Zeitloser Genuss

Rund, mit seiner leicht rauen Schale liegt er in ihrer Hand. Mit den Fingerspitzen der anderen berührt sie ihn sanft und streichelt dann ganz zart darüber. Sie riecht seinen süßen Duft. Dann endlich beißt sie in den frischgepflückten Apfel und kostet seinen kräftig-säuerlichen Geschmack. Sie spürt den Saft aus ihren Mundwinkeln tropfen und über ihre Hände rinnen. Nichts gibt es in diesem Moment, außer sie selbst und diesem köstlichen Apfel.

Ein „Renette von Montfort“, der ursprüngliche Name der in Boskoop entdeckten Apfelsorte, den wir heute kurz Boskop nennen. Eine Sorte, die ich heute kaum noch in den Geschäften finden kann. Ein Apfelbaum, an dem diese Apfelsorte wuchs, stand früher im Garten meiner Großeltern und ich im Kinderwagen drunter.

Heute bin ich versucht über das Thema Genuss zu schreiben. Als wir heute spazieren gingen und ich alles um mich herum sinnlich wahrnahm, spürte ich so eine tiefe Genugtuung in mir und eine überquellende Freude, während ich die Natur betrachtete. Ich genoss diesen Spaziergang sehr.

Ich genieße mein Leben sowieso, trotz viele Widrigkeiten und Hürden, die ich immer wieder zu überwinden habe. Ich genieße es hier zu sein. Ich genieße die Liebe zwischen meinem Mann und mir. Ich genieße Freiheit. Ich genieße die Frische nach einem Regenguss. Ich genieße das köstliche Mittagessen, dass ich jeden Tag frisch zubereite. Ich genieße das Buch, das ich lesen kann. Ich genieße den Becher Kaffee zum Frühstück. Ich genieße den Duft der aufgeplatzten Blüten des Flieders. Ich genieße ein Glas würzig-trockenen Rotwein. Ich genieße Geselligkeit. Ich genieße auch das Alleinsein. Ich genieße einfach. Genuss scheint Teil meines Wesens zu sein.

Für mich hat Genuss etwas mit Freude und Leichtigkeit zu tun. Ich tue es einfach. Fertig.

Ich stelle mir vor, was es für mich im Einzelnen bedeutet zu genießen und ich denke an Augenblicke, an denen ich vollkommen versunken in einem bestimmten Moment oder Geschehen bin. Ich verlier mich total in der Zeit, bin hingerissen von dem, was ich mache. Hat es mit Sinnlichkeit zu tun? Ich fühle, rieche, schmecke, sehe und höre. Alle Teile meines Körpers sind an dem, was ich verrichte und erlebe, auf irgendeine Art und Weise beteiligt.

Beispielsweise liebe ich Spaziergänge. Ich gehe ganz und gar in ihnen auf, wenn ich draußen in der Natur bin und alles, was ich wahrnehme, in mich aufsaugen kann. Ich rieche den Duft der Brennnesseln aus all den anderen Gerüchen heraus. Ich atme den frischen Geruch der Erde nach einem Regenguss tief in mich ein. Fühle die kühle Luft auf meiner Haut und spüre den weichen Erdboden unter meinen Schuhsohlen. Dann höre ich die Vögel in den Bäumen lärmen und ein Knacken im Unterholz zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem ich eine Weile konzentriert in die Richtung des Knackens blicke, schaue ich direkt in die schwarzen Augen einer kleinen Feldmaus. Für ein paar Sekunden treffen sich unsere Blicke, bis dann die Feldmaus flink unter einem bemoosten Baumstamm verschwindet. Ich mache verschiedene Vogelarten in den Bäumen und Büschen aus, sehe hinten auf der Wiese einen Reiher und auf einem Feld ein paar Rehe. An einer alten Buche kann ich nicht vorbeigehen, ohne einmal kurz meine Hände auf ihre Rinde zu legen. Es kommt mir vor, als würde sie von innen Wärme ausstrahlen. In den Wipfeln raschelt das Laub, und Regentropfen fallen mir in den Nacken und auf die Nasenspitze. Ein paar fließen in meinem Mund und ich gestehe, es fällt mir schwer, zu beschreiben, wie das Regenwasser schmeckt. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das Blätterdach, direkt vor meine Füße. Ich nehme die frischen, ganz zarten und zerbrechlichen Blätter der Buchen zwischen meine Finger. Wenn es draußen trocken ist, lege ich mich bauchlinks auf den Rasen und staune über das vielfältige Leben im hohen Gras. Mir fällt der Schmetterling auf der Blüte dahinten auf und die Hummel da vorne zwischen den Anemonen.

