Pellworm, ein Zuhause für die Seele

Unsere Untermieter auf dem Balkon und andere Beobachtungen

Frau Amsel baut an ihrem Nest. Herr Amsel schaut zwischendurch, ob alles seine Richtigkeit hat und verscheucht die Meisen, wenn diese dem Nest zu nah kommen. Ein Kollege meines Mannes und Nachbar in einem meint, Herr Amsel übernimmt die Bauleitung. Was will man von einem Bauingenieur auch anderes erwarten.

Am Nachmittag gab es dann einen Zusammensturz. Der Baugrund für den Nestbau hat sich als nicht haltbar erwiesen und das Nest ist an einer Seite komplett abgerutscht. Die Mühsal von zwei Tagen vollkommen nutzlos. Die Bauleitung hat einen schlechten Bauplatz ausgewählt. Die Bauarbeiterin ganz umsonst gewerkelt. So ein feines Werk, einfach kaputt. Frau Amsel kehrte seit Stunden nicht wieder zurück – vermutlich diskutiert sie bereits heiß mit Herrn Amsel, der ihr nun bessere Bauplätze präsentieren muss. Die arme Frau Amsel. Wir sind darüber ein wenig traurig, auf der anderen Seite aber auch erleichtert, denn die Nutzungsmöglichkeiten des Balkons wären doch sehr eingeschränkt gewesen.

Heute Nacht haben Wildschweine eine große Rasenfläche in der Wohnanlage verwüstet. Sie haben dem Hausmeister die Arbeit abgenommen, vertikutieren muss er nun nicht mehr. Auf anderen Rasenflächen sind es nur kleine Flächen, die aufgewühlt sind.

Im Forst begegnen wir einen Mann mit seinem Hund. Der Hund schleift eine Schleppleine hinter sich her. Der Mann versucht den Hund aufzuhalten. Wir rufen, das braucht er nicht. Wir sitzen auf einem dicken, liegenden Baumstamm und genießen den Blick in die Natur und das lärmende Vogelgezwitscher. Die Luft ist am Morgen kühl und frisch und mild zugleich. Sonnenstrahlen dringen durch das frische, helle Blättergrün und die noch immer kahlen Zweige. Nachmittags hängt der Himmel voller Wolken und die Sonne findet nur noch wenige Lücken, um hindurch zu scheinen.

Ansonsten sind am frühen Morgen keine weiteren Menschen im Forst anzutreffen.

Die Frau vom Kollegen und Nachbarn, also die Nachbarin, hat auf dem Dachboden eine alte Blechschüssel gefunden. So eine, in der früher die Wäsche geschrubbt wurde. Die steht jetzt im Vorgarten und wurde zu einem kleinen Teich umfunktioniert. Ich mag es, wenn man Gegenstände für neue Zwecke benutzt. Sie meint, sie hätte dort oben auch noch eine alte Bettpfanne entdeckt. Die will sie jedoch (noch) nicht umfunktionieren. Nun ja, der Sommer ist noch nicht vorbei und sie sind auch erst im letzten Jahr in das Haus gezogen.

***

Pellworm, wo die Seele ein zu Hause findet

Als ich gestern Fotografien durchblätterte, fiel mein Blick auf weitere Fotos von Pellworm.

Als wir dort waren, war es Ende Mai. In der Woche davor war es recht kühl und sehr regnerisch. In unserer Woche  auf Pellworm war es sonnig und warm und abends noch so mild, dass wir zum Essen draußen sitzen konnten und nicht einmal eine leichte Jacke brauchten. Selbst über dem Watt wehte eine milde und warme Brise und das Wasser in den Prielen war pippiwarm.

Mein Mann wünschte sich eine Hochzeit auf einem Leuchtturm. Bei der Suche nach einem geeigneten Exemplar gefiel uns der auf Pellworm am besten. Verschiedene Aspekte führten dazu, dass wir uns genau den Leuchtturm aussuchten. Er hat diese typischen rotweißen breiten Streifen und er liegt an der Nordsee. Genaugenommen sogar mittendrin. Sowieso ist seine Lage großartig. Natur drum herum mit einer herrlichen Landschaft.

