Von heute bis morgen und zurück

Die Zeit fühlt sich klebrig an. Sie ist irgendwo zwischen dem Ahrensburger Schloss und den Grachten in Friedrichstadt hängengeblieben. Das Leben wirkt, nach Wochen, schal und bitter.

Morgens im Bett liegen, kreisende Gedanken, Ideensammlungen für den Tag. Spinnenweben in den Ecken entdecken, Spinnen, große und kleine, die an der Decke spazieren gehen. Der Staubsauger kommt nicht mehr dagegen an. Sie lauern vor den Fenstern und nutzen jeden Spalt schamlos aus.

Das Bücherregal, das sich immer mehr füllt. Ich könnte mich von dem einen oder dem anderen Buch trennen, doch schon so oft im Leben habe ich davon kartonweise verloren. Stehengelassen, vor die Tür gestellt mit einem Schild „zu verschenken“, im Getümmel eines Auszuges vergessen. Die Mutter, die alles entsorgte, was man nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, die Schuhe für den Herbst, den treuen Parka aus der Jugendzeit, die Schlumpf-Sammlung oben auf dem Kleiderschrank und die heißgeliebten Bücher, auch von der verstorbenen schizophrenen Tante, die mit den Gläubigern in sechs verschiedenen Sprachen plauderte, die sie in ihren Gedanken verfolgten. Ich will meine Bücher behalten. Treue Weggefährten, die mich so häufig in all den Jahren über schwere Zeiten trösteten. Wir planen im neuen Haus mehr Regale. Eine kleine, überschaubare Bibliothek. Nach Themen sortiert. Vielleicht kleine Schilder für den Überblick. Wie in einer Buchhandlung.

Die Tage werden langsam müßig und mischen sich zu einem Einheitsbrei. Mal heiß und dann wieder kalt. Schwitzend in der Nacht, frierend am Tag. Schlaflosigkeit breitet sich immer weiter aus. Wälzend im Bett liegen und den Anbruch des Tages herbeisehnen. Abends mit Schrecken auf die kommende Nacht blicken. Baldrian, Hopfen, Johanniskraut, Lavendel, Schlaftee, Beruhigungstee, heiße Ölbäder, beruhigende Musik, geführte meditative Tiefenentspannung mit lauter fremder Stimmen, Spaziergänge am Abend, veränderte Schlafrituale, Loslassen des Tagesgeschehens – alles ausprobiert – der Schlaf will sich einfach nicht einstellen, trotz bleiender Müdigkeit. Schlaftabletten sind auch keine Lösung, Rotwein auch nicht. Irgendwie rinnt die Zeit tagsüber trotzdem vorbei, manchmal gefühlt wie ein Bummelzug entlang der Schotterwege, dann wieder wie ein Express zwischen den Linden hindurch.

Die Küche gerät zu einem Schlachtfeld. Spuren der französischen Buttercroissants in Form einer Mehlspur auf der Ablage. Töpfe voller Tomatensoße und Tortellini, eine Schüssel mit den Resten des Salatdressings, in der Pfanne Fettspuren, in dem vorher die Bratkartoffeln brutzelten. Schnipsel von Gurke, Tomate, Salat, Radieschen, Kresse auf der Spüle, dort, wo normalerweise Geschirr vor sich hintrocknen soll. Vertrocknet, auch die eingestaubten Rosen im Fenster der Nachbarn. Das Mittagessen ist fertig, der Mann ist noch mit einer Videokonferenz beschäftigt, dabei knurrt schon sein Magen.

Inzwischen ist die Edelstahlspüle wieder blankpoliert, wie ein See der – während Wolken schwarzverhangen ein drohendes Gewitter ankündigen – schwarz und träge, einem Spiegel gleich, zwischen den Bergen ruht. Vielleicht braucht es den erfrischenden und reinigenden Effekt von Donner und Blitz, zusammen mit einem Regenschauer. Wegfegen, all dessen, was sich im Kopf, in den Gliedern, zwischen den Häusern, den Ländern und den Hirnen der Was-weiß-ich angesammelt hat, um Platz zu schaffen für Heiterkeit und Lösungen.

Auf dem Sofa liegen, den Mann beim Ruhen beobachten, aus dem Fenster schauen und über die explosionsartig, grüngewordenen Bäume staunen. Stiefmütterchen, die in den Blumenkästen plötzlich in die Höhe schieße. Ich überlege, sie müssten noch bis zur eisigen Sophie ausharren, bevor sie über die Balkonbrüstung, direkt in der Schubkarre des Hausmeisters landen und den hängenden Geranien, Impatiens und Mittagsblumen weichen. Ich frage mich, ob der Hausmeister damit einverstanden wäre…

Beschäftigungstherapie. Den Tag sinnlos füllen, mit kochen, backen, putzen, Wäschewaschen, saugen, fegen, Pflanzen gießen, das Vogelnest in den Müll werfen, welches die Frau Amsel für nicht gut genug hielt und kurzerhand zurückgelassen hat. Ein paar Meisen haben es noch begutachtet, bevor es überflüssig wurde. Sinn suchend, im Lesen, im Schreiben, im Küche planen für das neue Haus. Ab und zu ein Telefonat, eine Nachricht schreiben, den Freunden in Brasilien eine E-Mail, genauso wie jenen, die jetzt in Spanien in ihrer Wohnung ausharren und aus lauter Verzweiflung in der Nase bohren.

Ich träume von besseren Zeiten. Von einer Aufgabe und dem Gefühl, von Sinnhaftigkeit. Von einem erfüllten Dasein. Mich nicht mit Belanglosigkeiten abplagen. Ich war so nah dran, nur noch ein paar Tage und ich wäre an der Küste gewesen, zwischen Marschland und Wattschlammschlacht. Ich hätte in aller Ruhe die Wattwürmer beobachtet, Muscheln aufgehoben, hätte das Gesicht in Richtung Westwind gedreht, wäre mit meinen orangefarbenen Gummistiefeln über die knietiefen, pitschnassen Wiesen gestolpert, hätte zur Orientierung nach den Kirchturmspitzen geschaut, wäre am Strand durch die heranrollende Brandung gelaufen und am Nachmittag würde ich den Nordfriesen die köstlichen Tortenstücke über den Tisch schieben, zusammen mit einem Becher Kaffee und selber an der Sahne schlecken. Der Virus schob sich zwischen meine Pläne und gibt nicht bekannt, wie lange er gedenkt zu bleiben. Unverschämtheit.

Draußen ist der Himmel wolkenbehangen. Zwei Meisen krallen sich an den kahlen, toten Zweigen fest, die Buchen voller pergamentzarten hellgrünen Blättern. Hier drinnen vielleicht einer der letzten Tulpensträuße, draußen blühen die Anemonen. Kinder malen mit Kreide auf den Betonplatten. Was sollen sie auch sonst tun.

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

11 Comments

    1. Liebe Lisetta,
      herzlich lieben Dank, über solche Komplimente freue ich mich natürlich immer sehr. Zeigen sie mir doch auch, dass es gut ist, was ich schreibe und meine Botschaften ankommen.
      Dir wünsche ich auch ein ganz zauberhaftes langes Wochenende.
      Herzliche Grüße, das Licht

      Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke Dir und natürlich weiß ich, dass bessere Zeiten folgen werden, nur – Du weißt schon, manchmal, da hat man einfach genug davon. Und das immer wieder, umso länger es dauert und auch die Abstände der Hänger werden kürzer.
      Danke auch für das Gedrückt-Fühlen. Das gebe ich sehr gern an Dich zurück. 🙂
      Herzliche Grüße, das Licht

      Gefällt 2 Personen

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