Die Endlichkeit der Lebensreise

Die Taschen für Nordfriesland sind gepackt. Eigentlich hatte ich sie gar nicht richtig ausgepackt. Die schmutzige Wäsche, ja, die liegt jetzt aber schon wieder sauber in der einen Tasche – und noch ein bisschen mehr.

Ich will den kleinen Wohnwagen als zweiten Raum herrichten, wenn ich in Nordfriesland bin. Mein Raum für den absoluten Rückzug. Da kommt dann keiner rein, außer mein Mann natürlich. Ich freue mich schon darauf. Dort werde ich mir auch einen Strauß frische Blumen hinstellen.

Heute Morgen war das Dompfaff-Paar wieder auf unserem Balkon und hat einige Blätter der Stiefmütterchen zerfetzt. Ob sie die fressen? Man konnte das nicht so wirklich erkennen. Das meiste flog im hohen Bogen zur Seite.

Eine Meise suchte vergeblich nach Erdnüssen, die wir zurzeit nicht mehr füttern. Die Unruhe war schon heftig auf dem Balkon, während die Amseln dort mit ihren Jungen beschäftigt sind. Die standen heute schon neben dem Nest und ließen ihre Flügel ordentlich arbeiten, indem sie diese immer wieder weit ausbreiteten. Dann kam Piespi Lotta vorbei und seitdem sitzen die Jungen wieder brav zusammengequetscht im Nest. Unvorstellbar, dass die vier dort so eng hineinpassen, wenn man sie einmal in ihrer Gänze gesehen hat.

In letzter Zeit denke ich häufiger über meine Lebensreise nach. In diesem Zusammenhang auch über die Endlichkeit und das Älterwerden. Wenn man meint dem Tod schon mal ins Gesicht geblickt zu haben, dann wird man sich dessen sehr deutlicher bewusst.

Die meisten von uns haben sicher schon Menschen durch den Tod verloren. Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel, manchmal auch jüngere Menschen.

Ich meine Schwester beispielsweise. Sie starb vor gut zwei Jahren an Lungenkrebs. Der hatte Metastasen gebildet und in ihre Knochen gestreut. „Du spürst, wenn sie zerbersten“, erzählte sie mir. „Es knirscht dann in dir drin.“

Sie trug ein Morphiumpflaster, um die Schmerzen besser ertragen zu können.

Normalerweise war meine Schwester immer die Kräftigere von uns beiden, am Schluss war sie nur noch Haut und Knochen. Ihre Arme waren so verdammt dünn und die Schlüsselbeine ragten weit von ihrem Körper ab. Sie saß da in ihrem Stuhl auf der Terrasse, stand nicht mehr auf, aber lächelte.

Ich hatte eigentlich nie ein gutes Verhältnis zu meiner Schwester. Zu unterschiedlich wurden wir betrachten und behandelt. Das trieb Keile zwischen uns, die wir irgendwie nie wirklich überwunden haben. Auch waren wir total unterschiedliche Menschen. Doch es war halt meine Schwester und jetzt weiß ich, dass ich sie nie wiedersehen werde. Nie wieder. Ihre Asche liegt irgendwo im Atlantik auf dem Grund. Lauter kleine Staubkörner. Mehr nicht.

Häufig fallen mir Geschichten aus unserer Kindheit ein. Das Leben lag noch wie ein unendliches Meer vor uns. Voller Träume, Wünschen, Sehnsüchten, Vorstellungen, Plänen. Wir hatten so unendlich viel Zeit. Das Gefühl, es würde nie enden, wir wären unsterblich. Wir glaubten an Märchen und Sagen.

Ein paar Wochen vor ihrem Tod führten wir noch ein sehr langes und schönes Telefonat. Daran erinnere ich mich auch häufig. Ich kann mich sogar noch an ihre Stimme erinnern.

Sogar an die Stimme meiner Großmutter – und deren Geruch, obwohl diese schon über zwanzig Jahre tot ist.

Der Tod anderer Menschen ist irgendwie wie der Abschied eines Lebensabschnittes und der Anfang eines neuen. Eines neuen, weil ja ein entscheidender Teil weggefallen ist. Der kommt nie wieder, egal wie intensiv man mit diesem gelebt hat.

