Unermüdliche Schaffenskraft

So eine Amsel ist ja bewundernswert. Sie baut ein Nest, ohne vorher die Baukunst studiert zu haben. Sie muss keine Stunden verbringen mit Statik, Mathematik, Bauphysik, Baubetrieb, Tiefbau, Hochbau, Formeln, Brennschutz, Nutzungslast oder Technische Gebäude-Ausrüstung, bevor sie überhaupt nur darüber nachdenken darf, draufloszubauen. Sie benötigt auch keine Baugenehmigung und darf sich ungehemmt ihren Bauplatz aussuchen. Eine Amsel ist beneidenswert.

Alles, was Frau Amsel zum bauen ihres Nestes benötigt, sind ihr Schnabel und ihren Körper. Nun, ihre Flügel sind auch noch ganz praktisch, denn schließlich muss sie ja fliegen, um die Materialien für ihren Nestbau herbeizuholen. Frau Amsel trägt in ihrem Schnabel jede Menge Moos, Zweige, Äste, Gräser und andere Materialien, fügt diese dann kunstvoll zu einem Nest, drapiert sie in die richtige Lage und wühlt dann mit ihrem Körper so lange hin und her, bis alles die gewünschte und korrekte Form bekommt.

Dieses Mal nutzt sie auch viel frisches Grün. Das, was Herr Amsel gestern noch ständig aus dem Nest stibitzte. Das tut er heute übrigens auch noch. Wieso auch immer. Hin und wieder taucht er hier auf, wenn Frau Amsel gerade wieder unterwegs ist, um Material zu organisieren. Dann setzt dieser Halunke sich ins Nest, schnappt sich ein Teil des Materials und fliegt damit davon.

Mein Mann und ich haben schon überlegt, ob er der Gatte einer anderen Amsel ist und den Nestplatz boykottiert, um klarzumachen, dass er den für seine Jung-Vogelschar in Anspruch nehmen will. Doch da die Amseln keine Erkennungsmerkmale bei sich tragen, wissen wir das nicht so genau. Auf jeden Fall ist der Nestbau seit heute Morgen wieder in vollem Gang.

Allerdings hat mein Mann gestern – auf mein Drängen hin – das Ganze, fachmännisch – er muss es ja wissen, er hat es schließlich studiert – statisch untermauert. Auf dem Dach des Vogelhauses, sozusagen an der Abrutschkante, wurde noch ein dicker Ast befestigt, unter In Hilfenahme eines Akkuschraubers und einer fetten Schraube. Das müsste dem Nest jetzt den notwendigen Halt bieten.

Was noch zu klären wäre, ist die Nutzungsmöglichkeit des Balkons für uns. Vorsorglich habe ich gestern die Stühle zusammengeklappt und seitlich gelagert. Soviel Vogelkacke auf dem Holz finde ich auch nicht so prickelnd. Nichtsdestotrotz stehen auf dem Fußboden noch die Sommerblumen, die ich vor kurzem günstig erstanden habe. Die sollten demnächst die langsam in die Höhe schießenden Stiefmütterchen ersetzen. Dafür müsste ich jedoch eine Weile den Balkon besetzen. Ich habe noch keinen konkreten Plan entwickelt, wie ich das bewerkstelligen könnte, ohne Frau Amsel in ihrer Schaffenskraft zu behindern oder sogar in die Flucht zu schlagen. Schauen wir mal…

Ich halte Euch auf dem Laufenden, auch wenn das Unterfangen wieder ein jähes Ende finden sollte.

Genießt den Tag.

Herzliche Grüße, das Licht

P.S.: Frau Amsel gefällt mir, Buche scheint ihr Favorit zu sein. Ich mag die Buche ja auch sehr gern. Habt ihr einen Lieblingsbaum? Wenn ja, gibt es einen bestimmten Grund dafür?

P.S._2: Der Wattschlamm von gestern hat sich wieder verkrümelt. Was bin ich froh.

P.S._3: Noch ein Foto von Ben

©️ Kaya Licht

13 Comments

  1. Das wird schön werden mit einer Amselfamilie auf dem Balkon. Meine Eltern hatten viele Jahre lang ein Amselpärchen als Untermieter, das regelmäßig ihren Nachwuchs auf dem Balkon groß zog. Fast bin ich ein klein wenig neidisch, ich würde wahrscheinlich Tag und Nacht mit der Kamera am Auge darauf lauern, was sich bei den gefiederten Gästen denn so tut. 😉
    Hab einen feinen Tag, und bleib gesund!

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    1. Ich danke Dir … 🙂

      Naja, ich sitze hier auch unentwegt und blicke von meinem Arbeitsplatz direkt auf den Nistplatz. Allerdings gestaltet es sich schwierig mit den Fotos durch die Glasscheibe. Bräuchte ich vermutlich besondere Sachen für. Wenn ich die Tür offen halt, fegt der kühle Wind rein und die Vögel reagieren auch vorsichtiger.
      Es bringt wirklich viel Spaß das Treiben zu beobachten.
      Für Dich auch einen zauberhaften Tag – genieße diesen!
      Herzliche Grüße, das Licht

      Gefällt 3 Personen

  2. Ein Baustatiker bzw. Ingenieur in der Familie ist nicht verkehrt, da diese Menschen immer auf festen Grund von unten nach oben bauen und keine Wolkenkuckucksheime wie emotionale Dichter wie ich. Aber es gibt auch Schriftsteller, die bauen ihre Werke wie eine Kathedrale, planen alles genaustens im Voraus, bevor sie den Bauplan mit Worten füllen.

    Hugo Ball war ein Dichter, der Kathedralen in langer Vorplanung schuf, seine Frau Emmy hingegen schrieb einfach drauflos und nicht minder erfolgreich, aber was ich damit sagen wollte: Beider ergänzten sich sehr gut.

