Ein Missgeschick … und etwas über Außerirdische

Ein schwungvoller Ellenbogen und ein Glas mit Saft gefüllt bilden keine erstrebenswerte Kombination. Orangefarbene Flüssigkeit ergießt sich über den Rand des Tisches, in eine Ritze, das Tischbein hinunter, auf den ledernen Stuhl und dessen stählernen Beine. Und das Muster, das sich spritzte, gleicht einem Feuerwerk auf dem Parkett. Bis in den hintersten Ecken finde ich die kleinen, lästigen Biester, Spritzer um Spritzer. Es gehört nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung diesen Schweinkram wieder auf- und wegzuwischen. Doch was bleibt mir anderes übrig, es war mein Ellenbogen.

Das Wetter ist noch unentschlossen. Die Bäume erstrahlen im Sonnenlicht, da hinten erblicke ich dicke, fette Wolken. Der Wetterbericht verspricht Sonne und 22 Grad.

Das Amselpaar war in der Früh schon wieder fleißig, inzwischen ruht das Unterfangen bereits seit einer Weile. Die Meisen haben, wie beim letzten Mal, ihren Futterplatz auf der anderen Seite des Balkons zugewiesen bekommen. Die Amseln dulden sie nicht in der Nähe ihres Nestes.

Heute Morgen dachte ich an einen verrückten Nachbarn, ich will ihn hier mal Claus nennen, mit dem zusammen ich ein altes Haus bewohnte, dessen Abriss schon feststand. Beide hatten wir unsere Töchter bei uns wohnen.

Während meine Tochter sich die meiste Zeit bei ihrem Freund aufhielt, verbrachte ich viele unterhaltsame und lustige Stunden mit Claus und seiner Tochter, die noch wesentlich jünger war als meine. Wir hörten laut „Do You Feel Like We Do“ von Peter Frampton, „Cry Me A River“ von Joe Cocker, „Money“ von Pink Floyd, „Child Of Vision” von Supertramp, „Jamming” von Bob Marley und natürlich auch andere Lieder, deren Titel mir jetzt nicht einfallen wollen, deren Melodie ich jedoch noch in meinem Kopf wiederfinden kann. Wir ließen die Musik durchs ganze Haus dröhnen, so dass das Parkett in meiner Wohnung unter meinen Fußsohlen vibrierte. Wir trafen uns nachts im Treppenhaus, saßen dort stundenlang auf den Stufen, obwohl es in unseren Wohnungen viel bequemer gewesen wäre – und Claus klagte mir sein Leid über eine unerfüllte Liebe. Manchmal holte er zwei Gläser und eine Flasche Rotwein, während ich ein paar Kerzen dazutat. In dem Haus gab es nur unsere beiden Wohnungen und ganz unten eine Druckerei. (Die Tochter von Claus war in diesen Nächten übrigens bei ihrer Mutter. Also, wir raubten ihr keinen Schlaf!) In der Nacht gehörte uns das Haus alleine. Wir kochten zusammen Spaghetti und spielten stundenlang Skip Bo, lachten viel, sprachen allerhand Blödsinn und fühlten uns schlichtweg wohl.

Die Wände in dem Haus waren dünn wie Pappe. Im Winter waren sie eiskalt, im Sommer heiß. Es gab so Klappen, die in Abseiten führten. Dort kletterte ich hinein und befestigte Unmengen Pappe an den Wänden. So hoffte ich, für ein wenig Dämmung zu sorgen. Die Fensterrahmen, durch die im Winter eisige Luft strömte, verpasste ich Dichtungsbänder.

Der Garten war groß und verwildert. Eine Hecke war vollkommen von Brombeerschlingen überwuchert, die Brennnesseln wuchsen meterhoch, der Rasen nicht gemäht. Ein Paradies für Vögel und Insekten. Hinten standen zwei alte Obstbäume, an denen ich endlich meine Hängematte befestigen konnte, wenn schon kein Mauerwerk der vielen Wohnungen, die ich hintereinander angemietet hatte, diese tragen konnten.

Claus meinte, es gäbe Außerirdische. Es wären jene scheinbaren Menschen, die sich seltsam verhalten würden. Natürlich fielen mir danach lauter Menschen mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen auf. Einmal war es eine Gruppe asiatischer Frauen. Sie waren alle klein, dick, schwarzgekleidet, ganz emsig und eilig, trugen alle dieselben Ohrringe, dieselben Handtaschen und jede einen Ring. Sie tauchten auf, schnatterten laut und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Ein anderes Mal war es ein hagerer Mann mit schütterem Haar, der sich im Zug auf den Platz mir gegenüber hinsetzte. Er schaute ernst, nahm eine Brille aus seiner Hemdtasche und setzte sie auf die Nase, zog dann ein Buch aus einer Aktentasche und hielt dies so dicht vor sein Gesicht, dass es kein Mensch hätte lesen können. Er tat aber so, als würde er lesen, denn er bewegte seinen Kopf rasant schnell vor dem Buch hin und her. Dann packte er das Buch auch schon wieder in die Aktentasche, schob die Brille in die Hemdtasche zurück, stand wieder auf und stieg an der nächsten Station aus. Als ich Claus von diesen Erlebnissen berichte, war er Feuer und Flamme und felsenfest davon überzeugt, dass es sich um Außerirdische handeln musste.