Viel will ich gar nicht über den Turm schreiben. Darüber lässt sich so viel an anderen Stellen nachlesen. Nur ein paar Punkte, die ich selbst – teilweise indirekt – feststellen konnte.

Die Außenhülle besteht aus gußeisernen Elementen. Genaugenommen aus Stahl, doch „gußeisern“ klingt irgendwie nach mehr – und dann noch mit „ß“. Es sind hundertvierzig Stufen bis nach oben und der Turm misst einundvierzig Meter und einen halben an Höhe. Früher gab es einen Leuchtturmwärter, heute wird alles aus der Ferne gesteuert. Das empfinde ich als bedauerlich. Es geht doch immer mehr Flair und Nostalgie verloren.

Es sind verschiedene Räume im Leuchtturm, die auf die Stockwerke verteilt sind. Da ist ein Maschinenraum, in dem an der Wand auch Werkzeug hängt und einen anderen Raum, in dem früher die Leute schliefen. Da stehen heute ein Tisch mit Stühlen drin – und ein Kühlschrank. Der war kaputt, als wir dort waren und der Sekt, den man für uns dort kühlgestellt hatte, war knapp vor lauwarm. Dann ist da, glaube ich, noch ein weiterer Raum, dessen Sinn ich leider inzwischen vergessen habe. Ziemlich weit oben ist das Zimmer, das als Standesamt dient und darüber liegt dann noch eine Aussichtsplattform. Die hätten wir eigentlich nicht mehr betreten dürfen, weil es bereits stürmisch war und man ab einer bestimmten Windstärke dort oben nicht mehr hindarf. Wir durften trotzdem und hatten so einen fantastischen Blick über die Insel, die Nordsee, bis zu den anderen Inseln und gefühlt noch viel weiter. Ich musste mir allerdings ständig die Haare aus dem Gesicht wischen, weil der Wind sie mir immer wieder kreuz und quer übers Gesicht pustete.

Die meisten Häuser auf der Insel sind auf sogenannten Warften gebaut. Das sind sozusagen Erdhügel. Wenn das Nordseewasser dann doch mal eine Lücke im Deich findet oder auf andere Weise auf die Insel dringt, bleiben diese Häuser noch für eine ganze Weile vom Wasser verschont, bevor sie überflutet werden.

Auch andere Häuser in Nordfriesland sieht man erhöht gebaut. Besonders alte Höfe stehen auf Warften.

Allerdings stelle ich mir oft vor, ob die heute noch viel bringen, diese Warften, auf Pellworm. Ich meine, die Insel liegt unter dem normalen Meeresspiegel, der ja ständig weiter ansteigt und wenn dann noch so eine Sturmflut daherkommt und der Deich irgendwo bricht … wie hoch muss so eine Warft sein, damit sich Hauseigentümer in Sicherheit wiegen können? Und weicht so eine Warft nicht auch mit der Zeit auf, wenn länger Wasser gegen sie drückt? Ich werde mich da mal schlau machen. Das sind so daher geschriebene Gedanken und Überlegungen.

Auf der Insel gibt es auch sonst Wasserstellen, auf den Wiesen, dazwischen.

Auf der ganzen Insel sind Unmengen an Vögeln. Sie bevölkern die Wiesen und Felder und ziehen in Schwärmen über das Land und die Nordsee. Ein ewiges Geschnatter, Gezeter und Gezwitscher. Wir entdeckten Eiderenten, Silbermöwen, Austernfischer, Brandseeschwalben, Graugänse, Heringsmöwen, Pfeifenenten, Pfuhlschnepfen, Ringelgänse, Stockenten und noch mehr Vogelarten, die wir bei all der Recherche trotzdem nicht benennen können. Natürlich entdeckten wir auch ein paar Sperlinge und Drosselarten. Pellworm scheint ein Vogelparadies zu sein.