Eine Schwester, eine Großmutter oder andere Verwandte sind immer Teil des eigenen Lebens, auch wenn man Jahrzehnte keinen Kontakt hatte. Man lebte – wenn oft auch unbewusst – doch immer mit dem Gefühl „man kann ja mal, irgendwann.“ Mit dem Tod stirbt auch dieses Gefühl und wird dann oft erst bewusst, wenn es zu spät ist.

Kurz vor dem Tod meiner Schwester, deren Krankheit meine Eltern schon in ein tiefes Loch gezogen hatte, erfuhr auch ich eine ähnliche Diagnose. Bösartig hieß es. Nicht so schlimm. Und immer wieder packten sie neue „nicht so schlimme“ Diagnosen obendrauf. Ich rang meinem Mann das Versprechen ab, mit niemandem darüber zu sprechen! Mit niemandem! Es darf nicht passieren, dass sich irgendjemand verplappert und meine Eltern davon Wind bekommen. Sie hatten schon genug Kummer.

So flogen wir auf die Kanarischen Inseln, wo meine Schwester lebte und meine Eltern den Winter verbrachten. Wir sahen noch einmal meine Schwester, wir erlebten ihre Beerdigung, wir flogen zurück, wo ich den Termin für eine OP ausmachte. Noch einmal flog ich auf die Kanaren, lachte, zeigte Lächeln und hatte innerlich eine Heidenangst. Als ich zurückflog, fuhr ich direkt vom Flughafen ins Krankenhaus. Dort wollte man später noch mehr an mir herumschnippeln und „präventiv“ eine Chemo machen. Das alles lehnte ich dann doch dankend ab – bis heute.

Meine Schwester hatte meinen Eltern einen großen Haufen unbearbeiteter Papiere zurückgelassen. Zwei Kartons voller unsortierter Unterlagen. Auch damit mussten meine Eltern sich nach dem Tod meiner Schwester auseinandersetzen. Das wollte ich niemandem zumuten. Meine Unterlagen waren zwar in Ordnern untergebracht, doch es war meine Ordnung. Also legte ich einen Ordner für „die Zeit danach“ an. Ich telefonierte viel – und dachte ernsthaft, ich müsste auch sterben.

Meinen Eltern erzählten wir davon erst, nachdem wir alles geklärt hatten. Ich suchte noch andere Ärzte auf, ich klärte alles für mich und wusste, ich würde leben. Wie lange, das weiß doch niemand. Auf jeden Fall ohne Chemo und ohne eine weitere OP, in der sie noch mehr an mir herumschnippeln würden, obwohl nichts „bösartiges“ dort ist. Halt immer unter dem Deckmäntelchen „präventiv“. Inzwischen weiß ich auch, dass die Ärzte stellenweise gelogen haben, aber das spielt jetzt keine Rolle.

Es gab auch noch andere Begebenheiten, Krankheiten, in meinem Leben, an deren Stellen ich mich mit dem Tod beschäftigt habe und sogar dachte, er sei die bessere Entscheidung, gegenüber dem Leben.

Ich will jetzt nicht jammern oder klagen. Darum geht es nicht. Doch es ist wichtig, um zu verstehen, wieso ich das Alter und die Endlichkeit des Lebens in den Zusammenhang bringe mit der Lebensreise und ja, auch mit der Vorstellung über das Leben und den Zielen, die ich mir setze.

Vor zehn Jahren noch, da trug ich das Gefühl von Unendlichkeit in mir. Ein paar „krankhafte“ Geschehnisse, bringen einen dann ziemlich schnell auf „den Boden der Tatsachen“ zurück.

Unabhängig davon, ob wir wieder geboren werden oder nicht. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht. Ob wir schon andere Leben geführt haben oder nicht. Unabhängig von all diesen Dingen ist doch eines klar: Mich, als Kaya Licht, wird es nie wiedergeben. Auch meine Schwester werde ich nie wiedersehen. Nicht meine Großmutter, nicht die anderen bereits gestorbenen, die irgendwie und irgendwo Teil meines Lebens gewesen sind.

Ich zähle selbst Orte dazu, Bäume. Wenn Häuser aus der Kindheit abgerissen und durch neue, fremde Orte ohne Erinnerungen, dorthin gebaut werden. Oder ein alter Baum, auf den man sooft als Kind kletterte, plötzlich gefällt wurde. Das alte Leben wie ausgelöscht.