Von so einem Spaziergang nehme ich viele kraftvolle Eindrücke mit und es erfüllt mich nachhaltig mit Lebendigkeit. Ich habe diesen Spaziergang mit ganz viel Genuss erlebt.

Nun hätte ich also erklärt, was für mich Genuss bedeutet. Doch was ist das Gegenteil davon?

Ich stöbere im Internet nach dem dafür passenden Begriff und staune nicht schlecht über die Fülle der Begrifflichkeiten. Wie es aussieht, existiert kein konkretes Gegenteil von Genuss. Zumindest nicht so eindeutig, wie hell und dunkel, Tag und Nacht, Nähe und Distanz.

Also könnte ich mir jetzt einfach so einen Spaziergang vollkommen genusslos oder genussfrei vorstellen. Dazu fällt mir auch sofort ganz spontan ein inneres Bild ein: Jemand ist da mit seinem Handy, ist ganz und gar auf seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung (Luftleitung) konzentriert, marschiert rasch die Wege entlang, kommt irgendwann wieder zu Hause an, zieht Schuhe und Jacke aus, telefoniert noch immer, kocht sich nebenbei einen Kaffee und wundert sich am Abend, wo die Zeit geblieben ist. Das hat ganz bestimmt nichts mit Genuss zu tun.

Ich wünsche allen noch einen genussvollen Sonnabendnachmittag.

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

20 Comments

    1. Daran wird es liegen … :-). Diese alten, aber dennoch köstlichen Apfelsorten sehen einfach nicht so glänzend und schön aus. Wenn ich an die neuere Apfelsorte „Pink Lady“ denke, könnte ich mich schütteln. Da lasse ich mir doch nicht nur den Boskop, sondern auch den Cox Orange, Gravensteiner und selbst der Klarapfel, direkt vom Baum gepflückt und eigentlich zum Backen gedacht, schmecken.

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  1. Ich mag den Artikel! 🙂 So wie du es beschreibst und wie ich es kenne, kann man Genuss nur erleben, wenn man präsent ist. Ich muss zugeben, dass mir das manchmal schwerfällt und dass ich auch oft die Person bin, die sich wundert, wo die Zeit geblieben ist… Es ist gut, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie schön es ist, etwas bewusst wahrzunehmen.

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    1. Hallo liebe Helen,
      vielen Dank für Deine lieben Zeilen. Das Wort präsent, das gefällt mir. Es drückt noch einmal auf eine andere Art und Weise aus, was ich mit meinen Worten schrieb. Sinnlich und präsent und wir bekommen vom Leben ständig wunderschöne Erfahrungen geschenkt. Die würden wir gar nicht mitbekommen, wären wir stets wir der von mir beschriebene „Handy-Man“ unterwegs.
      Ich wünsche Dir noch ein ganz zauberhaftes Wochenende.
      Herzliche Grüße, das Licht

      Gefällt 3 Personen

  2. Hallo Licht, deine Fotos, die du an den Beginn des Artikels stellst, sind immer so zauberhaft – selten so etwas gesehen. – Und deine Genussbeschreibung hat mich überzeugt. Leider haben bei mir schon einige Sinnesorgane wie Augen und besonders Ohren, aber auch Nase z.B., im Laufe der Jahre heftig gestreikt, so dass ich vieles nicht mehr so genauestens wahrnehmen kann. Aber daran gewöhnt man sich im Laufe der Zeit – ich habe mich zumindest einigermaßen daran gewöhnt.
    Sage mal, habe ich die Überschrift deines Artikels nur vergessen oder finde ich ihn nicht? Ich wollte nochmal was über den Stadtpark von Hamburg nachlesen, was du ja so ausführlich beschrieben hast.
    Vielleicht kannst du mich ja mal bitte aufklären.
    Schöne Wochenendgrüße kommen von Clara

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    1. Hallo Clara, das mit den nachlassenden Sinnesorganen ist natürlich nicht schön, aber ich glaube Dir aufs Wort, dass Du Dich daran einigermaßen gewöhnt hast. Mir geht es so mit den Augen und auch die Ohren sind nicht mehr ganz so gut, wie noch früher in der Jugend.

