Das nordfriesische Mädchen, das mehr wusste, als andere

Vermutlich wusste sie schon früher als Kind mehr als andere. Wissen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ahnungen, trifft es wahrscheinlich besser. Dabei war sie sich sicher, es zu wissen. Für sie war es einfach ganz klar. Es gab so gar keinen einzigen Zweifel. Sie konnte ja auch sehen, was andere nicht sahen.

Als Kind, da denkt man nicht darüber nach. Sieht man Wesen, die andere nicht sehen können, dann sind sie doch trotzdem da, oder? Bekommt man irgendwie Antworten oder Wissen in seinen Kopf, einfach so und hört Stimmen, dann erscheint einem das als Kind vollkommen normal. Wodurch soll man durchschauen, dass andere nicht alles sehen, erfahren und hören können, wie man selbst? Stehen Fragen im Raum, für die man, wie aus Geisterhand, Antworten erhält, als wären sie wie eine leichte Feder durch die Luft angeflogen gekommen, dann nimmt man auch das als Kind als selbstverständlich an. Erst, wenn die eigene Mutter vor Schreck erbleicht und erstarrt, wenn sie sich ängstlich umblickt und einem stockend zuflüstert: „Lass niemanden wissen, dass du so etwas siehst oder hörst!“ dann reagierst du als Kind schon mal ganz erstaunt und auch ein bisschen ängstlich. Was war passiert? wirst du dich fragen. Was habe ich falsch gemacht? Wie sollst du das auch unterscheiden können…? Die Wesen, die du siehst, erscheinen dir doch so real, wie die Mutter, die vor dir steht oder der Bruder, der dich in den Arm zwickt. Die Stimmen, die du hören kannst, klingen nicht anders, als die ermahnende Stimme des Vaters, der den Hund herbeiruft.

Du gehst mit einem plötzlich auftauchenden unsicheren Gefühl davon.

Vielleicht scheint draußen gerade die Sonne und du gehst hinüber zum alten, schon halb verrotteten Baumstamm, der unter dem Apfelbaum liegt und setzt dich drauf, egal, ob die Hose Flecken kriegt oder nicht. Dann siehst du womöglich wieder so ein Wesen, das zwischen den Büschen hockt, einen Ast voller Zweige und Blätter zur Seite schiebt und dich anblickt vielleicht sogar frech grinst. Womöglich nimmst du auch eine sanfte Stimme in dir wahr, die dir zuraunt: „Ich bin echt.“

Zunächst wirst du die Ermahnung der Mutter vielleicht wieder vergessen oder verdrängen oder dem Ganzen dann doch keine große Bedeutung beimessen. Aber es ist ein Stück ins Wanken geraten, ob du willst oder nicht. Die ängstliche Stimme der Mutter, ihr bleiches Gesicht, das wird seine Spuren hinterlassen.

Wenn wir Bücher, wie „Harry Potter“ lesen, lassen wir uns gern in eine Zauberwelt entführen und bewundern solche Fähigkeiten. Wir fiebern mit und lassen uns auch in diese Abenteuer hineinziehen.

Begegnen wir im wahren Leben Menschen, mit vielleicht ähnlichen Begabungen, passiert es nicht selten, dass Missgunst und Neid auftauchen oder wir solche Menschen als Spinner abtun. So etwas gibt es schließlich nicht wirklich, oder doch? Das kann es doch gar nicht geben! Da kann es auch schon mal vorkommen, dass der eine oder der andere dem Begabten etwas Böses will.

So wie es auch in den Büchern bei Harry Potter der Fall ist.

So wollte die Mutter von dem Kind hier in dieser Geschichte auch, dass das Kind seine Fähigkeiten nicht mit dieser Selbstverständlichkeit in die Welt hinausträgt.

Eines Tages kam das Kind freudestrahlend in die Küche gelaufen, wo die Mutter gerade mit ein paar Frauen aus dem Dorf zusammen um den Tisch saß und beim Kaffeetrinken über irgendwelche Probleme sprach. Das Kind hörte nur ein paar Brocken und wusste sofort etwas beizutragen. Etwas, was es hätte gar nicht wissen können. Etwas, was sogar Informationen beinhaltete, die niemand dem Kind hätte sagen können. Bisher noch unbekannte Informationen. Vielleicht auch Geheimnisse. Das Kind sprach, ohne Arglist und Zweifel. Es sprach vollkommen unbedarft und ehrlich, mit lauter guten Absichten.

Die Mutter aber schaute entsetzt. Die Augen weitaufgerissen. Das Gesicht blass. Zittrige Hände und mit einem Zittern in der Stimme sagte sie zum Kind: „Geh hinaus. Du siehst doch, dass wir hier etwas zu besprechen haben. Das ist nicht für deine Kinderohren geeignet!“ Während die anderen Frauen fragend ihre Augenbrauen hochzogen oder die Stirn in Falten legten. Die Münder gespitzt, der Rücken ganz grade.