Der Tod  eines Menschen konfrontiert uns knallhart damit, dass unser Leben endlich ist und dass wir, genauso wenig wie einen zweiten Planeten Erde, auf keine Reserve zurückgreifen können. Ja, wir kennen viele spirituelle Bücher und Lebenssprüche, die uns immer wieder erzählen, dass wir den Augenblick genießen sollen… Doch dieses Bewusstsein darüber, das fehlt den meisten von uns. Wir glauben immer an ein Morgen und wäre das nicht so, dann würden vermutlich viele von uns in eine tiefe Depression stürzen.

Nun ja, seit dieser Diagnose „Bösartig“, hat sich in mir etwas gewandelt. Ich fühle nicht mehr diese Unendlichkeit und ein Stück meiner Unbeschwertheit ist auch wie weggewischt. Ich denke auch nicht mehr, dass der Tod die bessere Wahl sein könnte, gegenüber dem Leben. Ich fühle eine unsagbar mächtige Lust auf Leben! Ich WILL leben! Und ich will das Leben genießen!

Dann ist da die Erkenntnis, dass der Tod trotzdem kommen wird. Ich weiß, das wissen wir alle, doch spüren wir es auch alle? Es ist ein Unterschied, glaubt mir. Ich kann dieses Spüren nicht abschütteln. Ich bin nicht in der Lage zu dem Zustand und Gefühl „davor“ zurückzukehren.

Auf einmal fühle ich mich auch alt. Sicher, dem Alter entsprechend. Mir ist bewusst, dass ich vieles nicht mehr tun kann. In Ordnung, ich könnte es tun, doch der Sinn geht verloren. Der Körper baut schneller ab, regeneriert sich immer langsamer. Die Wechseljahre zeigen mir, dass etwas vorbei ist und nie wiederkehren wird. Nie wieder.

So denke ich auch an das Haus, was wir bauen werden. Viele Träume von mir gehen auf einmal ganz leicht in Erfüllung. Mehrere auf einmal und etliche sind in den letzten Jahren in Erfüllung gegangen. Es fügt sich alles, doch dann taucht auch diese Endlichkeit auf und das Bewusstsein, dass die Zeit, die bleibt, viel kürzer ist, als die Zeit, die schon war. Und die Zerbrechlichkeit des Alterns.

Die Ohren werden schlechter. Die Sehkraft lässt nach. Man wird schneller steif, der Stoffwechsel wird lahmer und wenn man nicht aufpasst, wird man schlaffer und dicker… Die benötigten Ruhephasen werden länger, man lernt auch nicht mehr so schnell.

Ich stelle mir vor, wie wir einen Baum pflanzen, der vermutlich seine wahre Größe erst erreichen wird, wenn wir schon lange nicht mehr da sind… Die Größe des Baumes, den ich damals pflanzte, kann ich mir heute ansehen.

Nun, ich will euch gar nicht die Ohren volljammern. Es sind halt die Themen, die sich gerade, wie in einer Kiste alle zusammentun und ich mich da gerade durcharbeite, um mal wieder alles auf seinen Platz zu schaffen. Natürlich tragen – gerade in meinem Leben – noch viele Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit dazu bei, dass ich so denke und fühle, wie ich denke und fühle.

Erinnert ihr die Werbung dieses Brillengeschäftes in der ein Mann den anderen fragt: „Was würdest du ändern, wenn du noch einmal von vorne anfangen könntest?“ Ich hätte geantwortet: „Fast alles.“

Dass das so ist und es nun anzunehmen, fällt mir gerade einfach ziemlich schwer.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

© Kaya Licht

23 Comments

  1. Hallo Kaya,
    ich kenne das Gefühl „alt zu werden.“ Nur zu Genüge. Auch habe ich bereits, in fester Überzeugung am nächsten Morgen nicht mehr zu erwachen, meinen inneren Frieden gemacht.
    Ja – es ist manchmal erschreckend zu spüren nicht unsterblich zu sein.
    Wichtig ist es einfach das Leben, das wir noch vor uns haben anzunehmen. Und einfach das beste draus zu machen 🌈
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    Monika

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Monika,
      ich stimme Dir in alles Punkten zu. In allen. Und ich mache auch sicher das Beste daraus.
      Nur manchmal halt, manchmal auch ein paar Tage lang, da überfällt mich dieses Etwas, das mich begleitet, seit ich diese Diagnose zu hören bekam und die Zeit danach erlebte.
      Ich kann es gerade nicht anders erklären.
      Auf jeden Fall danke ich Dir für Deine Worte.
      Liebe Grüße von Herzen, Kaya

