Magie liegt in der Luft

Vor vielen Jahren, irgendwann im Mai, traf ich mich mit ein paar Leuten nachmittags im Stadtpark. Den ganzen Vormittag lang schien die Sonne. Keine Wolke weit und breit. Es sah nach guten Vorzeichen aus. Gegen Mittag tauchten dann die ersten Wolken am Himmel auf und als ich losging, zog sich der Himmel zu und es tröpfelte leicht. Mein Plan stand trotzdem fest. So ein paar Tropfen spielten keine Rolle.

Treffpunkt war ein Eingang, in der Nähe des Planetariums und alle waren pünktlich. Anfänglich zögerten wir noch, einigen war dieser feine Nieselregen schon zu viel. Letztendlich gingen wir doch alle los und verteilten Dankbarkeitssteine. Wir waren bestimmt zwei Dutzend erwachsener Personen, die auf größeren, selbstgesammelten Kieselsteinen mit einem wasserfesten Filzschreiber das Wort „Danke“ oder „Dankbarkeit“ geschrieben hatten und jetzt diese Steine irgendwo im Stadtpark verteilen wollten. Wir legten sie auf Parkbänke, zwischen Zweige, auf Baumstümpfe und überhaupt überall dorthin, wo andere Menschen sie finden konnten, während der Nieselregen nicht nachließ. Nach ungefähr einer Stunde waren wir fertig und gingen noch zusammen in’s Schumacher wo wir etwas tranken, klönten, lachten und uns überlegten, was wir demnächst mal zusammen unternehmen wollten. Vielleicht mal wieder eine Kanufahrt oder ein Picknick an der Elbe.

Ach ja, das Schumacher war eine Mischung aus Café, Restaurant, einfach-so-zum-sitzen-Laden, an dem sich das Schwimmbad anschloss. Ein Naturbad. Ein Stück abgetrennter See, der bewacht wurde. Inzwischen nennt es sich nicht mehr Schumachers. Es wurde verkauft und umbenannt. Schade. Das Schumacher’s war eine Intuition. Wenn man dort saß, konnte man auf der gegenüberliegenden Seite des Sees die große Wiese sehen und am Ende natürlich das Planetarium.

Später, als ich mich auf den Heimweg machte, führte mich mein Weg noch durch den halben Stadtpark. Ich kam an den bunten Rhododendren vorbei, die in ihrer vollen Schönheit blühten. Ich hatte extra meinen Fotoapparat mitgenommen, um dieses vielfarbige Blütenmeer festzuhalten. Im Nachhinein erwies sich das als ziemlich klug, denn der abendlich einsetzende Regen spülte die herrliche Pracht einfach von den Büschen runter auf den Boden, sodass es die letzte Möglichkeit für die Fotos war.

Ich stand dort also, und fotografierte die ganze Reihe Rhodos ab. Manchmal stellte ich mich ein Stück weg, dann rückte ich den Blüten wieder ganz dicht auf die Pelle.

Plötzlich stand ein älteres Pärchen neben mir und der Mann sprach unvermittelt los: „Sie müssen mal auf den Ohlsdorfer Friedhof gehen. Da ist es schön!“ Dabei blickte er mich erwartungsvoll an.

Ich wunderte mich, doch bevor ich überhaupt auch nur ein Wort hätte erwidern können, plauderte er auch schon weiter: „Kennen Sie den Friedhof? Der ist wirklich großartig. Seine alten Gräber…“, als hätte ich ihm das erste Mal kein Glauben geschenkt.

Was sonst, dachte ich, es ist schließlich ein Friedhof, doch weil ich ein freundlicher Mensch bin, lächelte ich und nickte. Das schien auszureichen, um den Redefluss des Mannes erst richtig in Schwung zu bringen.

Er sprach über den Friedhof, wie über eine geheimnisvolle Märchenwelt. Er berichtete von Gräbern, die ihm Geschichten erzählen würden, von Engeln und anderen Skulpturen, von Grabmalen und besonderen Worten, von dem jüdischen Teil und anderen bewegten Dingen. Seine Frau unterbrach ihn irgendwann zögerlich und deutete kurz an, dass der Friedhof nun wirklich nicht so berauschend sei. Der Mann schaute erst seine Frau mit leicht hochgezogenen Augenbrauen an, dann mich. Dann wechselte er einfach zu einem anderen Thema, als würde er ihr zustimmen.

„Kennen Sie sich gut hier im Stadtpark aus?“, fragte er in meine Richtung. Ich überlegte kurz und antwortete wahrheitsgemäß: „Eigentlich ganz gut, ja, wieso fragen Sie?“

Da richtete sich dieser kleine, ältere Mann auf und kam erst so richtig in Fahrt. „Kennen Sie die Kathedrale?“

Ich wusste nicht, was er meinte. Im ganzen Stadtpark gab es keine einzige Kirche und wenn es eine gäbe, dann wäre sie mir sicherlich aufgefallen. Doch ich kam nicht zu Wort, der Mann sprach ohne Punkt und Komma weiter.

