Wattschlamm im Kopf

Tausend Einfälle, doch keiner davon entpuppt sich als gut genug für einen Beitrag.

Da erscheint mir meine Schwester. Groß, blond und lächelnd. Ich schaue sie erwartungsvoll an, doch sie spricht nicht mit mir. Plötzlich ist sie wieder verschwunden. War das ein Wink? Schreibe ich jetzt etwas über sie? Ich tauche ein in vergangene Zeiten. Unangenehme Erinnerungen wabern hoch. Ich schiebe sie rasch wieder zur Seite und lasse die Idee wieder fallen.

Frau Amsel ist zurück. Sie schleppt wieder Zweige aufs Vogelhaus. Auch ein paar frische Blätter und Gräser. Dann kommt Herr Amsel vorbei, begutachtet das Werk und schleppt das Grünzeug wieder von dannen. Das machen die beiden ein paar Mal, dann war’s das erst einmal wieder. Sie kommen nicht noch einmal. Auf dem Balkon erobern sich die Meisen den Platz zurück, schnappen sich die Erdnüsse, packen jeweils eine davon zwischen ihre Krallen, während sie auf einem Ast balancieren und picken daran herum. Häufig fällt die Nuss zu Boden. Dann nehmen sie sich einfach eine neue aus dem Haus.

Ich konzentriere mich wieder auf die Einfälle in meinem Kopf. Dabei wächst das Gefühl, da sei heute nur ein Haufen Wattschlamm, der immer mehr wird und sich auch in die hintersten Winkel ausbreitet. Mein Blick wandert erwartungsvoll zu einem Foto, auf dem mein Hund mich freudig anblickt. Ben war eine wilde Promenadenmischung. Am Anfang so klein am Ende ein Riese. Fünf Hunderassen sollen in ihm drin gewesen sein. Ein bisschen Schäferhund, ein wenig Labrador, dann noch Border Collie, Berner Sennenhund und Dobermann. Vom Border Collie hatte er die weiße Schwanzspitze, vom Berner Sennenhund die weiße Brust und vom Dobermann die langen Beine. Ach ja, und den Drang, in jedes Schlammloch springen zu müssen und dann darauf zu warten, dass ich ihm einen Ball oder Stock schön weit hineinwerfe, damit er hinterher schwimmen konnte, das soll er vom Labrador mitbekommen haben. Im Wasser war er in seinem Element. Nur den Wasserschlauch mied er wie der Teufel das Weihwasser. Einmal stellte ich ihn in die Badewanne, um ihn dort abzuspülen. Wenn er mich später dabei beobachtete, wie ich ins Badezimmer ging, rannte er wie von einer Tarantel gestochen die Treppe runter und verkroch sich unter dem Esstisch, zwischen all die Stuhlbeine. Wollte ich ihn draußen im Garten abspülen, wand er sich solange hin und her, bis er aus dem Halsband herausrutschen konnte. Wasser aus einem Wasserhahn ging gar nicht.

Ich sammle den Müll zusammen und trage ihn runter zu den Abfallcontainern. Draußen haben Kinder neue Kunststücke mit Kreide auf die Gehwegplatten gemalt und die Fahrräder stehen heute in Reih und Glied vor der Haustür. Der blaue Flieder blüht in seiner schönsten Pracht. Der Geruch ist atemberaubend! Eine Frau Amsel fliegt an mir vorbei. Ob es die von unserem Balkon ist? Am Fenster der Familie im Erdgeschoss hängen auf Papier gemalte Regenbögen. Wind kommt auf. Der Himmel bleibt blau und die Sonne lässt alles so herrlich hell erstrahlen.

Als ich wieder hochkomme spielen sie im Radio „Can’t smile without you“ von Barry Manilow. Lang ist’s her…

Der Wattschlamm will nicht weichen.

Mit herzlichen Grüßen, das Licht

©️ Kaya Licht

22 Comments

  1. „Wer jemals für einen treuen und klugen Hund wahre Zärtlichkeit hegte, den brauche ich nicht auf die innige Dankbarkeit, die das Tier uns dafür entgegenbringt, hinzuweisen. In der selbstlosen und opferfreudigen Liebe eines Tieres ist etwas, das jedem tief zu Herzen gehen muß, der je Gelegenheit hatte, die armselige ›Freundschaft‹ und geschwätzige Treue des ›erhabenen‹ Menschen zu erproben.

