzwitschern, die mich an Zeiten meiner Kindheit und Jugendzeit erinnern, als wäre der Sommer damals anders gewesen, als heute. Das ist natürlich Quatsch.

Verändert hat sich lediglich meine Wahrnehmung. In vielen vergangenen Jahren war mir immer bewusst, wie unbewusst ich die Jahreszeiten erlebte. Ich rauschte mit meinem Leben einfach so hindurch. Die Tage irgendwo in stickigen Büros verbracht oder mit Kummer und Sorgen überfrachtet. Das ist – zumindest aktuell – vorbei. Hier in Nordfriesland spielt sich viel Lebenszeit draußen ab. Man trinkt seinen morgendlichen Kaffee draußen und sucht den Felder nach Lebenszeichen ab. Seit die Wiesen gemäht sind, erkennt man auch die großen Hasen leichter, die in den Rillen entlanghoppeln.

Gestern wusch ich Bettwäsche und Handtücher, die ich anschließend draußen auf die Leine hängte, wo der Wind sie ordentlich durchgepustet hat. Das Bettzeug lag zum Lüften in der warmen Sonne und als ich abends ins Bett ging, fühlte sich alles so sommerlich und frisch an.

Kennt ihr das, wenn der Liebste nach Sonne, Sommer und Haut riecht? Es ist ein ganz bestimmter Duft. Ein so herrlicher Geruch.

Das Leben spielt sich hier eindeutig draußen ab. Und obwohl es auf den ersten Blick den Anschein erweckt, als würde es öde und langweilig sein, stellt man auf den zweiten Blick fest, wie lebendig und aufregend, spannend und abwechslungsreich die Natur ist. Es bedarf Aufmerksamkeit und Geduld, um das Leben hinter dem ersten Blick zu erkennen.

Gerade fallen mir die wunderschönen Fotos von Vögeln und anderen Tieren ein, die so mancher Blogger hier postet. Wenn man diese Fotos betrachtet, bekommt man eine Ahnung davon, was ich mit Aufmerksamkeit und Geduld meine. An dieser Stelle gestehe ich meine Ungeduld gern ein. Um solche Fotos machen zu können, braucht man sicher richtig viel Geduld! Daher bleiben es bei mir meistens Fotos von Bäumen, Pflanzen und Landschaften. Die fliegen mir nicht davon und verstecken sich auch nicht.

Auf jeden Fall lerne ich hier wieder im Augenblick zu verweilen, ohne mit meinen Gedanken schon wieder auf Wanderschaft zu gehen, um den nächsten Schritt zu planen. Ja, es fällt mir nicht immer leicht. Es bedarf auch einer gewissen Übung, um mir immer wieder klarzumachen, dass ich gedanklich schon wieder abschweife.

Als Kind war das im Augenblick verweilen eine Selbstverständlichkeit. Wieso auch immer, denke ich jetzt an ein Zelt, dessen Reißverschluss ich am frühen Morgen aufmache und dessen Plane von außen ganz nass ist. Ich höre dieses Geräusch, während ich den Schieber packe und runterziehe, wobei die Krampen auseinandergezogen werden und der Reißverschluss sich, wie von selbst, öffnet. Ich erinnere mich auch an den Geruch des Zeltstoffes und wie ich dann herausklettere und diese feuchte, kühle Luft auf meiner Haut spüre. Danach schlüpfe ich in die kalten, nassen Latschen, die vor dem Zelt stehen und blicke mich auf dem Campingplatz um. Und ich erinnere mich an die Luftmatratze und den Schlafsack und wie man hin und herschaukelt, wenn man sich auf dieser mit Luft gefüllten Matratze bewegt.

Die Stare sind zurückgekehrt und suchen vergeblich Futter im Vogelhaus, wo seit Tagen nichts nachgelegt wurde, was sicherlich mit genau diesen Staren zusammenhängt. Ich würde euch gern eine Tüte dieser Ruhe mitposten. Obwohl man aus allen Ecken die Vögel hört, überwiegt die Ruhe. Ganz selten mal das Geräusch eines Automotors. Kein ständiges, fernes Brummen. Einfach so gar nichts. Auch der Kuckuck ist wieder da. Ich kann ihn in der Ferne hören.