      Gefällt 1 Person

      1. Ach Kaya, auch wenn ich zum Glück noch keinen Krebs hatte weiß ich genau was du meinst 😘
        Es ist bei mir ein Gefühl der Onmacht und des wieder jung und gesund sein Wollens, das mich manchmal einfach überrollt. Ab und an mal könnte ich dann direkt losheulen 😢
        Wer kann schon immer stark und vernünftig sein 🤔

        Gefällt 2 Personen

  2. Die Lebensreise ist endlich, was leider so viele nicht wirklich wahrhaben wollen und beim Lesen dieses Beitrages ging mir immer wieder ziemlich unter die Haut, wie das Leben mitunter auch grausam spielt und niemand hat wirklich großen Einfluss darauf.
    Liebe Grüße von Hanne und hab hab noch einen guten Tag mit vielen schönen Momenten, liebe Kaya 🍀🌞

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Hanne, ich danke Dir für Deine verständnisvollen Zeilen.
      Nachdem ich mit diesem Blog begonnen hatte, fragte ich mich oft, ob ich auch diese Themen aufgreifen soll(te). Immerhin gehören sie doch auch zum Leben – zu meinem Leben.
      Eigentlich sollte es ein Blog werden, der sich nur um den Umzug, den Hausbau und das spätere Leben dort drehen soll(te). Doch in diese Phasen gehören doch auch all‘ jene Dinge mit hinein, die in diese Phasen fallen …
      Nun, es fällt mir schwer, dieses voneinander zu trennen.
      Ich bin eine Ganzheit, auch wenn man mich vielleicht in Teilen darstellen kann. Doch ohne den einen Teil oder den anderen Teil wäre ich nicht die, die ich jetzt bin…
      Auf jeden Fall hatte ich heute dann das Gefühl, es wäre Zeit und diesem Gefühl folgte ich.
      Mein Tag hatte schon viele schöne Momente, liebe Hanne. Hinter uns liegt ein traumhaftschöner Spaziergang durch den Forst und wir aßen ein köstliches Mittagessen und Dank des Humors meines Mannes gibt es immer wieder jede Menge zu lachen.
      Liebe Grüße von Herzen, Kaya

      Gefällt 3 Personen

      1. Es ist wichtig, dass Menschen mit deiner Schreibbegabung und dem Lebenshintergrund genau solche Themen anderen Menschen zum nachdenken geben.
        Deswegen fühl dich frei, auch diese Gedanken in Worte zu fassen. Einige werden sich darin wiederfinden und Andere dürfen mit genügend Empathie sich ruhig mal da hineinversetzen.

        Gefällt 3 Personen

        1. Wow, ich bin gerade sprachlos aufgrund Deiner Worte zu meinem Beitrag. Es lässt freudige Schauer durch meinen Körper laufen und ich danke Dir sehr für Deinen Zuspruch. Es gibt mir eine Bestätigung, die mir guttut, denn ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, ob ich darüber überhaupt schreiben will.
          Vielen lieben Dank.
          Liebe Grüße von Herzen für Dich, Kaya

          Gefällt 2 Personen

      2. So wunderbar wie du in deinem Blog schreibst, das offensichtlich ganz aus dem Herzen und der Seele heraus, wäre es zu schade nur über euren Umzug und Hausbau zu schreiben, liebe Kaya.
        Wenn ich das richtig umsetze, bist du hier einfach du selbst und das finde bestimmt nicht nur ich wirklich ganz toll! Aus unterschiedlichen Gründen ist das leider nicht immer so in den Blogs und deshalb solltest du auch wirklich du bleiben, dir hier frei von der Seele schreiben, wonach es dir gerade ist
        So mache ich es auch seit Jahren, nur eben nach jahrelanger nicht immer nur guter Erfahrung im Netz, auf meine ganz eigene Art und Weise und ich lass inzwischen los, was oder wer mich zu sehr runterzieht.
        Bei uns ist das Wetter seit Tagen nicht so dolle, aber zum Glück ist auch mein Mann genau wie ich ein positiv eingestellter Mensch mit viel Gefühl sowie auch Humor.
        Liebe Grüße von Herzen auch von mir zu dir. 🙂

