Unverhofft kommt oft

Voller Vorfreude verließ Carmen das Büro, nichts ahnend von der Ruhestörung, die sie erwartete.

Wie jeden Tag strebte Carmen dem Schotterweg entgegen, der sie direkt zur Bank im Park führte. Sie sah sich schon unter der großen alten Buche sitzen, wo sie entspannt ihre Mittagspause genießen würde.

Endlich war der Weg da. Schnell schluckten die Bäume jeglichen Straßenlärm. Eine weitere Kurve später erblickte Carmen die Bank und lächelte. Genussvoll ließ sie sich nieder, streckte das Kinn der Sonne entgegen, schloss die Augen und ließ die Alltagslast von sich abfallen, als würde ein alter zu groß gewordener Pulli von ihren Schultern rutschen und auf den Boden gleiten. Ruhe und Frieden hüllten sie ein; was exakt einen Moment anhielt.

Ein Knacken im Unterholz holte sie aus ihren Träumen zurück. Im nächsten Augenblick stand ein hechelnder und sabbernder Schäferhund vor ihr. An seinem Halsband befand sich eine Hundeleine, am anderen Ende davon – ein Mann. Carmen blinzelte die beiden an, noch die vage Hoffnung in sich tragend, die beiden seien eine vorübergehende Begleiterscheinung und würden sich mit dem nächsten Atemzug wieder in Luft auflösen.

„Junker!“, ermahnte der Mann den Hund und zerrte an der Leine. „Das ist ungesund, was Sie da machen“, fuhr der Mann fort, die Ruhe zu stören. „Die Sonne ist gefährlich! Wissen Sie das denn nicht?“ Carmen spürte ein leichtes Unbehagen in sich hochkriechen und die Hoffnung auf eine ruhige Mittagspause dahinschwinden. „Ja, ich weiß“, erwiderte sie kurz und knapp und versuchte, ihre ablehnende Haltung durch das Schließen ihrer Augen kundzutun. Ignoranz schlug ihr entgegen. Der Mann zerrte wieder an der Leine und drückte mit einer Hand auf Junkers Hinterteil: „Junker, Platz!“

Junker reagierte nur halbherzig und der Mann setzte sich neben Carmen auf die Bank. „Darf ich mich einen Augenblick setzen?“, stellte er die überflüssige Frage. „Ich bin mal mit einem Bananendampfer unterwegs gewesen. Da habe ich dem Koch hundert Mark gegeben.“ Carmen blickte den Mann neben sich ungläubig an. Was wollte er von ihr? Sie nickte kurz und zischelte leise etwas durch ihre Zähne, was dem Mann scheinbar als Interessen-Bekundung ausreichte. Er plapperte weiter: „Ich bekam dafür richtig gutes Essen.“ Dann wandte der Mann sein Gesicht direkt Carmen zu: „Wie groß bin ich?“ „Keine Ahnung“, antwortete Carmen leicht gereizt. „Einen Meter fünfundachtzig!“ brüstete sich der Mann und strahlte. „Und welche Augenfarbe habe ich?“ spielte er das Frage- und Antwortspiel weiter. Doch Carmen wollte nicht wieder mit Unwissenheit glänzen und platzte mit einem „Blau!“ heraus. „Falsch“, kam prompt die Antwort. „Braun“, stellte er richtig und schob seine Sonnenbrille runter auf die Nasenspitze, um seine kleinen wässrig braunen Augen als Beweis in Carmens Richtung zu halten. „Was mache ich beruflich?“ wollte er die für ihn scheinbar unterhaltsame Mittagsstunde fortsetzen. Carmen spürte nun ein leichtes bedrohliches Beben in ihrem Körper, doch sie übte sich in Unerschütterlichkeit: „Ich habe keinen blassen Schimmer“, gab sie mit zusammengepressten Lippen von sich. „Ich bin Schausteller“, bemerkte er stolz. „Ich habe eine Achterbahn“, fügte er noch schnell hinzu. Carmen blickte verstohlen auf ihre Armbanduhr. „Oh, Pause vorbei?“, wollte er sofort wissen. „Ich kann Sie zur Arbeit bringen. Da werden Ihre Kollegen aber gucken“, feixte er sich einen. Es reichte! Nach Luft schnappend stand Carmen auf. Sie presste noch die Worte: „Nein danke, das schaffe ich schon ganz gut alleine“, heraus, bevor sie sich blitzschnell davon machte.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht (2008)

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