Im Augenblick sein

Was kann mir passieren, wenn ich hier jetzt bin? Draußen krakeelt eine Amsel, die Isolierkanne vor mir zischt und lässt in einem unregelmäßigen Ton Luft entweichen. Ich selbst lebe gerade ziemlich ungesund, weil ich hier sitzend schreibe und nebenbei eine Scheibe Brot mit Schinken verspeise. Soll man nicht mit all‘ seinen Sinnen eine Sache tun? Ich nehme ja sogar noch nebenbei die Geräusche des Lebens wahr, wie sich jetzt die Amsel den Geräuschplatz mit einem Lastkraftwagen teilen muss, der gerade nebenan zugange ist.

Ich blicke mich um. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen Bilder auf einem Regal. Eingerahmte Fotografien, die an die Vergangenheit erinnern. Neben mir steht der Teller, auf dem sich eben noch die köstlich zubereiteten Brotscheiben befanden und jetzt nur noch ein paar Krümel und eine benutzte Serviette davon zeugen, dass da etwas Essbares drauf gelegen hat. Ich überlege, ob ich mir noch mehr zu essen machen, weil es so gut geschmeckt hat. Außerdem wollte ich auch raus gehen in den Wald und zum Einkaufen könnte ich ebenfalls mit dem Rad fahren.

Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft – bin ich dann noch hier bei mir an diesem Schreibtisch? Konzentriere ich mich dann noch auf das Schreiben? Nehme ich eigentlich meine Brille war, die auf meiner Nase liegt? Witzig, ich dachte gerade an jene Brille, als hätte sie mich gerufen.

Was bedeutet es nun genau, in der Gegenwart zu leben und vor allen Dingen zu sein? Klar, bewusst die Dinge tun, die man tut, ohne ständig die Gedanken umherirren zu lassen. Doch was ist, wenn die Gedanken das einfach so machen?

Oh, ich wollte jetzt keine Belehrungsschriften verfassen oder Ratgeber erstellen. Ich lasse doch einfach nur so meine Gedanken kreisen. (Nun kommuniziert diese Isolierkanne wieder mit mir … pscht, blubber, knister, … Ruhe!)

Ich kaufe mir ja manchmal Bücher, ohne zu wissen, wieso ich das tue. Ich folge dabei immer so einem inneren Impuls und nicht selten stehen diese Bücher dann jahrelang im Bücherregal ohne gelesen worden zu sein. Eines von dieser Sorte zog ich mir vor Kurzen hervor und bin auch fleißig am Lesen – es handelt über Meditation.

Vor einigen Jahren meditierte ich regelmäßig, beinahe täglich und ich fühlte mich großartig damit. Ich fühlte mich sehr klar und ruhig. Meine Gedanken ließen sich leicht lenken und unangenehme Gedanken und Gefühle ließ ich lediglich kurz aufflammen, um sie dann kurzerhand wieder loszulassen. Heute kreisen diese Gedanken schon länger da oben in meinem Kopf herum und sie bauschen sich teilweise mächtig auf. Doch wo geistern sie herum? Meistens irgendwo in der Vergangenheit oder in der Zukunft, doch selten hier bei mir.

Also bin ich dann jetzt hier? Bin ich überhaupt meine Gedanken?

Wann bin ich denn jetzt hier? Jetzt? Eben? Gleich? Immerzu? Es ist das, was aktuell ist, richtig? Ich bin aktuell. Jetzt. Nicht eben, auch nicht gleich, einfach nur jetzt, hier in diesem Augenblick, der doch schon wieder vorbei ist. Oder doch nicht? Wie denn jetzt?

Wie kann ich denn jetzt hier sein? Ich könnte beispielsweise meinen Gedanken sagen, sie dürfen sich ruhig mal ein wenig ausruhen oder schlafen. Sie brauchen nicht sofort Amok zu laufen, nur weil ich neue Pläne schmiede. Wenn meine Gedanken sich mit meinem Vorschlag nicht einverstanden erklären, könnte ich sie auch ein bisschen lenken. Das ist halt durch Meditation möglich, indem ich sie zur Ruhe bringe oder ich konzentriere mich auf irgendetwas (was irgendwie auch mit dem Meditieren zutun hat). Das ist wie das Schäfchenzählen und immer, wenn man abgelenkt wird, fängt man von vorne an.

