Stürmisches Nordfriesland

Dicker Wolkenhimmel, sich biegende Baumkronen nach links, der Wind, der wellenartig über die Wiese gegenüber fegt. Es ist ganz schön frisch da draußen. Aber zumindest regnet es nicht, so wie an den letzten drei Tagen immer mal wieder. Doch das kann sich heute auch noch ändern.

Als ich am Mittwoch hier ankam, begrüßte mich gleich der Kuckuck vom Garagendach aus. Kurz danach flog er in den nächsten Baum und ließ sich den ganzen Tag lang hören. Am nächsten Morgen weckte er mich auch, die nächsten Tage blieb er dann stumm. Eine Menge Spatzen tschilpen aus allen Ecken, von den Dächern und aus den Büschen und Bäumen. Auf der Wiese auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von meinem Zimmerfenster aus, lugen immer Hasenohren heraus. Man muss eine Weile die Augen auf dem hohen Gras weilen lassen, dann kann man sie plötzlich ganz deutlich sehen. Wenn sie lustig drauf sind, springen und rennen und hüpfen die Hasen wie wild hin und her. Nicht selten sieht man Grau- und Silberreiher. Schon ein paar Mal flog ein Bussard direkt auf Augenhöhe an mir vorbei. Ich konnte seinen Körper durch die Luft gleiten hören. Da war es nicht so stürmisch, wie heute. Die Bachstelzten stolzieren über den Rasen und flattern ein paar Zentimeter da drüber. Es ist, als würden sie auf einer Stelle fliegen. In der offenen Scheune brüten an die zehn verschiedenen Vogelarten. In Ritzen und Löchern, in den kaputten Balken und unter dem Dach.

Ein „Stück“ Wiese

Himmelfahrt war das Wetter bombastisch. Sonne pur. Super warm. Wolkenlos. Windstill. Einen einzigen Tag lang. Das Café war brechendvoll (*) – alle saßen draußen über den Hof und Rasen verteilt. Lediglich zwei Tische waren den ganzen Nachmittag lang im Café besetzt und das auch nur, weil draußen kein Tisch mehr frei war. Die Menschen zieht es bei gutem Wetter eindeutig an die frische Luft. Irgendwie kennt hier jeder jeden. Ein großes Hallo ständig und immer wieder. Ich war mittendrin „die Neue“.

Danach wurde das Wetter unruhiger. Gemischt. Zwei Tage Regen. Heute Sturm. Wind, eigentlich fast immer.

Vorgestern saßen jede Menge Möwen auf den frisch gemähten Wiesen. Meine Freundin meinte, das sei meistens ein Anzeichen für Sturm. „Wenn die Möwen die Küste verlassen und mehr ins Innenland kommen, dann wird’s meistens stürmisch. Aber sie wissen auch immer genau, wo es etwas zu fressen gibt.“ Und das ist der Fall, wenn gemäht wurde und Gülle aufgebracht wird. Wir hatten mächtig viel Glück, der Wind wehte in die andere Richtung.

Blick auf die gemähte Wiese, Gülle ist zu diesem Zeitpunkt „auf dem Weg“.

Es dauert, bis alle meine (An-)Teile hier ankommen. Irgendetwas von mir befindet sich noch im Zwischenraum. Es heißt ja, die Seele braucht drei Tage, bis sie irgendwo irgendwie ankommt. Meine Seele braucht eindeutig länger. Ich bin auch ständig müde.

Am Donnerstag ist mein Mann nachgekommen und fuhr gestern, am Sonntag, wieder zurück. Vielleicht hängt meine Seele deswegen so hinterher.

Wir waren am Wochenende auch hinterm Deich. Mein Mann meinte, wenn er an der Nordsee ist, dann muss er die Nordsee auch gesehen haben. So standen wir dort oben, ließen uns den Wind um die Ohren pusten und suchten den Horizont ab, um ein bisschen Nordsee erkennen zu können. Es war eindeutig Ebbe. Wir liefen auch noch ein wenig hin und her und erkundeten unsere neue Heimat.

Heute gehe ich mit der Mutter meiner Freundin und deren Hund spazieren. Am Donnerstag nahm mich der Bruder meiner Freundin auf seinem Moped ein Stück mit. So lerne ich die Umgebung auch immer mehr kennen.

Im Obstgarten weiden Leih-Schafe. Auf den Wiesen drum herum Kühe. Hier werden die Äpfel noch über den Winter hinweg gelagert. Sie sind zwar schrumpelig, aber schmecken immer noch köstlich!