      Den Artikel mit dem Stadtpark überarbeite ich gerade. Ich fand noch ein paar Ergänzungen, die ich demnächst einfügen werde. Wenn Du etwas Konkretes wissen willst, dann lass es mich wissen. Ich gebe Dir gern Auskunft- so zwischendurch.

      Dass Dir meine Zeilen über den Genuss gefallen, freut mich natürlich. Und die Fotos sind alles selbstgemacht. Keine fremden Bilder. Sie stammen aus Urlauben, Wochenenden und auch aus der Gegend hier.

      Dir auch schöne Wochenendgrüße, das Licht, Cathrin

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      1. Liebes Licht, ich habe jetzt minutenlang mein Fotoarchiv durchsucht, aber ich finde diese „Astronauten-Kuh“ nicht. Ich bilde mir ein, ich habe sie vor Jahren (meine Hauptzeit in Hamburg war ja 1993 – 96) in einem „Gebäude?“ im Hamburger Stadtpark fotografiert. Gibt es dort so etwas wie eine Sternwarte oder gar ein Planetarium?
        Liebe Sonntagsgrüße an dich von Clara

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        1. Hallo liebe Clara, ja, im Stadtpark gibt es das Planetarium. An die Astronauten-Kuh erinnere ich mich allerdings nicht.
          Ich hatte mir ja eigentlich mal vorgenommen, wieder in den Stadtpark zu fahren. Wir wohnen zwar gar nicht mehr in seiner Nähe und ich bin nun bestimmt auch schon zehn Jahre nicht mehr dort gewesen, doch ich würde gern mal schauen, ob diese Orte und Sehenswürdigkeiten noch alle dort sind. Dann kann ich ja auch mal nach dieser „Kuh“ Ausschau halten.
          Herzliche liebe Sonntagsgrüße auch für Dich, das Licht

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          1. Nein, die Kuh wirst du 100%ig nicht mehr finden. Es war eine Sonerausstellung, und wahrscheinlich wirklich in den 90er Jahren. Damals habe ich wohl noch nicht so richtig digital fotografiert oder die Fotos sind irgendwo anders gespeichert oder verschwunden – aber ich fand es so lustig. Daneben standen Menschenpuppen in Astronautenkleidung – und dann die Kuh mit ihrem dicken Kopf und einem Helm darüber.
            Aber schön, dass es wenigstens mit dem Planetarium als Erinnerung bei mir geklappt hat.
            Und tschüss sagt Clara

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  3. Danke für diesen Text. Er erinnert mich daran, wie schön es ist, jeden Tag intensiv zu leben. Es liegt ja in meiner Hand, ob ich durchs Leben renne oder mir die Zeit nehme, bewusst in der Gegenwart zu sein. Mir gelingt es im Arbeitsalltag leider selten, den ganzen Tag bewusst zu leben, aber morgens, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin, dann nehme ich die Vögel, den Duft vom Frühling und die Frische des Tages ganz intensiv wahr. LG Trina

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    1. Hallo liebe Trina,
      ich bin ja davon überzeugt, wenn man – wie Du – nur einmal am Tag das Geschehen um sich herum ganz bewusst wahrnimmt, ist das schon eine große Bereicherung für einen selbst.
      Mir passiert es natürlich auch, dass die Tage nur so an mir vorbei rauschen und ich es nicht schaffe, mir Oasen der Aufmerksamkeit zu schaffen. Dann fehlt mir etwas und ich fühle mich leer und ausgelaugt. Dann braucht es so einen Spaziergang, ein Genuss im Grünen.
      Wenn wir unser Haus in Nordfriesland haben, wollen wir uns auch wieder einen Hund holen. Was für einen Hund hast Du? – wenn ich das fragen darf.
      Herzliche Grüße, das Licht

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      1. Ich habe einen Terrier-Schnauzer-???-Mischling. Sie wird bald 15 und unsere Spaziergänge sind jetzt deutlich kürzer und langsamer geworden, aber ich genieße jeden Augenblick, den ich mit ihr habe. Liebe Grüße, Trina

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  4. Was die Genussfähigkeit einschränkt, das kann schon ein Foto-Apparat sein, wenn man ständig drüber nachdenkt, den besten Blickwinkel zu finden. Wer im Urlaub alle schönen Umstände, Landschaftsbilder und Sehenswürdigkeiten nur durch die Linse betrachtet, der gewinnt nicht, sondern verliert, genauso wie jemand, der sich ständig Gedanken macht, wie er sein Leben und was er sieht und erlebt am besten auf seinem Account darstellt.