Trotzdem gibt es auch Stellen und Fleckchen, wo es ganz ruhig und ganz still ist. Gespenstisch still.

Wir wohnten in einer Pension in der Nähe des Leuchtturms. Auf der anderen Seite war eine Wiese mit Kühen und weiter dahinter der Deich voller Schafe. Der Blick aus unserem Zimmer, direkt unter dem Dach, war der auf die Kühe und die Schafe. Der Leuchtturm stand auf der anderen Seite. Wenn wir rausgingen, konnten wir uns in einen Strandkorb setzen und auf den Turm blicken.

Was mich auf der Insel auch beeindruckt hat, ist der Hafen von Pellworm. Ich meine nicht die Stelle, an der man mit der Fähre anlegt. Es gibt noch einen, der Jachthafen genannt wird. Ob man da unbedingt mit seiner Luxusjacht anlegen sollte, wage ich mal zu bezweifeln. Bei Ebbe geht auf jeden Fall gar nichts. Bei Ebbe liegen die Boote nämlich auf dem Trockenen. Als Seemann ist man also sehr stark von den Gezeiten abhängig. Das ist im Wattenmeer wohl sowieso dringend zu berücksichtigen. Auch die Fähre kann nur in einer ganz bestimmten Fahrrinne fahren. Würde sie davon abweichen, würde sie steckenbleiben und auf Grund laufen. Schön sind die Seehunde, die man von der Fähre aus gut entdecken und beobachten kann, wie sie auf Sandbänken in der Sonne aalen.

Wir saßen mal an einer Stelle, an der man auf der Insel doch mit viel Fantasie glauben könnte, es wäre ein Stückchen Sandstrand vorhanden. Aber eben auch nur bei Ebbe. Man kann da an der Stelle zwar nicht schwimmen gehen, weil das Wasser ewig flachbleibt, doch wenn man ziemlich weitrausgeht, könnte es durchaus schwimmbar werden. Dabei sollte man unbedingt die Tiden bedenken. Wir haben uns da für eine Weile hingesetzt und die Gezeiten beobachtet. Das Wasser kam näher. Es strömte richtig von einer Seite zur anderen. Man konnte genau erkennen, wie schnell das Wasser anstieg. Es raste, es wirbelte und kreiste und verschluckte die Flächen regelrecht. In Nullkommanichts was das, was wir als Strand bezeichneten, verschwunden.

Ob es dann doch noch Badestellen gibt, die Sand und gute Schwimmmöglichkeiten auf der Insel bieten, weiß ich nicht. Alles haben wir nicht entdeckt und gefunden. Wir waren halt nicht überall, obwohl die Insel ziemlich klein und überschaubar ist. Sobald wir wieder auf die Insel fahren, werde ich sicher über weitere Details berichten.

An einer anderen Stelle sind wir mal alleine ins Watt gegangen. Wir haben uns extra vorher über die Gezeiten schlaugemacht, damit wir nicht von herannahendem Wasser überrascht werden können.

Aus der Ferne konnte man die Stelle sehen, an der das Watt aufhört und die reine Nordsee beginnt. Das klingt seltsam, aber irgendwie ist es so. Sicher kann man dafür viel fachmännischere Begriffe benutzen, doch ich möchte hier gern meine Wahrnehmungen wiedergeben und das Fachmännische würde das verderben.

Wir nahmen uns vor, zu genau dieser Kante zu gehen. Wir mussten viele Priele durchqueren, entdeckten Muscheln, Krebse, auch Austern und kleine Fische. Ebenso verschieden Pflanzen, die im seichten Wasser schwammen.

Umso näher wir an die Kante kamen, umso deutlicher wurde das fließende Wasser der Nordsee und sogar einige Kämme von Wellenschlag waren zu erkennen. Einige Meter vor der Kante meinte mein Mann, er wolle nicht bis zur Kante gehen. Wer weiß, ob man da abrutschen kann und das Wasser machte doch einen sehr bewegten Eindruck auf uns.