„Kennen Sie den magischen Baum und die beiden Mammutbäume? Dazwischen ist auch Magie“, flüsterte er fast und schaute sich um, als würde er sicher gehen wollen, dass uns niemand anderes zuhören würde.

Nun hatte der Mann meine Neugier geweckt. Jetzt wollte ich unbedingt mehr über den Stadtpark wissen – und die Kathedrale. Vielleicht gab es ja irgendwo einen geheimen Ort oder Durchgang.

„Ich traf mal eine Frau“, erzählte er weiter, „die hat ihr Baby auf den Platz zwischen den Mammutbäumen geschoben, weil es so schrie. Kaum stand die Karre dort, hörte das Baby sofort auf zu schreien und schlief kurz danach friedlich ein.“ Der Mann sprach immer weiter und ich folgte ihm, immer mit dem der Frage im Hinterkopf „und die Kirche“? Als der Mann dann doch mal kurz Luft holte, nutzte ich die Unterbrechung und fragte: „Von welcher Kathedrale sprachen Sie?“

„Oh!“, wunderte er sich ganz offensichtlich, da ich mich dann wohl doch nicht so gut im Stadtpark auszukennen schien, wie ich verkündete und er es entsprechend verstanden hatte.

„Der Platz dort hinten, wo Sie durch eine Hecke gehen“, und er deutete mit seiner Hand in eine Richtung. „Es ist eine Buchenhecke, die in einem großen Rechteck gepflanzt wurde.“ Er machte eine kurze Pause, als würde er kurz nach den passenden Worten suchen und sprach auch schon weiter: „Ist Ihnen aufgefallen, dass davor vier Bäume stehen? Wie Wächter? Und die sieben Fenster in der Kathedrale? Und dass die Kathedrale drei Eingänge hat?“ Er sah mich fragend an und ich vermutete, meine Augen waren weitaufgerissen und in ihnen hüpften viele Fragezeichen und Ausrufezeichen für jede Menge Staunen und Wundern. Nie hatte ich diese Dinge so betrachtet und wahrgenommen, wenn auch bestimmt schon hundert Mal gesehen.

Er fuhr fort: „Dann ist Ihnen natürlich auch nicht aufgefallen, dass die Kathedrale, wie übrigens alle Kirchen, in Richtung Ost/West steht. Alle Kirchen wurden so erbaut. Der Altar steht meistens im Osten, dort wo die Sonne aufgeht und der Eingang häufig gegenüber im Westen. Nach der Kathedrale kommen Sie doch zu dem Pinguin-Brunnen. Da stehen vierundzwanzig Rotahorne drum herum. Die stehen stellvertretend für die zwölf Apostel.“ Und der kleine Mann erzählte immer noch mehr und noch mehr und irgendwann konnte ich mir die ganzen Details gar nicht mehr merken, so viele waren es. Auch der Weg, den er bisher beschrieben hatte, war noch nicht zu Ende. Hinter dem Pinguin-Brunnen, dessen Platz natürlich auch magisch ist, sagte der Mann, ging es noch weiter.

Irgendwann folgt dann nämlich der Weg, der die Königsallee darstellen würde, wie die in München, und danach kommt die Skulptur mit dem Jungen, der die Fische in seinen Händen hält. Direkt dahinter, hinter ein paar Büschen, steht der magische Baum. Eine uralte Buche mit ihren ausladenden dicken Ästen und Zweigen, unter denen man sich ganz geborgen fühlt. An einer Stelle sieht ihr Stamm wie ein sich umarmendes Paar aus. Ihr gegenüber dann die beiden Mammutbäume, zwischen denen Babys sich beruhigen und erwachsene Menschen mit Hilfe von Steinen, Blättern und was die Natur noch so hergibt, Mandalas legen. Das alles erfuhr ich von dem Mann.

So erzählte er weiter: „Eines Tages habe ich mal eine Feder, die ich vor den Mammutbäumen auf dem Boden fand, in einen der Stämme gesteckt und wenn Sie jetzt nachsehen, können Sie feststellen, dass dort nun ganz viele Federn in den Stämmen stecken.“ Und dem Mann schwoll sichtlich die Brust und er schaute mir voller Stolz in die Augen und nickte dabei. „Andere Menschen haben es mir nachgemacht!“ konnte er sich nicht verkneifen, noch hinzuzufügen. Er schwieg einen Augenblick und ich dachte schon, er sei jetzt fertig, als er auch schon weitersprach:

„Kennen Sie die Affenskulptur?“ Ich war mir nicht sicher. Da erklärte er mir welche Skulptur er meinte und berichtete weiter: „Ich lege jedes Mal, wenn ich durch den Stadtpark spaziere, ein Cent-Stück auf den Kopf des Affen.“ Er schaute mich lächelnd an, als er sagte: „Schauen Sie mal nach, da müsste jetzt noch eins liegen.“

