Am frühen Morgen

Die Nacht war schwül, warm und feucht. Der Schlaf Mangelware. Schon früh stand ich auf und saß, zusammen mit meiner Freundin, vor dem Haus und trank meinen ersten Kaffee.

Es war noch ganz still, außer den Vögeln und dem Wind in den Wipfeln der Bäume, hörte man nichts. Dann kamen zwei Kraniche angeflogen, direkt über unseren Köpfen hinweg. Wir konnten ihren Flügelschlag hören.

Das Stockentenpaar, das hier jeden Tag um das Haus herum seine Runden dreht, war heute Morgen nicht in der gewohnten Zweisamkeit anzutreffen. Nur der Herr Stockente watschelte über den Rasen. Irgendwann fing er an zu quaken, als würde er nach seiner Partnerin rufen. Die kam aber nicht. Ich spreche ja immer von „dem alten Rentnerpaar“, wenn ich sie sehe. Er vorweg, sie ungefähr fünf Meter hinterher. Meine Freundin meint, sie hätten sicher irgendwo ein Gelege und dann kommen irgendwann die flauschigen Küken hinterher. Wir werden es ja erleben.

Der frühe Morgen.

Das ist der Augenblick, wo es nur mich gibt und den beginnenden Tag. Noch ist mein Kopf leer und still. Kein Gedanke quält ihn. Nichts wird gefordert. Nichts muss sein. Alles darf. Die Weite der Felder dehnt sich vor mir aus. Die Weite des Tages auch. Der Himmel wölbt sich bis zum Horizont. Weite wohin ich auch blicke. Unendlichkeit fällt mir spontan ein. Ein Meer an Möglichkeiten. Alles ist offen, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ich darf diesen Tag jetzt ganz neugestalten. Ich könnte mich einfach mit dem Rücken ins Gras legen und in den Himmel blinzeln. Oder ich lege mich unter einen Baum und blicke in das vom Wind rauschende Blätterdach.

Das Leben meint es wirklich gut mit mir. Welch ein Geschenk, hier sein zu dürfen. Jetzt, so frei, ohne Zwang, ohne Zeitdruck. Ich bin ganz frei. Frei wie ein Vogel. Unendlich frei.

In der Ecke dieses Wintergartens sitzt eine Buddha-Figur auf einer Kugel und auf dieser steht: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Wie passend. Nicht so viele unruhestiftende Gedanken zulassen, einfach dem Fluss folgen. Dem Plätschern des Baches. Der Stille des Sees. Dem Rauschen des Windes.

Für wen tue ich was? Wer bin ich? Wer will ich sein? Was will ich tun?

Über der Wiese kreist ein Bussard. Leicht, schwebend, den Luftzügen folgend. Das Reh liegt noch immer mit seinem Kitz in dem hohen Gras. Der Bauer hat heute morgen die Nachbarwiese gemäht. Ich befand mich in Lauerstellung.

Leichtigkeit im Sein. Leichtigkeit im Handeln. Den Druck rauslassen, wie aus einem Luftballon oder einem Autoreifen. Vielleicht auch einfach mal Nichtstun. Nichts. Absolut Nichts.

Der Wind nimmt zu. Die Sonne scheint. Es ist warm. Wieder ein paar Wolken am Himmel. Es verspricht ein guter Tag zu sein. Die Vögel zwitschern, trällern, jubilieren ununterbrochen. Hier ist es wie früher, wie in meinen Erinnerungen an die Tage meiner Kindheit. Der Duft frischgebackener Tortenböden dringt bis zu mir – meine Freundin steht in der Backstube. Ich gehe gleich mal rüber.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

5 Comments

  1. Guten Morgen, liebe Kaya! Deine Berichte klingen wirklich alle wundervoll und ich lese alles mit, auch wenn ich derzeit wenig(er) Kommentare in die Welt sende. 😮

    Ein wenig geht es mir da wie deiner Freundin, die ihre Tortenböden vom lokalen Bäcker bezieht, weil sie sonst gar nicht mehr schlafen würde. Wenn Herr Carax hier posted, antwortet und liked, ist das mein Äquivalent zum Tortenbodenkauf. 😉

    Ich lasse mich von dir aber immer gerne mitnehmen zum morgendlichen Kaffeetrinken, Kranich-Gucken und durch die Natur streifen. Es freut mich von Herzen, dass du es so schön hast. Genau so soll es sein! 😊

    Herzlichste Grüße! VVN

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieber Valentin, was für ein schöner Kommentar von Dir! Nun, ich will doch mal meine Freundin ein wenig „in Schutz“ nehmen, da sie da doch noch etliche Tortenböden selbst backt. Es ist eine bestimmte Sorte, die sie beim Bäcker bezieht, frage mich nicht welche. Sie backt nämlich gerade welche – es riecht ganz köstlich.

      Ganz liebe Grüße von Herzen für Dich, Kaya

      Gefällt 2 Personen

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