Dieses Bewusstwerden schwemmt allerdings auch das nach oben, was sich da tief in mir verborgen, zusammengesammelt hat und für was ich in den letzten Jahren keine Zeit fand, um es endlich anzunehmen und loszulassen. Das mag sich albern und blöde anhören, aber ich kann diese Last ganz deutlich wahrnehmen. Es hängt mit der Diagnose „das ist bösartig“ zusammen und dem Tod meiner Schwester und all das, was irgendwie dazugehört. Es hängt auch mit meinen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Jobs in den vergangenen Jahren zusammen und mir wird klar, wie wichtig es ist, zu tun, was ich tun will und nicht das, von dem ich meine, ich müsse ja irgendetwas tun, Hauptsache ich tut etwas. (Das waren jetzt ganz schön viele „Tuns“, aber ich lasse sie jetzt mal so stehen). Da sind so viele Glaubenssätze, wie „jenseits der fünfzig musst du nehmen, was du kriegst“ und ähnlicher Mist. Wer sagt das? Wer behauptet das?

Auf jeden Fall tut mir die Zeit hier gut, auch wenn ich mich nicht nur gut dabei fühle. Es tut sich eine Menge in mir und um mich herum. Es scheint eine Zeit der Reinigung zu sein. Reinigung innen und außen. Da ist keine Ablenkung mehr. Da lässt sich nichts mehr auf später verschieben. Das Leben konfrontiert mich hier mit mir selbst.

Nun sind schon wieder zwei Stunden vergangen und ich mache mir jetzt einen Obstsalat zum Frühstück und setze mich dann nach draußen. Mal schauen, wie viele Gäste heute Nachmittag Lust auf Torte und Kaffee verspüren.

Genießt den Tag!

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

13 Comments

  1. Ich kann deine Gedanken verstehen. Dieses zur Ruhe finden durch die Natur. Erkenntnisse die einen ohne Zutun durch fließen. Das ankommen in sich selbst. Natur ist wie ein Bild. Zuerst starrst du drauf und nimmst nur den ersten Eindruck war. Je mehr du mit dem starren aufhörst, um so mehr vermagst du zu erkennen. Nicht nur das Bild erkennen. Du erkennst die Natur der Natur. Dann fängt es an spannend zu werden. Ich werde demnächst 60 Jahre. Fühle mich aber nicht anders als mit 30 oder 40 Jahren. Daher gibt es für mich dieses wen man älter wird nicht. Das sind Vorstellungen die man noch bei meiner Geburt hatte. Die Welt ist wohl komplizierter geworden aber für einen Mensch an sich einfacher.
    Lg Robert

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    1. Danke für deine Beschreibung. Das mit der Natur der Natur gefällt mir.
      Was das Alter angeht – nun, fühlen tue ich mich auch nicht anders. Das Kind in mir ist genauso lebendig, wie die Frau.
      Allerdings haben sich da so Alltäglichkeiten eingeschlichen, die ich mir gern, immer wieder, bewusst mache, indem ich mich nicht hetzen lasse oder dergleichen. Mir halt erlauben, einfach zu sein. So ungefähr.
      Liebe Grüße von Herzen, Kaya

      Gefällt 2 Personen

  2. liebe kaya, du beschreibst diese stimmung ganz wundervoll und ich habe das gefühl als säße ich mit dir dort. es tut mir sehr leid, vom tod deiner schwester zu hören, solche erfahrungen sollte niemand machen müssen… und sie gehen selten spurlos an einem vorbei. mir geht es mit 33 übrigens ähnlich, von wegen, das leben konfrontiert einen jetzt. ich nehme das auch so wahr…

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    1. Liebe Paleica, vielen Dank für Dein Mitgefühl …

      Heute Morgen dachte ich noch an die Themen Kindheitserinnerungen und auch Tod. Da ich heute doch noch so ein paar Dinge auf meinem Tagesplan stehen hatte und ich es manchmal gut finde, noch eine Nacht drüber zu schlafen, werde ich sicher in den kommenden Tagen einen weiteren Beitrag zu diesem Thema schreiben.

      Für Dich noch einen zauberhaft, sonnigen Tag. Liebe Grüße von Herzen, Kaya

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      1. ich kenne das. manche texte wollen aus einem impuls heraus geschrieben werden und andere brauchen ruhe. so oder so ist es denke ich okay und gut, dem nachzugeben.

        hab einen schönen tag liebe kaya!

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