Eine Radtour durch die Südermarsch

Plattes Land, überall. Dazwischen die Sielzüge, zur Entwässerung. Alleinliegende Höfe, eingerahmt von diesen Entwässerungen und umgeben von hohen, alten Bäumen. Strohdächer voller Moos. Ein laues Lüftchen, kaum Wind. Dafür ein Vogelmeer und Gezwitscher und Gezeter. Dicke, fette Hasen springen plötzlich aus einem Gebüsch, direkt vor den Reifen vorbei. Ich finde eine Bank und genieße die Ruhe. Kein Mensch weit und breit. Kein Straßenlärm. Nichts. Nur die Natur und ich.

Ich habe mir ein Ziel gesetzt. Will nach Husum. Meine Freundin hat mir einen Weg durch die Südermarsch beschrieben, fernab von den befahrenen Straßen. Wieder erzählt sie mir, was ich als Hinweise nehmen soll, wenn ich mich verfahre. Das klingt alles ganz gut, doch wenn man mittendrin ist, bedeutet das nicht automatisch, dass man diese Sichtmerkmale auch sehen kann. Ehrlich nicht. Trotz des platten Landes. Ein paar Bäume, ein Wall, eine Warft, ein alter Deich, ein Haus, alles Sichthindernisse.

Der Hinweg ist leicht. Ich erreiche Husum ohne Probleme. Es ist Ebbe. Die beiden Schiffe im Hafen liegen auf Grund. Etliche Menschen flanieren und einige sitzen in Cafés und Restaurants, draußen natürlich, auf den Terrassen. Freie Sitzplatzwahl ist nicht, man bekommt seine Plätze zugewiesen. Ich habe mir ein Nordseekrabbenbrötchen gegönnt, das esse ich gehend. Ob das wirklich in Deutschland gepulte Krabben sind, wage ich zu bezweifeln. Geschmeckt hat es trotzdem. Und manchmal ist die Einbildung auch ganz praktisch.

Alle Geschäfte haben auf. Überall wuseln die Menschen herum. Vor einem Telefongeschäft pöbelt ein Mann herum. Der Verkäufer spricht von Hausverbot. Später kommt noch die Polizei vorbei. Um den Hafen herum sind hauptsächlich Cafés und Restaurants. Ein Eis verkneife ich mir. Das Krabbenbrötchen war schon mächtig genug. Ich finde noch eine abseitsliegende Bank und genieße den Blick über das Treiben aus der Ferne.

Als ich später zurückfahre, schwimmen die Boote im Hafenbecken wieder.

Auf der Rückfahrt verfahre ich mich. Wie heißt es: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“ Als ich später meiner Freundin von einigen wunderschönen Häusern erzähle, die irgendwo in der Südermarsch alleine, wie auf einer Insel, durch einen Sielzug umgeben, liegen, kann sie mir nicht folgen. „Ich weiß nicht, wo du warst“, erklärt sie mir schulterzuckend. Ich wusste es auch nicht. Fuhr einfach hin und her, fragte, wenn ich jemanden traf nach der Richtung und wurde weiter hin und her geschickt. Irgendwann leuchtete das rote Dach vom Haus meiner Freundin in der Ferne auf und ich wusste in welche Richtung ich fahren musste.

Das war gestern.

Heute füttern die Bachstelzen ihr flügge gewordenen Jungen auf dem Rasen.  Die Spatzen fallen täglich über das Futter im Vogelhaus her. Täglich leeren sie eine Schale voller Körner und einen Meisenknödel. Da bleibt nix von übrig.

Eine Nachbarin aus dem Dorf brachte heute Morgen noch ein paar Hühnerküken vorbei. Sie selbst fahren für ein paar Tage mit ihrem Wohnmobil weg. Es ist eine besondere Hühnersorte, deren Namen ich jetzt vergessen habe. Ich reiche ihn sozusagen nach.

Das Wetter ist hier sehr unbeständig. Heute Morgen beinahe windstill und sonnig. Vier Stunden später hängt der Himmel voller grauer Wolken und die Bäume werden vom Wind ordentlich hin und her gepustet. Nun blitzen durch die Wolken wieder ein paar Sonnenstrahlen hindurch.

Das Leben ist wunderschön hier. Einfach Leben. Einfach sein. Einfach nur die Natur drum herum.

Egal auf welchem Fenster man hier blickt, es gibt immer etwas zu sehen. Zunächst Wiese oder Feld oder Bäume. Doch umso länger man hinschaut, umso mehr nimmt man wahr. So viel Lebendigkeit überall. Es ist wunderschön hier.

Liebe Grüße von Herzen, Kaya

P.S.: Piepsi Lotta hat jetzt drei Küken zu versorgen. Herr Amsel hilft jetzt endlich fleißig mit.

P.S.: Die Hühnerküken sind Strupp- und Seidenhühner

© Kaya Licht

6 Comments

  1. Deine Radtour liest sich so schön, ich bin virtuell gerne mitgefahren. Und das Foto ist sehr gut!
    Das hätte mich auch gewundert, wenn der Amselmann Piepsi Lotta mit den Lütten in Stich gelassen hätte. Amseln sind an sich sehr fürsorgliche Vogeleltern. 😉
    Hab einen schönen Abend!

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke für Deine virtuelle Begleitung, liebe Martha. Heute wäre das mit der Radtour nicht so gut gewesen. Es wird zunehmend stürmischer. Aber das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen.
      Für Dich auch einen schönen Abend.

      Gefällt 2 Personen

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