        Gefällt 2 Personen

        1. Das mache ich, liebe Hanne. Und um ehrlich zu sein, ich kann gar nicht anders, als so zu schreiben. Wenn ich dann noch mal auf „Abwege“ gerate, weil ich vielleicht einfach schlecht drauf bin, dann lasse ich das mit dem Schreiben einfach mal sein.
          Das mit diesen „seltsamen“ Erfahrungen im Netz habe ich auch schon machen dürfen, weshalb ich die Möglichkeit hier, Kommentare erst nach dem Lesen freischalten zu können ganz praktisch finde…
          Es liest sich schön, dass Du und Dein Mann positiv eingestellte Menschen seid. Klingt alles ähnlich, wie bei meinem Mann und mir.
          So, nun aber wirklich Feierabend für heute.
          Dir eine zauberhafte Nacht, Kaya

          Gefällt 2 Personen

  3. Der Tod lächelt uns alle an, das einzige was man machen kann ist zurückzulächeln! Das hat Mark Aurelius seinerzeit genau richtig erkannt und dies ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wohl dem der glauben kann, an „den da Oben, den es vielleicht doch gibt“. Vielleicht hat er es leichter damit umzugehen. Ansonsten erlaube ich mir, mit ca. 25 Jahren mehr erlebten Höhen und Tiefen, MACHE DEIN DING. Tue Alles was Du Dir wünschst und was Du Dir und anderen gegenüber verantworten kannst. Man fängt nur einmal an – nämlich dann, wenn man geboren wird. Alles andere ist Deine eigene Sache. Es ist gut so, dass man weder Tag, noch Stunde kennt. Nur so nutzt und erfüllt man die Zeit. Und lebt. Natürlich ist mein mit 74 erfolgter Umzug in eine neue Umgebung und in ein neues Haus nicht „vernünftig“ gewesen. Und dann noch Fischereischein und Bootsführerschein plus Neuanschaffung meines neuen Bötchens. Aber warum soll man sein Leben lang das tun, was andere „vernünftig“ nennen. Das einzige, was mir die Vernunft sagt, ist das Alles nur geliehen ist. Abzugeben an dem Tag, der eigentlich noch ein wenig später kommen könnte. Weil aber das Leben kein Wunschkonzert ist habe ich das, was Du vernünftigerweise auch gemacht hast, schon vor 50 Jahren bei meinen ersten Starts zu Wettbewerben, getant: Einen Roten Ordner angelegt, in dem steht alles, was zu beachten und zu kündigen ist. Und wie man mich bitte entsorgen soll. Ganz ohne TamTam.. Und Du solltest Dir solche Gedanken „für später“ aufheben. Es gibt noch viel zu leben!🙂🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo lieber Jürgen,

      nun hat es doch ein bisschen länger gedauert mit der Antwort.

      Heute Morgen beobachtete ich noch wie die Küken der Amseln zum Abflug bereitmachten, inzwischen saß ich in Nordfriesland draußen in der Sonne und beobachtete einen Fasan, der über eine Wiese stolzierte und unterhielt mich mit meiner Freundin bei einem Stück Torte und einem Becher Kaffee.
      Inzwischen ist es windiger geworden – und kühler.
      Der Satz von Mark Aurelius klingt gut und entspricht im Grunde genommen auch meiner Devise. Nur manchmal, phasenweise und halt besonders seit dieser Diagnose, schleichen sich da so andere Gefühle bei mir ein.
      Das mit „MACHE DEIN DING“ gefällt mir ebenfalls. Irgendwie tue ich das ja auch, habe es auch immer gemacht. Manchmal hat es zwar eine Weile gedauert, doch dann…
      Ich finde ja, die Beschreibung Deines Lebens, richtig gut. Wer will schon „vernünftig“ sein? Großartige Visionen erfüllten sich, weil Menschen angeblich unvernünftig gewesen sind und an ihre Träume glaubten.

      Deine Zeilen tun mir gut. Mir hat mal ein Bekannter folgende kleine Geschichte erzählt: „Wenn du ein Ziel hast, ein Problem oder was auch immer, dann gehe los und sammle Luftballons ein. Die Luftballons können Antworten sein, sogar eine Frage, ein Bild, ein Beitrag, ein Film, ein Wort, ein Mensch, eine Begegnung, ein Lied, eine Zeile, ein Gedicht … Luftballons sind diese Aha-Momente, Gefühle und Gedanken und so einiges mehr. Wenn du dann genug Luftballons zusammen hast, dann tragen sie dich an dein Ziel.“

      Nun, mein Ziel könnte in diesem Fall das Herauskommen aus diesen Gedanken und Vorstellungen sein – und DEIN Kommentar ist definitiv einer dieser Luftballons und dafür möchte ich Dir gern danken.