Mit Gedanken lässt es sich gut in die Vergangenheit reisen. Auf die Reisen nimmt man seine Erinnerungen als Begleiter mit. Reist man mit seinen Gedanken in die Zukunft, begleiten einen die Vorstellungen. Aber kann man jetzt hier sein, wenn die Gedanken gerade in anderen Zeitepochen unterwegs sind? Wer oder was von mir ist denn dann hier? Der Körper? Klar, der sitzt ja hier am Schreibtisch. Meine Augen, die schweifen über den Bildschirm, während ich hier die Worte eintippe, doch meine Aufmerksamkeit hat sich gerade wieder verselbstständigt und hat den auf dem Asphalt rollenden Autos gelauscht.

Immer wieder lesen und hören wir davon, wir sollen im „Hier und Jetzt“ bleiben und sein und alle bestätigen dies und betonen, wie wichtig es sei. Aber mal ehrlich: Wer hält sich daran, immer, außer die Mönche, die danach ihr Leben ausgerichtet haben?

Wenn ich es schaffe, alle Gedanken zum Schweigen zu bringen, einen ruhigen Ort aufsuche, dann gelingt es mir sogar, das Blut in mir rauschen zu hören (es gibt so alte Gebäude, mit ganz dicken Wänden, fernab von irgendwelchen Straßen, da klappt das gut.)

Wer ist eigentlich bei einem, wenn man jetzt hier ist? In der Vergangenheit sind es die Erinnerungen, in der Zukunft die Vorstellungen und jetzt hier? Niemand, würde ich sagen. Da bin ich mit mir selbst und das kann wunderschön sein.

Was wäre, wenn wir wahrhaftig immer in der Gegenwart blieben? Damit meine ich nicht heute. Ich schreibe von dem aktuellen Augenblick. Davon, worüber in zahlreichen Büchern viel ausführlicher geschrieben wurde. Einfach aktuell. Jetzt. Immer nur jetzt. Wenn Gedanken nicht durch die „Zeiten“ schweifen würden und das Bewusstsein immer in der Gegenwart bliebe?

Wenn Gott für alle von uns sorgt, wenn wir uns ihm hingeben und aufhören würden uns über das Morgen Gedanken zu machen und auch das Grübeln über das Gestern wegließen, dann ginge es uns doch ‚nur noch‘ gut, weil es nichts mehr gäbe, über das wir uns Gedanken oder Sorgen machen müssten. Wir könnten endlich anfangen, nur noch die Dinge zutun, die wir sowieso schon immer gern tun wollten. Richtig?

Es ist wie ein Punkt. Einfach nur ein Punkt. Da gibt es keine (Zeit)-Linie. Und es gibt immer nur diesen einen Punkt, als wäre es eine Aneinander-Kettung von Punkten, wobei immer nur einer aktuell existieren würde, denn alle anderen würden hier in diesem Augenblick nicht gegenständlich sein können, weil jeder Augenblick aus einem einzelnen Punkt besteht und ein Augenblick schon wieder vorbei ist, sobald ich es ausgesprochen habe.

Ich bin also jetzt. Ich bin hier. Ich bin. Ich bin aktuell; immer und jeden Augenblick. Dort, wo ich stehe, da bin ich und auch nur das, was in dem Augenblick um mich herum ist, existiert in meinem ich bin und in meinem jetzt hier. Alles andere ist nicht aktuell und ist nicht jetzt hier.

Reise ich mit meinen Erinnerungen in die Vergangenheit oder breche ich mit meinen Vorstellungen in die Zukunft auf, ist es mir nicht gleichzeitig möglich jetzt hier zu sein, also kann ich dann ich bin sein? Bin ich jetzt hier, dann kann mir doch nichts passieren. Ich sitze hier warm und trocken. Mir geht es gut. Ich kann mich frei bewegen. Nahrung finde ich im Kühlschrank und zu trinken ist auch genug da. Ich kann liebe Menschen besuchen oder anrufen. Alles ist gut in meiner Welt, wenn ich mit allen meinen Sinnen und auch Gedanken jetzt hier bin.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht (2008)

4 Comments

  1. Jeder und jede von uns muss sein oder ihr Leben so gestalten und leben, wie beide es für richtig halten – für mich ist das vielleicht zu philosophisch. Ich will mein Leben auf jeden Fall so leben, dass ich andere nach Möglichkeit unterstütze oder ihnen helfe und ihnen im Streit oder anderen Auseinandersetzungen nicht zu stark auf die Füße trete. Natürlich gibt es noch ein paar andere Maxime.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir

    Gefällt 1 Person

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