Wie wir später erfahren durften, kann es auch tatsächlich gefährlich sein, bis zur Kante vorzutreten. Andere Leute hatten es trotzdem ausprobiert.

In der Pension fragten wir, ob es auf Pellworm irgendwo Nordseekrabben gäbe, die nicht zum Pulen nach Marokko geschickt würden, um dann erst nach ihrer Rückkehr auf unseren Tellern zu gelangen. Daraufhin erzählte uns die Köchin, ihr Freund sei Fischer und den würde sie bitten, frische Nordseekrabben für uns mitzubringen. Sie selbst würde diese dann für uns pulen. Das Ergebnis war köstlich!

Pellworm verfügt auch über einen „Campingplatz“. Anführungszeichen, weil man allgemein eine Vorstellung unter diesem Wort hat. Die bewahrheiten sich auf Pellworm nicht. Dort gibt es eine Wiese und ein kleines Gebäude, in dem es Toiletten, Duschen und einen Raum zum Abwaschen gibt. Wenn ich mich genau erinnere, auch eine Waschmaschine. Es mutet nichts an, das irgendwie ein Gefühl von Behaglichkeit oder Wohlfühlen oder Gemeinsamkeit oder Schutz oder sonst was vermitteln würde.

Es ist halt ein Platz, eine Wiese mit wenigen Stellmöglichkeiten. Fertig. Man muss es mögen.

Pellworm hat zwei Kirchen. Die „Alte Kirche“ St. Salvator ist ein romanisches Gotteshaus und wurde circa 1200 errichtet.  Davor stand dort auch schon ein Gotteshaus, welches hauptsächlich aus Holz gebaut wurde, was nicht so gut hielt. „Die Alte Kirche“ verfügt über eine Turmruine, die das Bild der Kirche in erster Linie prägt. Wo es eine „Alte Kirche“ gibt, muss es natürlich auch eine „Neue Kirche“ geben. Die ist halt neu und unterscheidet sich nicht sonderlich von all den anderen „neuen“ Kirchengebäuden.

Ansonsten bietet Pellworm noch eine Menge für Künstler. Es gibt Ateliers, Märkte, Ausstellungen und so einiges mehr. Oft entdeckt man Schilder, die irgendwo zwischen Pflanzen versteckt aufgehängt sind und auf Ateliers, Werkstätten und andere Künstlerstätten hinweisen.

Diese Mischung aus Weite, die Gezeiten von Ebbe und Flut, Vögel wohin man blickt, Deiche voller Schafe, in der Sonne träge verweilende und wiederkäuende Kühe, ein paar strohgedeckte Häuser zwischen anderen, hier und da ein Hofgestüt, ein paar wenige Geschäfte und Lokalitäten, fast autoleere schmale Straßen, die wenigen Strandkörbe auf den verlängerten Wiesen der Deiche, hübsche Nischen zum Verweilen, ein großer Ort der Entschleunigung, das alles und noch mehr, machen Pellworm, aus meiner Sicht, aus.

So, erst einmal genug über die Nordseeinsel Pellworm in Schleswig-Holstein, Nordfriesland. Wenn ich oder wir mal wieder nach Pellworm fahren, werde ich mit neuen Fotos im Gepäck und anderen Geschichten zurückkehren und mehr darüber erzählen. Bis dahin an dieser Stelle erst einmal…

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

3 Comments

    1. Das war das Größte! Wir waren allein, außer einem Fotografen, der Standesbeamtin und einer Frau, die für uns die Feierlichkeiten im Leuchtturm organisiert und durchgeführt hat. Das hatten wir extra gebucht. Da gab es mehr Reden und Ansprachen, da gab es Sekt und Salz und Brot, da gab es „Urkunden“ und andere Dinge zur Erinnerung. Es war einfach wunderschön. 🙂

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