Unser Balkon wird besetzt!

Unser Balkon misst ungefähr zweieinhalb Quadratmeter. Der Boden ist mit Holzparkett belegt, die Brüstung besteht aus einer kleinen weißen Mauer und einem Geländer. Am Geländer hängen auf der Außenseite zwei kupferne Balkonkästen.

Eigentlich ist es gar kein Balkon, sondern eine Loggia, denn an den Seiten sind Mauern, aber wir nennen es trotzdem Balkon. Wenn die Sonne zu stark auf den Balkon brennt, kurbeln wir eine Markise runter.

Der Blick in den Forst

Vor drei Jahren wollte ich unbedingt mehr Leben auf unserem Balkon. So stellte ich schon zur Sommerzeit in den Blumenkasten, zwischen die Blumen, ein Futterhaus für Vögel, das ein rotes Dach hatte und das man von oben öffnen konnte, um Futter nachzufüllen. Das Vogelhaus wurde ziemlich schnell von Vögeln besucht. Allerdings regnete es häufig und das Futter war ständig durchnässt und entsprechend matschig. Wir brauchten also eine andere Lösung.

„Damals“, das Futterhaus mit dem roten Dach – im Sommer

Da fiel meinem Mann ein, dass wir noch ein Futterhaus im Keller hätten. Eines aus Birkenästen und mit einem Strohdach. Er bohrte zwei Löcher in die Wand und hängte das Futterhaus auf. Nun dauerte es eine Weile, bis die Vögel sich auch dahin trauten. Irgendwann konnten wir das Futterhaus aus dem Blumenkasten entfernen. Nach einer Weile stellte ich fest: „Die Vögel brauchen Landebahnen und ein Gefühl von Schutz.“ Ich pflanzte am Ende des Blumenkastens, praktisch neben dem Futterhaus einen Schmetterlingsflieder – der übrigens den ganzen Winter über seine Blätter behalten hat. Und direkt zwischen dem Flieder und dem Häuschen hing am Geländer ein großer Blumentopf, in den ich Rank-Hilfen steckte und eine Clematis einpflanzte. Am Fuße einen Storchenschnabel. Dann sägten wir von einer umgekippten Buche zwei dicke, verzweigte Äste ab. Einen befestigten wir schräg zwischen Blumenkasten und Futterhaus, den anderen zwischen dem anderen Blumenkasten und dem Geländer. In der Wand befanden sich noch Bohrlöcher, in die steckte ich auch Zweige und einen dünneren Ast schraubte mein Mann unter dem Futterhaus an. Das waren jetzt jede Menge Landebahnen. Die Blumenkästen hielten wir das ganze Jahr über auch bepflanzt, so dass dort auch Schutz gegeben war, selbst im Winter. Unter dem Futterhaus steht auf einer Kiste ein Kübel, in dem eine Kiefer wächst. Seit einem Jahr gibt es auch eine kleine Wassertränke, die jetzt dort steht, wo vorher das Futterhaus mit dem roten Dach stand.

Nach den ersten Anflügen mit Material

So nebenbei gibt es auf dem Balkon auch noch zwei Stühle und einen Tisch für uns und auf einer Kommode steht ein kleiner Gas-Grill. Wir haben die Fläche also punktgenau ausgenutzt.

Die Futterstelle wird seitdem rege genutzt. Auch die Wassertränke. Unsere Hauptgäste sind Amseln und Kohlmeisen. Hin und wieder kommen auch Blaumeisen, ein Buntspecht, Gimpel, Drosseln, Rotkehlchen, Spatzen und andere Vogelarten bei uns vorbei.

Schon im Herbst fingen die Amseln an, am Strohdach des Vogelfutterhauses herumzuzupfen und wir amüsierten uns darüber. Dann rupften sie in der Erde in den Blumenkästen und hinterließen eine große Schweinerei auf dem Tisch, den Stühlen und auf dem Boden.

Vorgestern, als Herr Amsel immer wieder irgendwo auf unserem Balkon stand und laut schimpfte, wodurch er die heranfliegenden Meisen vertrieb, beobachteten wir während des Mittagessens, dass Frau Amsel sich merkwürdig verhielt, was uns grübeln ließ. Sie saß immer wieder auf dem Futterhaus, schien sich eine bequeme Stellung zu suchen, drehte und drückte ihr Hinterteil gegen die Mauer, drehte sich wieder ein wenig hin und her, stand auf, setzte sich in einer anderen Position wieder hin, plusterte sich auf, flog dann zwischen Sommerflieder, Clematis, Kiefer und Holzboden hin und her, saß kurz zwischen den Stiefmütterchen im Blumenkasten und kehrte dann zurück auf das Futterhaus, wo alles wieder von vorne begann. Mein Mann äußerte die Vermutung, dass sie wohl einen Platz für ein Nest suchte. Wir scherzten noch darüber und ich hoffte noch, sie täte es nicht, denn dann könnten wir gar nicht mehr auf dem Balkon sitzen und das würde mir doch fehlen. Es war schon ein schwieriges Unterfangen, nachmittags dort die Sonne zu genießen und Tee zu trinken, denn beinahe pünktlich gegen sechs Uhr, wenn aus der Ferne die Kirchenglocken läuten, kommen die Vögel angeflogen. Manchmal bemerken die Vögel uns zu spät. Dann hocken sie schon zwischen den Blumen im Blumenkasten, schauen uns kurz an, um im nächsten Augenblick auch schon wieder davonzufliegen. Ein anderes Mal drehen sie sogar eine schnelle Runde direkt über unserem Kopf und drehen dann erst ab. Am häufigsten bemerken sie uns allerdings schon, kurz bevor sie die Blumenkästen erreichen.