Der Obstgarten mit Schafen

Auf unserem Grundstück, auf dem wir unser Haus bauen, steht das Gras mehr als einen halben Meter hoch. Die Masten für die Laternen wurden schon montiert. Drei von acht Häusern stehen schon, sind aber noch nicht ganz fertig. Eine Familie in der Reihe gehört nicht zu den beliebtesten – wir haben auch schon „unsere“ Erfahrungen mit ihnen gemacht. Mein Mann meinte: „Zum Glück liegen drei Grundstücke dazwischen.“

Ein anderer Nachbar erzählt, dass für unser „Dorfgebiet“ der Bau von Windkraftanlagen schon im Bebauungsplan ausgeschlossen ist. Auch wenn viele Städter, und nicht unmittelbar Betroffene, dafür kein Verständnis haben, uns beruhigt es ungemein. Wenn man in Richtung Nordsee fährt und auf der A 23 durch Dithmarschen hindurch, beschleicht einen das Gefühl von Bedrohlichkeit. Die Masse Windräder vermitteln nichts Beruhigendes. Es ist schon ein bisschen furchteinflößend. Hier bei unseren Freunden sieht man diese Windräder in weiter Ferne. Nachts leuchten und blinken die roten Lichter.

Unser Grundstück

Noch eine Kleinigkeit, die ich gern erwähnen will. Der absolute Lieblingsplatz vieler Leute hier, ist die große, alte Silberpappel auf dem großen Rasenstück, direkt neben dem Sielzug und dem dahinter liegendem Feld. Unter diesem Baum steht der große Holztisch, um den blaue Plastikstühle gestellt werden mit grauen Sitzkissen. Wer es schafft, ergattert sich dort einen Platz. Natürlich ist der Tisch schnell belegt. Allerdings, wenn es ziemlich windig ist, dann sind die Plätze bei der Scheune heißbegehrt, denn dort bleibt es meistens windgeschützt, da der Wind in der Regel aus Westen kommt.

Die Silberpappel

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es noch zu erzählen. Unsere Freunde sind starke Raucher und meine Zimmertür ist eine alte Holztür, deren Ritzen ziemlich groß sind. Ich denke ernsthaft darüber nach, doch in unseren kleinen Wohnwagen zu ziehen. Ich lüfte zwar pausenlos, doch der Geruch hängt mir ständig in der Nase und auch in Handtüchern und Klamotten. Als „renitente“ Nichtraucherin und Frischluftfanatikerin ist das schon ein schwieriges Thema für mich. Vielleicht ist es ja auch eine Lernaufgabe für mich. „Übe dich in Toleranz!“ … oder so ähnlich, vielleicht.

Auf der anderen Seite bin ich auch so ein Einzelgänger-Typ. Ich habe doch ganz gern „meinen Bereich“. Das Zimmer, in dem ich sozusagen wohne und schlafe, ist auch noch das Büro meiner Freundin. So klopft es häufiger mal an die Tür und einer der beiden „will nur mal kurz“ oder einer der beiden sitzt mal länger am Schreibtisch. Das mit der Toleranz scheint wirklich mein Thema zu sein…

Dann noch eine kleine Botschaft „aus der alten Heimat“. Das erste Küken von Piepsi Lotta ist geschlüpft.

Küken von Piepsi Lotta

Liebe Grüße von Herzen, Kaya Licht

© Kaya Licht

(*) Selbstverständlich wurde der gebürtige Sicherheitsabstand eingehalten.

8 Comments

  1. Liebe Kaya! Schön, ein Update von dir zu bekommen! 😊

    Das mit dem persönlichen Rückzugsort und dem Rauchgeruch versteh ich übrigens in Gänze…

    Und über die kleine(n) Amsel(n) und die Fotos hab ich mich sehr gefreut! 😇

    Komm gut weiter an! VVN

    Gefällt 1 Person

  2. So eindringlich und schön wie du die Flora und Fauna rings um dich beschreibst, bin ich dir fast ein ganz klein wenig neidisch. Ich würde mich bei dir wohl den ganzen Tag über in Tierbeobachtungen ergehen. 😉
    Glückwunsch an Piepsi Lotta und Herrn Amsel! Ich bin sicher, dass die Geschwisterchen des Kükens nicht lange auf sich warten lassen werden.
    Es hat mich sehr gefreut, wieder von dir zu lesen.
    Sei herzlich gegrüßt!

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke Dir, liebe Martha, für die lieben Zeilen.
      Gerade komme ich von einem Spaziergang zurück – jetzt könnte ich Dir eine Menge über Pflanzen, Bäume und Blumen schreiben… Das tue ich dann im nächsten Blogbeitrag.
      Für Dich auch herzliche Grüße.

      Gefällt 1 Person

    1. Hallo lieber Thomas,

      leider war dein Kommentar in die Spams gerutscht und dort fand ich ihn erst heute… Ich schrieb dazu ja schon in deinem Blog und natürlich freue ich mich sehr über die Nominierung.

      Dir weiterhin viel Freude beim Bloggen.

      Liebe Grüße von Herzen, Kaya

      Gefällt 1 Person

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