Sonne im Gesicht, Wind in den Haaren

Nordfriesland ist gleichzusetzen mit Wind. So ist es halt. Häufig ein Segen, manchmal dann doch eine Brise zu heftig. Wie am Samstag, als ich die Tabletts draußen zu den Gästen, die hinten vor der Scheune saßen, rückwärts die Rampe runterbalancierte, weil der Schaum auf der Latte Macchiato sonst schon meterweise vorher beim Gast angekommen wäre.

Ein paar Tage lang zogen ganze Schwärme von Staren über diesen Landstrich hinweg. Sie rasteten für eine Weile auf den Wiesen und Feldern, saßen hoch oben auf den Bäumen und formierten sich dann wieder am Himmel. Ein atemberaubender Anblick, wenn die Massen über einen hinwegflogen.

Daran denke ich gerade, während ich jetzt drinnen sitze und nach draußen schaue, wo ich auch gleich wieder hingehen werde – vermutlich mit einem Buch.

Heute ist das Café auch geschlossen. Montags und dienstags. Meine Freundin arbeitet trotzdem. Verschiedene Böden müssen vorgebacken werden. Die für die Trümmertorten und die mit Rhabarber. Vom Bäcker kommen die Wienerböden. So langsam entwickle ich mich „zur Spezialistin“.

Das Leben ist hier sehr viel ruhiger, als in der Stadt oder in deren Nähe. Weniger Lärm. Weniger Autos. Weniger Krach. Dafür mehr Natur, mehr Wind, mehr frische Luft, mehr Ruhe, mehr Stille. Kein permanentes Rauschen aus der Ferne. Auch der Sternenhimmel in der Nacht ist voller. Ein Blick auf die Milchstraße ist hier eine Selbstverständlichkeit – wenn der Himmel nicht voller Wolken hängt.

Ich denke hier nicht viel nach. Wäge nicht ab, wälze meine Gedanken nicht durch schwere Themen. Ich gestehe, die Nachrichten aus der Welt habe ich komplett ausgeschaltet. Nur ab und zu wird von außen etwas auf mich zugetragen, doch ich tue nichts, um „mich zu informieren“. Mit diesem „Virus“ werde ich auch nur konfrontiert, wenn ich einkaufen gehe und selbst dort erlebe ich immer häufiger, dass mir schon an der Tür angedeutet wird, ich bräuchte diese Maske nicht zu tragen, weil wir doch den Abstand einhalten könnten. Die meiste Zeit erscheint mir das Leben „normal“ zu sein. Das genieße ich hier wirklich sehr.

Die ganze Politikerschar, die Marktschreier und Stimmenfänger, alle sind für mich in weite Ferne gerückt. Meinetwegen können sie dort auch immer bleiben. Hier scheint die Welt stehengeblieben zu sein.

Vielleicht nicht in den Touristenzentren. Nicht dort, wo jetzt die Urlauber alle hinfahren. Das will ich gar nicht ausschließen. Doch hier und dort, wo wir hinziehen werden, ist es einfach noch paradiesisch und idyllisch und friedlich und ruhig. Wie früher.

Wie früher, als wir noch Kinder waren. Wir spielten den ganzen Tag draußen. Die Sonne im Gesicht, den Wind in den Haaren. Kaum Autolärm. Spielen auf den Straßen. Zwischen den Häusern frei Flächen, auf denen das Gras meterhoch wuchs. Die Bahntrasse, zu gewuchert und voller Bäume.

Es mag nicht für jeden Geschmack gedacht sein. Hier kennt jeder jeden und jeder weiß, was der andere tat und tut – und auch das spricht sich rum. Anonymität ist kaum möglich und geheimnisvolles Handeln auch nicht. Meistens erfährt es doch fast jeder, auch die, die es besser nicht wissen sollten. Auf der anderen Seite hilft man sich hier gegenseitig. Irgendwie ist immer jemand da, der eine Maschine hat, die man brauchen kann. Das geht hier hin und her.

Morgens um vier versperren keine Häuser den Blick auf einen atemberaubenden Sonnenaufgang und abends erlebt man mit freiem Blick wie die Sonne untergeht.

Mein Geist ist auf Tauchstation gegangen, meine Seele baumelt zwischen den Bäumen und mein Körper wird schläfrig. Einfach den überflüssigen, angesammelten Ballast ablassen, wie die Luft aus einem Ballon entweicht, spüre ich, wie aus mir der unnötige Kram rauskommt.