Nach knapp zwei Stunden Nestbau

Gestern ruft mir dann mein Mann zu, der Herr Amsel wirft wieder mit der Erde im Blumenkasten um sich! Als wir später nachsehen, liegen Stücke auf den Pflanzen, die mit Holz- und Wurzelresten gemischt sind.

Heute Morgen, während wir am Frühstückstisch sitzen, fängt Frau Amsel wieder an sich seltsam auf dem Futterhaus hin und her zu bewegen – und wegzufliegen. Dann bringt sie die ersten kleinen Zweige. Es folgen weitere. Sie bringt Moos. Drapiert alles hin und her, biegt es in Halbkreise, setzt sich in ihr Werk hinein, als will sie Sitzpositionen ausprobieren, lässt etwas fallen, holt neues Material – und baut ganz offensichtlich ihr Nest. Herr Amsel beteiligt sich nicht an diesem Werk. Er lässt sich nicht einmal blicken!

Wir sitzen hier und überlegen kurz, wie wir darüber denken wollen … Immerhin, die Nutzung des Balkons wird sicher nur noch eingeschränkt möglich sein. Wir sind uns schnell einig, dass wir das trotzdem zulassen wollen.

Zwischendurch kommen die Meisen, sie trauen sich nicht mehr an das Futterhaus. Frau Amsel thront auf dem Dach und plustert sich auf. Die Meisen fliegen wieder davon. Als Frau Amsel mal kurz weg ist, hole ich das Futterhaus mit dem roten Dach aus der Holzkiste unter der Kiefer und stelle es auf einen nur mit Erde gefüllten Pflanzenkübel auf der anderen Seite des kleinen Balkons. Dann fülle ich es mit Erdnüssen auf. Ich hoffe, die Meisen finden die Nüsse und sind mit der Alternative zufrieden – und Frau Amsel lässt sie auch gewähren.

Inzwischen sind nicht einmal zwei Stunden vergangen und wie es scheint hat Frau Amsel ihr Nest fast fertig. Immer wieder macht sie es sich in ihrem Nest bequem, drückt sich hinein und fliegt dann fort, um mit neuem Moos zurückzukehren.

Frau Amsel – durch die Fensterscheibe – ganz schnell, anders geht es nicht.

Ach ja, und zwischendurch stärkt sich Frau Amsel an der Tränke. Das kann ich leider auch nur durch die Fensterscheibe fotografieren und sieht eben auch nicht prickelnd aus. Ich werde halt sofort entdeckt und dann fliegt sie davon. Zum Auslösen bin ich dann nicht schnell genug.

Ich werde berichten, wie es weitergeht.

Herzliche Grüße, das Licht

©️ Kaya Licht

6 Comments

  1. Hallo Licht, bei einer Doppelkopffreundin konnten wir alle im WhatsAppChat nachverfolgen, wie es sich bei ihr mit dem Nestbau auf dem Balkon und den 4 jungen Vögeln entwickelt hat. Es ist ja erstaunlich, wie schnell die flügge werden. Am Anfang konnte sie die nackten Jungen immer mal kurz fotografieren, wenn die Eltern auf Futtersuche waren.
    Bei mir hatte oder hätten jegliche Vogelhäuser keinen Erfolg. Im achten und damit obersten Stockwerk eines Hauses sind hier die „großen Vögel“ die Beherrscher der Luft – Dohlen, Raben, Tauben und andere – die verjagen alles, was hier in den Balkonkästen wäre.
    Na dann schönes Beobachten wünscht
    Clara

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Clara, es ist einfach spannend und irgendwie auch schön. Wir wohnen im zweiten Stock, das geht also. Die Bäume drumherum sind höher. Wäre die Zeit länger, würden wir es vermutlich auch nicht zulassen, obwohl es traurig wäre. Doch für die Zeit verzichten wir einfach gern auf unseren Balkon und beobachten das Treiben sicher durch die Fensterscheibe vom Wohnzimmer aus.
      Meine Eltern hatten früher auch schon mal ein Schwalbennest an bei ihrem Sommerdomizil an der Ostsee.
      Ich finde diese unmittelbare Teilnahme an einem Wunder der Natur wunderschön.
      Vielen Dank auch für Deine – wieder einmal – so lieben Zeilen.
      Herzlichst, das Licht

      Gefällt 1 Person

      1. Die Freundin aus dem WhatsApp Konto bzw auch natürlich per Telefon hat mir erzählt, dass diese Vögel 4 Mal im Jahr brüten würden. Aber solange wollte sie dann auf ihren Balkon doch nicht verzichten. Sie hat also nur einmal das Brüten zugelassen. Mit lieben Grüßen

        Gefällt 1 Person

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