Claus kannte eine Gruppe Menschen, die mit Hilfe von Symbolen eine Geheimsprache entwickelt hatten. Anhand dieser Sprache könnten sie mit Außerirdischen in Kontakt treten, erzählte Claus. Sie wollen nämlich eines Tages in ein anderes Universum reisen, meinte er auch. Das Tor zu diesem Universum hätten sie schon geöffnet. Claus kaufte auch ganz viel Gold und Silber, weil es bald keine Währung mehr geben würde, berichtete er. Vorsichtshalbe besaß er auch schon einen Gaskocher und ein paar Gasflaschen. Das alles liegt schon fünfzehn Jahre zurück und irgendwie ähnelt es doch erschreckend der heutigen Zeit.

An dieser Stelle höre ich mal auf. Ich erzähle es ja auch nur, weil es mir heute Morgen plötzlich eingefallen war. Zu Claus brach der Kontakt nach einer Weile ab. Meine Tochter zog zu ihrem Freund und ich suchte mir eine andere Wohnung. Eine mit besser gedämmten Wänden und geringeren Heizkosten. Ach ja, und ein Haus, das nicht vom Abriss bedroht war.

Auf Menschen, die sich seltsam verhielten, habe ich seitdem auch nicht mehr wirklich geachtet. Obwohl – wenn ich mal ganz ehrlich bin – manchmal, da beschleichen mich doch diese merkwürdigen Gefühle. Erst neulich, da … ach, ich lasse es jetzt.

Gleich werde ich mal wieder Peter Frampton hören, bin irgendwie auf den Geschmack gekommen. Dazu geht’s dann auf die Rudermaschine. Das habe ich meinem Körper heute versprochen!

Inzwischen hat sich das Wetter auch entschieden, der Himmel ist wolkenlos und Frau Amsel sitzt im Nest.

Euch allen einen zauberhaft sonnigen Tag.

Herzliche Grüße, das Licht

P.S.: Ich habe mein Versprechen inzwischen eingelöst.

©️ Kaya Licht

10 Comments

  1. In meinen Dreißigern war ich felsenfest davon überzeugt, dass es Außerdirdische geben würde. Für mich waren sie allerdings körperlos, keine seltsamen Menschen. 😉 Meine These war, dass hochintelligentes außerirdisches Leben mit Sicherheit dazu in der Lage sei, winzig kleine, oder auch für unsere Augen nicht sichtbare Formen anzunehmen. So wie Luft. Luft ist ja nicht nichts. 😉 Vielleicht würde es sich mit den Außerirdischen auch so verhalten. Als Unsichtbare wären sie natürlich unberechenbar, und wir wären wehrlos ihren Manipulationen ausgeliefert… Als ich so Mitte/Ende Dreißig war, schenkte mir mein Bruder dann ein völlig abgefahrenes und sehr seltsames Buch über die sehr rätselhaften Kornkreise, und dass diese von einer außerirdischen Zivilisation aus dem Andromeda Nebel geformt worden seien. Das brachte mich dann zur Besinnung, von da an verblasste meine Überzeugung so nach und nach, es würde Außerirdische geben. 😉
    Hab einen guten Tag!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hm, der Mann war schon so um die fünfzig … 🙂 … aber irgendwie doch ein unterhaltsames Thema, zumal … nun wir wissen es nicht sicher … und das liefert uns eine Grube voller Fantasien und Möglichkeiten.
      Dir auch einen angenehmen Tag.

      Gefällt 2 Personen

        1. Bayern ist schön. Meine Erinnerungen daran sind nur großartig – bis auf einmal – da fragte ich an einer Raststätte nach dem Weg, der Bayer wollte definitiv nicht mit mir sprechen. Ich konnte ihn einfach nicht verstehen … 🙂

          Liken

    1. Hallo Klaus, also wenn Du mich fragst, könnte jeder Tag einfach zu einem besonderen Tag werden, ohne dass wir ihm einen speziellen Namen geben.
      Obwohl selbst Mutter bräuchte es für mich keinen Muttertag, auch keinen Geburtstag. Sind doch die Überraschungen, Glückwünsche und Liebesbezeugungen zwischendurch, direkt aus dem Herzen, die aller-aller-allerschönsten.
      Herzliche Grüße, das Licht

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s