Später, da nahm die Mutter das Kind zur Seite, strich ihm sanft über die Haare, drückte es liebevoll an sich und tröstete es. „Es tut mir leid“, sagte sie zum Kind. „Doch es ist gefährlich, wenn du den Menschen zeigst, dass du Sachen weißt und fühlen kannst, die dir niemand erzählt hat. Sie können damit nicht umgehen. Du weckst in ihnen damit Angst. Sie könnten in dir etwas Böses sehen.“

Die Mutter sagte noch mehr solche Sachen und das Kind spürte die Furcht seiner Mutter, als wäre es seine eigene Furcht. Das Kind verstand außerdem nicht so richtig, was die Mutter ihm erzählte, aber es behielt seine Ahnungen und sein Wissen jetzt doch mehr für sich. Nur manchmal, weil es halt ein unschuldiges Kind war, rutschte ein Hinweis, ein Satz, ein Fragment oder ein daher eilender Gedanke spontan aus ihm heraus – und löste wieder jede Menge Reaktionen bei den zufälligen Zuhörern aus.

Das Kind wuchs irgendwo in Nordfriesland auf einem großen Bauernhof auf. Das Kind, ein Mädchen mit brünetten Haaren. Flink und klug. Es gab dort Unmengen von Schafen. Es blökte überall. Schafe wurden geschoren, bekamen Lämmer und wurden geschlachtet. Es gab auch Hunde. Auch Kühe gab es. Dann gab es zwei Brüder und viel Platz. Rundherum waren Wiesen und Felder, soweit das Auge reichte. Natürlich einen Apfelbaum. Überall in der Landschaft Sielzüge und ein paar Bäume und Knicks und Büsche. Es gab auch Rehe und Hirsche, unendlich viele Vögel und manchmal eine Rotte Wildschweine. Es gab den Fuchs und die Hasen und Kaninchen. Den Fasan und seine Henne. Links vom Hof, wenn man vor dem Hof stand, auf der Straße meine ich, da war, am anderen Ende einer Wiese, ein anderer Hof. Da lebte der Onkel von dem Mädchen. Das kluge Mädchen sagte oft zur Mutter: „Wenn ich groß bin, dann wohne ich auf dem Hof vom Onkel.“ Die Mutter zog die Stirn in Falten und blickte ihre Tochter nachdenklich an.

Inzwischen ist das Kind – das Mädchen – erwachsen geworden. Seine Fähigkeiten hat es auch als Frau behalten, auch wenn die Frau jetzt nicht mehr in Küchen und andere Räume hineinplatzt und ungefragt Probleme klärt. Sie hat auch vor vielen Jahren den Hof des Onkels gekauft, von Grund auf saniert und wohnt und lebt jetzt genau dort. Und viele Jahre lang, konnte man, wenn man ein Problem hatte, auch zu ihr gehen und ihre Fähigkeiten in Anspruch nehmen. Sie legte einem dann die Karten oder stellte ganz konkrete Fragen, bei denen man sich oft wunderte, wie sie jetzt auf genau diese Fragen kam. Man hatte doch noch gar nichts oder nicht viel erzählt. Sie kam schnell auf den Punkt, erreichte im Nullkommanichts den Kern eines jeden Problems. Manchmal Kerne – ich denke gerade an Apfelkerne, wieso weiß ich auch nicht – die man gar nicht so wahrhaben wollte und noch weniger hören, schon gar nicht von ihr… Sie deckte auf. Unterstützte. War behilflich. Lehrte.

Damit hat sie inzwischen aufgehört. Sie fühlte sich dazu nie wirklich berufen, erzählte sie. Es wurde ihr nur zugetragen, weil alle gern ein Stück von ihren Fähigkeiten abhaben wollten. Heute tut sie etwas ganz anderes, aber das spielt für diese Geschichte keine Rolle. Sie ist noch da, das reicht und inzwischen sind ihre Haare Grau geworden. Allerdings färbt sie diese Blond. Schon viele Jahre.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

7 Comments

  1. Das Foto zu dieser Geschichte ist wunderschön – diese leuchtenden Farben, dieser Regenbogen. dieses Rapsfeld und der große Schatten.
    Über die Geschichte selbst will ich nichts sagen, da es mir fremd ist, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen können.
    Ich wünsche dir auch morgen so einen schönen Tag, wie er heute war.
    Lieben Gruß von Clara

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Clara. Regenbögen versuche ich immer wieder mit der Kamera „einzufangen“ – zumindest für einen kurzen Augenblick. Ja, das Foto gefällt mir selbst auch sehr gut.
      Herzlichst, das Licht

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    1. Sagen wir mal so, sie gehört zu einer sehr guten Freundin, wobei wir zusammenfanden, weil wir ähnlich gestrickt sind.
      Auch ich „sehe“ und „höre“ Dinge, „ahne“, wo andere nichts sehen und hören und ahnen… 🙂

      Gefällt 1 Person

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