      Liebe Grüße von Herzen, Kaya

      Gefällt 2 Personen

      1. Jeder hat doch hin und wieder so eine „Sinn Frage“. Wer nicht, existiert bloss und lebt nicht wirklich. Wobei ich mich wundere, dass ich immer noch da bin.. Du hast dich von der Diagnose nicht unterkriegen lassen. Alle Achtung! Damit hast Du instinktiv das Richtige gemacht. Der Wille ist’s der Wunder schafft – auch so ein Spruch meines früheren Trainers. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Wenn Du also alle Luftballons gefangen hast, erinnere ich an eine alte Schnulze: Geh‘ und Fang den Wind! Und davon gibt es in Deiner neuen Umgebung ja genug. Alles Gute von Küste zu Küste!☺️☺️

        Gefällt 2 Personen

        1. Oh ja, das mit dem Wind, das stimmt hier. Gerade pustet er wieder durch die Baumkronen und die Spatzen tschilpen. Vorhin konnte ich durchs Fernglas einen Bussard beobachten, der auf einem Pfosten saß und dann majestätisch davonflog. Die Weite hier ist berauschend. Die Ruhe. Die Stille. Der Frieden.
          „Der Wille ist’s, der Wunder schafft.“ Dein Trainer scheint ein kluger Mann gewesen zu sein. Die Ärzte blieben sogar noch eine Weile hartnäckig und riefen mich TÄGLICH an, um mich umzustimmen! Die Krankenhäuser müssen wirklich am Hungertuch nagen… Egal, als ich mich dagegen entschied, fühlte ich einen tiefen Frieden.
          Den Wind, den will ich gern fangen. Oben auf dem Deich stehen und sich eine Menge davon um die Ohren pusten lassen. Gern alles Gute von Küste zu Küste. Ich bin doch ein Stück angekommen. Das spüre ich, wenn ich hier bin. Schön. 🙂

          Gefällt 2 Personen

  4. Liebe Kaya! Gestern war ich bereits hier und konnte aber nur ein Anteilnahms-und-Solidaritäts-„Like“ dalassen… 😯

    Momentan passiert wirklich sehr viel, aber ich lese dich und fühle mit! Nach allem, was du bisher erleben und durchmachen musstest, freut es auch mich umso mehr, dass es mit dem Umsiedeln nach Nordfriesland nun gelingt! Und du an’s Meer kommst- 🙂

    Ich wünsche dir jedenfalls ganz viel Leichtigkeit, im Alltag und im Herzen… Und schicke dir eine Portion Kraft, sofern du sie benötigen solltest- 😊

    Alles, alles Liebe sagt: VVN

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Valentin,
      herzlichen Dank für Deine lieben Worte.
      Ich bin jetzt hier in Nordfriesland und mir geht’s gleich wieder gut. Schon seltsam, was ein veränderter Lebensort alles ausmachen kann. Von wegen überall zu Hause ist bei mir nicht. Dieser friedliche Atmosphäre hier, alleine durch die Natur, ist magisch und so beruhigend. Wenn mein Mann am Wochenende kommt, werden wir bestimmt auch wieder zusammen zum Deich fahren. Natürlich könnte ich das auch alleine tun, aber ich helfe ja meiner Freundin im Café und zu Zweit bringt es mir einfach mehr Freude. Ach, es ist doch schön, Euch allen hier beim Bloggen begegnet zu sein. Hier sind wirklich so liebe Menschen.
      Dir ganz liebe Grüße von Herzen (und Wolf gleich ein paar mit), Kaya

      Gefällt 1 Person

  5. Liebe Kaya, Deine Buchstaben lachen und so freue ich mich für Dich.☺️ Den Spruch brachte mein ehemaliger Trainer lange nach meinen Versuchen „ein Star zu werden“, ganz privat in einer für einen 20 jährigen unvorstellbar schwierigen Lebens- und Sinnkrise.Ich musste mich im Laufe der Zeit einige Male daran erinnern..☺️

    Gefällt 2 Personen

    1. Hm – jetzt grinse ich breit und lache. Weißt Du, dass ich mit 25 Jahren dachte, jetzt sei mein Leben vorbei und in eine „tiefe“ Lebens-Krise stürzte…? Humor ist doch etwas Wunderschönes. Danke. Und Dir noch einen zauberhaften Abend. 🙂

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s