    Auch ich liebe etwa die Natur und lange Spaziergänge über Wiesen und Felder, entlang von Bächen und im Wald über kleine Trampelpfade, vorbei an versteckten Tümpeln und Futterstellen, wo viele giftige oder essbare Pilze ihr Dasein ungestört fristen und einem manches scheue Reh begegnet, aber mein Geist bleibt dabei wach, meine Gedanken werden automatisch angeregt, weil der Geist nicht sucht, sondern ständig findet, weil sich die Bilder von außen im Inneren manifestieren, die mir immer auch ohne Foto-Apparat bleiben und mich zu Ideen anregen, die schon zu meinen besten Texten geführt haben.

    Eigentlich sollte man wirklich nur ganz mit der Natur aufgehen, ein Teil von ihr werden und alles Denken einfach mal ausschalten. Aber als schreibender Mensch ist das kaum möglich. Es schreibt immer ein Co-Autor in der Seele mit und darauf hat man kaum einen Einfluss. Ich kann mich irren, schreibe auch nur aus meiner Erfahrung und nicht als Widerspruch zu deinem wunderbaren Text, der zur Selbstpflege und zum Genuss an allem Tun und somit zum inneren Glück aufruft.

    Hermann Hesse hat mal in „Über das Glück“ beschrieben, wie er an einem Sonntagmorgen das Glück im zeitlosen Schweben und Einssein mit der Leben erfahren hat. Solche Momente kann man kaum küntlich herbeiführen: Sie entsehen von selbst, wenn der Geist loslässt und sich einlässt auf den Moment ..

    Du bist ne große Schriftstellerin, weil du nicht nur unterhalten möchtest, sondern jeder Text von dir auch eine mehr oder weniger versteckte Botschaft enthält und weil jeder selbst die Freiheit behält, aus einer niedergeschriebenen Erfahrung lernend etwas für sich selbst heraus zu ziehen. Das war auch Hermann Hesses Intention.

    Meine Texte hingegen bestehen oft nur aus Geblödel und Nonsens: Man muss schon genauer hinschauen, um zu erkennen, welche Gedichte mir wirklich wichtig sind und es sind schon einige. Unter der Rubrik „für dich“ stehen übrigens meine wichtigsten und authentischsten Texte.

    Schönen Spätmittag und Abend, Sven 🙂

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  5. Udo Jürgens ist genial: „Siebzehn Jahr, blondes Haar, so stand sie vor mir ..“ Ich halte es mehr mit Roy Black, Der stand im Anzug auf der Bühne und sang romantische Texte, die heute die Gothic-Bewegung nur etwas anders singt. Abba ist absoluter Kult und die eine Sängerin Agnetha hat wirklich eine sehr gute Stimme und hat schwierige Parts gesungen, die heute schwer nachzusingen sind. Kennst du „The Day Bevore You Came“? Zum Weinen schön.

    Dass du den „Steppenwolf“ gelesen hast, ist schon der Hammer. Mein Lieblingsbuch und meiner Meinung nach das beste Buch eines deutschsprachigen Autors. Harry Haller kann nicht einschlafen und verlässt seine Dachstube, um sich in seine eigene Seele zu begeben. Am Ende siegt der Humor und Harry kann wieder lachen, weil ihm Hermine gezeigt hat, wie das Leben funktioniert, weil man nicht der grantige Außenseiter sein muss, sondern dem Ruf der Liebe zu den Menschen nur folgen muss ..
    Wenn du dein Seelenleben offenbarst, solltest du doch im Schutz der Anonymität schreiben. Ich liebe eigentlich Geheimnisse und keiner sollte zuviel über mich wissen. Ich möchte eigentlich nicht, dass jemand meine Texte hier mit meiner wahren Person in Verbindung bringt. Kannst du das verstehen?

    Ich möchte nicht, dass meine Familie oder Freunde mich hier finden, weil meine Seele hier oft offenliegt wie ein offenes Buch. Ich muss meine Gefühle schützen. Deshalb hab ich dir auch als meinen wahren Namen einen falschen angegeben, den ich zum Mailen benutze. Sorry, aber meinen wahren Namen wird hier keiner erfahren ..

    Ich muss meine Seele schützen, LG PP

    Du kennst den „Steppenwolf“, du kennst

    Liken

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