Das ist nicht immer einfach. Es kostet auch Kraft und ja, es kostet mich auch gerade meine kreative Seite. Es fällt mir schwer, Beiträge zu formulieren und noch mehr, mich darauf zu konzentrieren. Der Flow reist gerade durch die Gegend. Er zieht an mir, fordert mich auf, ihm zu folgen und lenkt meine Aufmerksamkeit auf das Leben. Auf das reale Leben. So wie ich es als Kind wahrgenommen habe.

Zeitlos. Endlos. Trägheit. Dürfen. Mit der Decke auf dem Rasen liegen, ein Buch lesen, der alte, kleine Kassettenrekorder dabei. Telefon meilenweit entfernt. Kein Handy. Keine Nachrichten. Einfach das Leben und ich. Mehr nicht. Abends wundere ich mich, wie viele Menschen versucht haben, mich zu erreichen…

Nun ruft mich das Leben, meine Seele, der Geist, der Flow oder was auch immer und ich folge diesem Ruf gern. Draußen gibt es wunderschöne Plätzchen, auf denen ich mich niederlassen kann. Also bis bald meine Lieben.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

17 Comments

  1. „Trümmertorte“ – zugegeben das ist selbst für mich neu.. Bestimmt ein Geheimrezept aus der Nachkriegszeit. So von Trümmerfrau zu Trümmerfrau unter der Hand weitergegeben. Mit ein paar gegen Zigaretten getauschten Schwarzmarkt Produkten. Vielleicht sogar mit guter Butter.. – und dazu einen richtigen Bohnenkaffee, keinen Muckefuk.. Sorry gerade von alten Zeiten geträumt. Aber die gab es wirklich.. Toll, dass Du so gut angekommen bist. Und wegen Corona solltest Du trotzdem auf Dich aufpasst! LG Jürgen aus MeckPomm

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    1. Das klingt gut, aber ich glaube das hat andere Hintergründe mit den Torten. Trümmertorten sind mit Baiser gemacht, wobei dieser natürlich auch selbstgefertigt wird. Also nichts gekauftes und drauf gekrümelt. Sind aber echt lecker. Für diese Torten backt sie extra Böden. Ich werde morgen mal ein bisschen mehr nachhaken und dann gern berichten. Jetzt geht nicht, sie hat gerade Besuch bekommen.

      Deine Erklärung klingt allerdings auch ziemlich schlüssig und irgendwie auch logisch, finde ich. Und wer weiß, vielleicht stammt der Begriff ja tatsächlich aus dieser Zeit. Schauen wir mal.

      Und keine Bange, ich passe schon auf mich auf. Lieb, dass Du darüber nachdenkst.

      Liebe Grüße Kaya aus NF

      Gefällt 2 Personen

          1. Also… Ich… Ich musste *auch* laut lachen… 😅

            Übrigens, liebe Kaya, hätte ich das Handwerk deiner Freundin so oder so großartig gefunden: allein von deinen Beschreibungen her. Mit all ihren Kuchenkreationen und Torten! Alles mit Baiser und Rhabarber ist ohnehin einfach gut- 😉

            Insofern hoff ich, dass es sich für dich neulich nicht so angefühlt hat, dass ich ihre Arbeit und Mühe kleinreden wollte, hinsichtlich „Tortenböden bestellen“. Aus meiner nicht-kochenden/nicht-backenden Perspektive ziehe ich nämlich vor jedem Können in die Richtung meinen Hut! Und das, was deine Freundin kann und macht bekäme von mir ziemlich sicher Mehrfachauszeichnungen mit Sternchen- 😊

            Alles Liebe und gute Nacht sagt: VVN

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          2. Lieber Valentin, keine Bange, es hat sich nichts von Deinen Worten angefühlt, als würdest Du etwas Kleinreden wollen, ganz im Gegenteil! Es fühlte sich eher so an, als würdest Du die Arbeit von meiner Freundin wertschätzen! Und ja, die Torten sind wirklich köstlich! Obwohl sie es gar nicht gelernt hat, sondern sich alles selbstbeigebracht hat, scheint sie diesbezüglich ein Naturtalent zu sein.

            Liebe Grüße von Herzen, Kaya

            Gefällt 1 Person

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