Dann verabschiedete sich das Paar von mir und ich bin natürlich sofort los, um mir all die beschriebenen Orte, den Weg zur Kathedrale und der Königsallee und überhaupt alles genau anzusehen. Ich ging durch die feuchte, warme Luft und fand die Kathedrale sofort und wunderte mich, dass mir nie aufgefallen, war, dass Ähnlichkeit bestand. Auch die Königsallee, die in München zum Schloss führte, war ziemlich deutlich zu erkennen. Auch wenn es hier kein Schloss gab und auch keine echte Kathedrale. Halt eine Buchenhecke in Form eines Kirchenschiffes, mit Türen und Fenstern. Während ich in der Mitte der Buchenhecken-Kathedrale stand, fiel mir wieder ein, dass der Mann hier immer das Glaubensbekenntnis beten würde. Ich zählte auch die Bäume nach, die Fenster und Tore und ich fand auch die zwölf Bäume, die der Mann erwähnt hatte. Plötzlich betrachtete ich den Stadtpark mit ganz anderen Augen.

Als ich bei den magischen Bäumen ankam, stellte ich mich zwischen die Mammutbäume und schloss für eine Weile die Augen. Ich will jetzt nicht behaupten, es hätte eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt, denn ich wäre mir nicht sicher gewesen, ob es nicht doch nur eine Einbildung gewesen ist. Als ich dann noch eine Feder fand, steckte ich sie zu den anderen in einen der Stämme und da ich auch noch zwei der Dankbarkeitssteine übrighatte, legte ich einen davon auf den Boden. Während ich noch dort stand und über alles nachdachte, tauchten plötzlich der Mann und seine Frau neben mir auf.

Sofort kamen wir wieder ins Gespräch und der Mann hatte natürlich noch weitere Details und Geschichten über den Stadtpark zu berichten. Da griff ich unvermittelt in meine Hosentasche, zog den letzten Dankbarkeitssteine heraus und reichte ihn dem Mann: „Den möchte ich Ihnen gern schenken“, sagte ich. „Sie haben mir wirklich wundervolle Geschichten erzählt und meinen Tag sehr bereichert.“

Der Mann lächelte und bedankte sich. Dann griff er seinerseits in seine Hosentasche und holte einen kleinen, weißen, ganz glatt polierten Stein heraus und reichte diesen mir. „Und den möchte ich Ihnen gerne schenken“, sagte er und lächelte.

Seine Frau, die danebenstand, riss die Augen auf, bebte und zitterte leicht, als sie beinahe flüsternd sagte: „Das ist ein ganz besonderer Moment!“ Ich verstand sie nicht und schaute sie fragend an. Sie fuhr leise sprechend fort: „Den Stein hat mein Mann vor vielen, vielen Jahren in Spanien gefunden und trägt ihn seitdem immer in seiner Hosentasche. Es ist sein Glücksstein und er ist über die vielen Jahre erst so blank geworden, weil er jedes Mal, wenn ihn etwas beschäftigt, nach dem Stein greift und ihn zwischen den Fingern reibt.“

Danach schwiegen wir drei und lächelten nach einer Weile, als wir uns voneinander verabschiedeten. Ich blickte den beiden noch hinterher, bevor ich selbst auch endlich den Heimweg antrat. Ich sah die beiden nie wieder, obwohl ich noch sehr häufig im Stadtpark gewesen bin.

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

5 Comments

  1. Hallo Licht, das mit den Steinen – vielleicht nicht unbedingt mit dem Wort Danke, sondern mit einem Motiv ist ja gerade ganz stark im Kommen – ganze Steinschlangen liegen in Parkanlagen herum.
    Hamburg war ja drei Jahre lang meine absolute Lieblingsstadt, da dort mein Lieblingsmensch lebte. Leider hat sein Tierkreiszeichen (Anfang Juli) seinem Leben ein Ende bereitet. – Ist aber schon fast 25 Jahre her. Aber deswegen kenne ich den Ohlsdorfer Friedhof natürlich – der ist wirklich eine Berühmtheit, aber er liegt auf dem Öjendorfer.
    Im Stadtpark waren wir sehr oft – doch so genau kann ich mich nicht mehr erinnern.
    Du schreibst: “ 12 Apostel…“ Da gibt es das Bild von Leonardo da Vinci „Das letzte Abendmahl“ – Jesus mit seinen 12 Aposteln, einer davon, der Judas, hat ihn ja laut Bibel verraten.
    Jetzt muss ich mich um was zu essen kümmern.
    Liebe Grüße von Clara

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Clara,
      das Geschehen liegt nun schon über zehn Jahre zurück. Da ging das mit den Steinen gerade los.
      Dass ich das mit den Aposteln durcheinander bekommen habe, ist mir gar nicht aufgefallen 🙂 – ich danke Dir für Deinen Hinweis! – so konnte ich es gleich korrigieren.
      Also, vielen lieben Dank, Clara.
      Herzliche Grüße, das Licht

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