    Ich selbst schreib eher assoziativ und kenn oft am Anfang eines Textes das Ende noch nicht. Edgar Poe hingegen schrieb zuerst die Pointe am Ende und entwarf später den Text, der zielgerichtet auf den Schluss zustrebte.

    Die Amsel trägt wohl einen genetischen Plan in den Genen: Auch nicht schlecht. Das Gebäude muss halten, der Weg ist das Ziel und viele Wege führen nach Rom.

    Du animierst mich zum Denken. Danke einmal .. Pada, Sven 🙂

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    1. Das stimmt wohl. In diesem Fall ist es ein Bauingenieur. Wie sagt er so schön: „Die Gründung, die muss stimmen.“
      Wenn das Fundament nicht stimmt, findet das Bauwerk auch keinen richtigen Halt – oder so ähnlich. Das stammt jetzt wieder von mir.
      Ich habe ja mal ein einem Fernlehrgang Raumgestaltung / Innenarchitektur gelernt und ein paar Jahre auch in einem Baustellenbüro gearbeitet. Da bekommt man dann auch noch einiges mit.

      Bei mir läuft es beim Schreiben nicht immer gleich ab. Es gibt Geschichten, da kenne ich das Ende schon, bei anderen nicht. Allerdings habe ich – für mich – die Erfahrung gemacht; umso länger eine Geschichte wird, umso leichter fällt mir das schreiben, wenn ich weiß, in welche Richtung die Geschichte gehen soll, also zumindest eine Ahnung vom Ende habe.
      Schreibe ich medial, dann denke ich natürlich nicht über das Ende nach, sondern lasse mich einfach überraschen.

      In der Schule mussten wir mal für einen Kriegsroman das Ende umschreiben. Man kann also auch durchaus, selbst wenn man sich schon für ein Ende entschieden hat, dieses wieder verändern.

      Weißt Du, eigentlich bewundere ich die Amsel. So einen genetischen Plan hätte ich auch gern in meinen Genen! Vielleicht nicht für das Bauen, aber für andere Dinge…
      Die Amsel baut da wirklich ein Kunstwerk! Sie schafft das ganze Material nur mit ihrem Schnabel heran und nutzt auch nur ihn, um das in diese perfekte Form zu bringen. Mit ihrem Körper bringt sie dann noch die Mulde in Form. Das zu beobachten ist wirklich spannend.

      Das mit dem Denken gebe ich auch gern an Dich zurück.

      Herzliche Grüße, das Licht

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  3. Ist ja auch nicht so, dass sich Dichter und Schriftsteller an vorgegebene Regeln halten. Die Regeln wurden erst später daraus abgeleitet. Auch die Sprache wurde erst später von Duden aufgeschrieben, vorher lief sie auch ohne Regelen gut ab, sonst hätten wir uns nicht verständigen können. Goethe etwa hat gegen jede Regel verstoßen und Heine hat manche Reime ungereimt stehen lassen, weil der Sinn ihm wichtiger war ..

    Gute Nacht, schlaf gut später, LG Sven

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  4. Wofür du kein spezielles Fotoequipment brauchst (Amsel hinter Glasscheibe) ist der wunderschöne, wonnige Hund Ben. Ich musste so lachen, der ältere Sohn einer Freundin heißt so – stelle dir mal vor, dieser Hund wäre dort zu Besuch und sie ruft: Hallo Ben – und der vierbeinige wäre zuerst da, weil er schneller laufen kann.
    Lieben Gruß

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    1. Das könnte durchaus passieren, besonders, wenn Deine Freundin würde mit einem Stück Käse oder einem Knochen herum wedeln…
      Das mit dem Fotografieren durch die Glasscheibe hindurch, habe ich schon ausprobiert. Das sah leider nicht so schön aus, wie ohne Scheibe, aber vielleicht lag es auch an dem Sonnenstand. Das könnte ich ja noch mal ausprobieren.
      Dir noch einen zauberhaften Abend.
      Herzlichen Gruß, das Licht

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  5. Ich würde gern in die Diskussion werfen, dass es vielleicht doch der zugehörige Herr Amsel ist, er aber mit seiner Frau nicht ganz einig über die Gestaltung ist. Sie vielleicht mehr auf bewährte Tarnung, und wer weiß, vielleicht ist grün ja auch in Mode, er aber sagt sich: frisches Grün auf einer Hausterrasse lockt nur neugierige und vielleicht auch gierige Andere an. Er traut sich aber offenkundig nicht, aufzubegehren, dies auszudiskutieren. Es fragt sich nur: Paarberatung oder Einrichtungsberatung? Über Loriots steingrau, mausgrau… sind sie ja hinweg, aber beim frischen grün gehts weiter.
    Die Glasscheiben beim Fotografieren sind ein Elend, insbesondere in den modernen Zoos, Museen und so weiter – aber auch hier, quasi neben der freien Natur.

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    1. Die Gedanken sind es wert, betrachtet zu werden. Loriot hat uns ja das passende Sprungbrett geliefert. Grau kommt tatsächlich nicht vor, weder steingrau, noch mausgrau. Allerdings können die Amseln, neben dem Grün, mit ein paar Naturfarben aufwarten, die da wären: beige, schlammig, brünett (klingt irgendwie nett), braun – ein bisschen und innen drinnen etwas eierschalenfarbenes.
      Gerade ist es ruhig, doch heute Morgen waren sie schon wieder eifrig dabei.
      Das mit der Glasscheibe will ich unbedingt noch in den Griff bekommen, die Fotos, die ich dadurch mache, sind einfach grottig.

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