Großartige Gedanken schweifen lassen

Wo schauen wir hin? Wem oder was schenken wir unsere Aufmerksamkeit? Worauf richten wir unseren Fokus? Womit sind unsere Gedanken beschäftigt? Leben wir? Genießen wir? Können wir trotz „Krisen“ dem Leben noch die guten Seiten abgewinnen? (Im Chinesischen bedeutet Krise übrigens auch Chance.)

Die Energie folgt unserer Aufmerksamkeit. Man sagt ja auch, was man sät, das erntet man. Auch Gedanken sind eine Art Saat. Und unsere Aufmerksamkeit lenken wir durch unsere Gedanken. So schließt sich der Kreis.

Worauf könnten wir unsere Aufmerksamkeit – trotz allem, was gerade über uns hereinbricht – lenken?

Auf die Blume am Wegesrand? Das explodierende Grün an den Bäumen? Die lärmende Vogelschar? Auf den Buntspecht, der mit seiner Schnabelspitze auf das Holz pickt? