Tanzen am Rand eines Vulkans

 „Was ist los mit dir?“ Sein Blick verriet ihr seine Verwirrung. „Du machst einen so unzufriedenen Eindruck.“

Sie spürte dieses Kribbeln in sich hochsteigen: „Ich bin mir nicht so sicher. Ich fühle mich ziemlich unausgeglichen.“

„Was kann ich tun, damit es dir wieder besser geht?“

Nun kam sie um eine Antwort nicht mehr herum. Sie kannte seine Hartnäckigkeit schon.

„Ich fürchte, du kannst nichts tun. Das ist mein Ding und ich muss es selbst hinbekommen“, versuchte sie ihn vage zu beruhigen.

„Kannst du mir denn sagen, was es ist?“ Er blickte sie ratlos an.

Sie spürte in sich hinein, als würde sie innere Bilder zusammentragen, um daraus ein Ganzes entstehen zu lassen.

„Kennst du das, wenn es dich innerlich vibrieren lässt?“, fing sie mit ihren Erklärungen an. „Kennst du das, wenn du das Gefühl hast, du würdest am Rande eines Vulkans tanzen?“

Seine Augen weiteten sich. „Was meinst du damit?“

„Ich meine Lebendigkeit, ein Feuer, ein Brodeln, eine Farbenpracht und Funkensprühen. Ich meine ein Gewitter, Blitz und Donner. Einen Orkan, Laufen durch einen Regenguss“, flogen die Worte nur so aus ihr heraus.

„Ich kann dir nicht folgen, es tut mir leid“, erwiderte er.

„Ich weiß“, sagte sie lächelnd. „Das macht nichts.“ Und sie schwieg einen Augenblick und schweifte mit ihren Augen in die Ferne, irgendwo ins Nirgendwo.

Dann fuhr sie mit ihren inneren Bildern fort.

„Es ist schön, an einem stillen See entlang zu spazieren. Das Wasser spiegelglatt, ein paar Enten, die darauf ihre Kreise ziehen, die Sonne, die auf das Wasser scheint und überall glitzernde Sternenpunkte hinterlässt, dazu ein paar Zweige von den Bäumen, die ins Wasser ranken. Es ist schön, so einen stillen und harmonischen Ort zu erleben. Doch es gibt eben diese andere Seite und die fehlt mir momentan.“

„Liegt es an mir?“

„Nein, es liegt nicht an dir. Es ist mein Ding. Ich sagte es dir doch bereits.“

„Hattest du diese andere Seite, bevor du mir begegnet bist?“

„Ja, hatte ich. Ich meine, ich hatte den Spaziergang am stillen See und ich hatte den Tanz auf dem Vulkan. Diese Extreme lassen mich, mich selbst spüren.“

Sie verschwand erneut für einen kurzen Augenblick in ihrer eigenen inneren Welt, bevor sie weitersprach.

„Wenn ich nur diesen See erlebe, dann werde ich rastlos. Mir fehlt etwas. Und umso länger ich nur am See entlang gehe, umso rastloser werde ich.“

Es folgte eine kurze Pause. Kein Laut war zu hören, außer ihrem Atem.

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte er dann sehr ruhig.

Sie versuchte es ihm auf eine andere Art verständlich zu machen: „Es ist wie ein lauer Sommernachmittag und einem Weichspülgang“, was diesem Spaziergang am See entspricht und es ist wie ein „Leben auf einem Schlachtfeld und einem Schleudergang, was in Etwa dem Tanz auf einem Vulkan gleichzusetzen ist. Mein Leben entsprach bisher meistens dem auf einem Schlachtfeld.“

„Ich finde, das klingt nicht unbedingt positiv“, gab er ehrlich zu bedenken.

„Wahrscheinlich hast du sogar Recht, doch ist es etwas, was mir bisher in meinem Leben ein Gefühl von Lebendigkeit gegeben hat. Mir fehlt dieses Gefühl. Ich brauche diese Grenzerfahrungen. Ich brauche Naturgewalten.“

Nun zog er seine Augenbrauen hoch: „Wie meinst du das, du brauchst Naturgewalten?“

Sie begann von einem ihrer Erlebnisse zu berichten: „Ich bin mal mit einer Fähre nach England gereist. Es stürmte wie verrückt. Es goss wie aus Eimern. Die Fähre schwankte rauf und runter. Wellen brachen über die unteren Decks, alles wurde überspült. Die mitreisenden Menschen hielten sich alle irgendwo in den Innenräumen auf, ängstlich auf ihre Sicherheit bedacht – nur ich nicht. Ich stand auf dem obersten Deck, hörte über meinen Walkman „Thriller“ von Michael Jackson und schrie dem Sturm entgegen. Ich lachte laut, ich drehte mich im Kreis und ich ließ mich in die Kraft des Sturms fallen. Später, als alles vorüber war, da kam es mir so vor, als hätte dieser Sturm und der Regen mich mit ganz viel Kraft und Energie vollgetankt. Ich fühlte mich klar, erfrischt und frei.

Sie blickte ihn an, wartete einen Augenblick: „Sorry, ich kann es dir nicht anders erklären“, meinte sie aufgrund seines Blickes sagen zu müssen.

Es folgte ein weiterer kurzer Augenblick der Stille.

„Okay, und das ist für dich ein Tanz auf dem Vulkan?“, fragte er dann und strich mit seinen Fingern über sein Kinn.

„Zum Beispiel“, antwortete sie und blickte ihn direkt an.

Sie spürte einen feinen Hauch von Lebendigkeit in ihm erwachen. „Ich könnte dir doch dabei helfen?“, lächelte er sie zaghaft an.

„Ich glaube, es liegt an mir, diese Erfahrungen zu gestalten. Es ist nicht gut, sie vom Außen zu erwarten“, hörte sie sich noch sagen.

Er kam nie damit zurecht. Irgendwann trennten sich ihre Wege – und das war auch gut so.

(Originaltext von 2009)

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

3 Comments

  1. Oh, die Freude am Tanzen auf dem Vulkan kenne ich auch so gut… Und das friedvolle Eintauchen in einen Spaziergang an einem stillen See… Und die Erinnerungen daran zeigen mir an schlechten Tagen stets, wie schön lebendig ich trotz allem bin.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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