Schöne Aussichten und andere Geschichten

Gestern nieselte es stundenlang sanft klitzekleine Tropfen, wie ein Sprühnebel. Dann pausierte es für eine Weile und sogar ein paar Sonnenstrahlen durchbrachen die ansonsten dichte Wolkendecke, bis sich die Wolken wieder zusammenrauften, dick und fett und grau und schwarz und auf einmal dicke Regentropfen eimerweise herunterstützten, begleitet von einem herrlichen Konzert mit Blitz und Donnerschall. Nur ganz kurz, flugs kam schon wieder die Sonne heraus, als sei nichts gewesen. Nichts schien mehr an den heftigen Regenguss zu erinnern, bis auf ein paar Wassertropfen, auf den Blättern, hoch oben an den Bäumen, die als verräterische Spuren des Regens im Sonnenlicht glitzerten.

Ich sprach mit meinen Eltern über meine Schlaflosigkeit und erfuhr, dass mein allabendlicher Genuss von drei Stücken 70%iger Schokolade und der tägliche Schokoladenkeks zum Nachmittagstee einen großen Teil dazu beitragen könnte. Ich staunte nicht schlecht. Keine Schokolade mehr? Es ist uns ein so liebgewonnenes Ritual geworden. Ich überlege nicht lange, der Schlaf erscheint mir wichtiger und ich verzichte nun auf die Schokoladenzufuhr. Mein Mann genießt nun alleine.

Auch mit den Freunden aus Nordfriesland telefonierten wir. Es geht ihnen hervorragend. Obwohl das Café noch geschlossen ist, scheint diese Viruskrise für einige Nordfriesländer keine große Bedeutung zu spielen. Menschen treffen sich. Menschen sprechen miteinander. Menschen arbeiten und erledigen ihre Aufgaben. Menschen wirken gelassen und fröhlich und ruhig. Menschen nutzen die Gelegenheit, um das zu erledigen, wozu sie sonst keine Zeit gefunden haben. Unsere Freunde sagen: „Du kannst ruhig herkommen. Es gibt auch genug für Dich zu tun.“ Die Aussicht wirkt verlockend auf mich.

Die Natur erobert sich immer mehr ihr Revier zurück. Vielen kommt es so vor, als würde es mehr Vogellärm geben. Wildschweine durchwühlen Rasenflächen in Wohnanlagen und Gärten, wo man noch nie zuvor Spuren von ihnen gesehen hat. Dann die Wale und die Delfine, die vor den Kanarischen Inseln dicht an den Küsten vorbeischwimmen, vor Freude in die Luft zu springen scheinen, ganz ruhig hin und her schwimmen, wohlwissend, es droht ihnen keine Gefahr.

Ein Freund in Spanien beobachtet mit Tränen in den Augen Mütter und Väter, die mit ihren Kindern für zwei Stunden dem Mief ihrer Wohnungen entfliehen dürfen und am Strand spielen. Unser Freund hat keine Kinder und darf somit nicht aus Vergnügen an den Strand. Einmal hat er es trotzdem gewagt, spät abends in der Dunkelheit. Jemand hat ihn beobachtet und verpfiffen. Die Polizei hat ihn festgesetzt. Strafen in Spanien sind ziemlich hoch.

Heute Morgen ist der Himmel dichtverhangen, ein paar Stunden später drängelt sich die Sonne wieder hindurch und der Wind trägt die Wolken mit sich hinfort. Ist das Grün an den Bäumen noch grüner geworden? Oder täuschen sich meine Sinne? Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall ist es viel mehr geworden.

Aktuell lese ich das Buch „Nach der Flut“ von Albert Johannsen. Es handelt von der Sturmflut 1634, die in einer Nacht im Oktober besonders über die damals noch existierende Insel Nordstrand hinwegtobte und über sechstausend Leben auslöschte, sowie etliche Häuser, Höfe, Kirchen, Mühlen und Tiere für immer versinken lies. Hinterher blieb ein ganzer Landstrich unbewohnbar und wurde später der Nordsee ganz und gar geopfert. In dem Buch dreht es sich um einen Sohn, der nach fünfjähriger Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt und diese ganz und gar verändert vorfindet. Sein Elternhaus ist den Fluten zum Opfer gefallen und seine Eltern tot. Die Schwester hat sich einer Sekte angeschlossen und der Kirche und deren Gott abgeschworen. Das Buch wurde schon vor über hundert Jahren geschrieben und dem heutigen Sprachgebrauch ein wenig angepasst. Auf jeden Fall gelingt es Albert Johannsen, mich in die damalige Zeit zu entführen und Mitgefühl zu entwickeln, für jene Menschen, die damals alles verloren haben und sich mit den damaligen Widrigkeiten auseinandersetzen mussten. Im hinteren Teil des Buches wird über die damalige Zeit berichtet. Wirklich spannend, finde ich. Mir fehlen noch eine ganze Menge Seiten. Sollte es noch Wesentliches darüber zu berichten geben, werde ich das natürlich zu einem späteren Zeitpunkt noch tun.

Nun sitze ich hier und überlege ernsthaft, ob und wann ich meine Koffer packe, um nach Nordfriesland zu ziehen. Immerhin ist dieser Plan schon lange gehegt und durchdacht. Mein Mann plant auch mit, denn er will schließlich so schnell wie möglich folgen. „Unser“ Zimmer bei unseren Freunden wäre schon fertig, unser Wohnwagen steht dort auch trocken und windgeschützt unter einem Dach. Das einzige, was wir hier zu klären hätten, wäre das Gießen unserer Pflanzen. Ich könnte sie zu meinen Eltern bringen oder zu der Schwiegermutter und ihrem Lebensgefährten. Es wäre ja nur für eine paar Monate. Wir könnte schon mal packen und wenn dann das neue Haus fast fertig ist, die Wohnung verkaufen.

Ja, wir haben den Plan, die Wohnung jetzt schon weiterzugeben, erst einmal auf Eis gelegt. Da niemand weiß, wohin diese Krise führen wird, könnte „Betongold“ sich als wertvoller herauskristallisieren, als ein paar Euro mehr auf dem Konto oder im Safe.

Ich werde wohl noch ein paar Nächte drüber schlafen. Am schönsten fände ich es sowieso, wenn mein Mann gleich mitkäme. Schauen wir mal.

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

1 Comment

  1. Ich hatte mal eine Rezension bei amazon geschrieben über den Film „Chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp und hier ein Satz daraus:

    Kakao verfügt über antioxidative Eigenschaften, wirkt vorbeugend gegen Hirnschlag, Herzinfarkt, Krebs und Diabetes. Die stimmungsaufhellende Wirkung wird vor allem durch Serotonin, Tryptophan und Phenylethylamin hervorgerufen. 50 g dunkle Schokolade enthalten so viele Antioxidantien wie 15 Gläser Orangensaft oder sechs reife Äpfel ..

    Schokolade kann also kein Hindernis sein, seelig einzuschlafen ..

    https://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R1WX5JMDPKL5EI/ref=cm_cr_getr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&ASIN=B00ILNT522

    Mal kucken, ob meine Rezension überhaupt noch besteht ..

    LG Sven 🙂

    Liken

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