    Edgar Allan Poe

    Ich mag es nicht besonders, mit Zitaten zu antworten, aber hier ist es mir Bedürfnis, weil Edgar Allan Poe zu meinem absoluten Lieblingsschriftsteller gehört und seine Worte mir sehr viel bedeuten.

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    1. So ein Hund, wie Ben einer war, ist eine wundervolle und traumhaft schöne Erfahrung (gewesen), die ich nie missen möchte und die mein Herz mit Wärme erfüllt, wenn ich daran zurückdenke.
      Das zu fühlen, will mir bei den Menschen meiner Vergangenheit, kaum gelingen…

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  2. Dein Ben sieht auf den Fotos schon sehr knuffig und lieb aus. Mit ihm hast du bestimmt viel Freude gehabt…
    Ich habe heute auch so was wie Wattschlamm im Kopf – viele ungare Ideen, keine einzige lässt sich so recht in Worte fassen. Noch nicht. 😉

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    1. Ich danke Dir … 🙂 Ja, Ben war ein großartiger Hund! Er war… Er war „ein richtiger Hund“. Er wühlte Löcher in den Rasen, versteckte sich unter der Hecke, biss Löcher in meine Gummistiefel, lag heimlich auf der Couch, stand sofort neben mir in der Küche, wenn ich die Käsedose aus dem Kühlschrank holte, schaute mit treuen Augen, wenn ich das Haus verlassen wollte, sprang in jedes Auto, welches eine Tür geöffnet hatte … und ich könnte noch stundenlang weiterschreiben.
      Ich denke gern an Ben.

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  3. Die Fotos vom Ben sind alle ganz unfassbar niedlich! 😍

    Ansonsten war es auch heute ein sehr lesenswerter, unterhaltsamer Eintrag von dir, der mich selbst ohne Bilder mühelos mit in deine Welt genommen hätte- Wattschlamm hin oder her. 🙂

    Alles Liebe! VVN

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    1. Ben war großartig! Und ich danke Dir für Deine zusprechenden Worte. Gestern war einfach nicht mein Tag, obwohl das Wetter großartig war.
      Und auch wenn ich nicht alle Deine Beiträge kommentiere – lesen tue ich sie alle 🙂
      Dir auch alles Liebe, das Licht

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    1. Danke Dir 🙂 Ja, manchmal, da denke ich an diesen Hund. Wir überlegen ja, ob wir uns später, wenn wir im neuen Haus wohnen, wieder einen Hund zulegen wollen. Aber das zu entscheiden hat ja noch Zeit. 🙂

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          1. Das ist schön, dass Du das Leben so annimmst. Heute Morgen dachte ich an Dich und an Deine Zeilen. Der Hund, den ihr euch holen wolltet, wenn das 1. Kind da ist. Ich hatte das Gefühl, noch etwas mitteilen zu wollen, doch ich wollte auch „nichts Falsches schreiben“ … Dir einen ganz wundervollen Tag.

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          2. Alles gut – man kann nicht alles im Leben haben.
            Mein Mann und ich sind z.B. schon 33 Jahre glücklich miteinander und davon 26 verheiratet. Ich habe normalerweise einen sehr gut bezahlten Job, der mir meistens Spaß macht. Wir haben ein schönes Eigenheim am Stadtrand, das wir nur noch 5 Jahre lang abbezahlen müssen und ein schönes Auto fahren wir auch. 😎🌈

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          3. Danke für Deine Worte. Aber ich habe mir seltsamerweise so meine Gedanken gemacht. Nun freue ich mich natürlich, dass Du ein so schönes Leben führst. Doch ich konnte meine Gefühle einfach nicht für mich behalten … 😉 🙂

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          4. Das ist völlig in Ordnung.
            Wir haben uns da übrigens nicht rein gesteigert und sind nicht von Arzt zu Arzt gerannt.
            Ich hatte beim bauen einen Abgang. Hatte sich geäußert wie eine heftige Periode. Gespürt hatte ich noch nichts. Es wäre ein Kind der Hochzeitsreise gewesen.
            Wir waren ehrlich gesagt sogar froh darüber. Zu dem Zeitpunkt hätte es absolut nicht gepasst.
            Und als es passte, hat es eben nicht geklappt. So ist es halt.

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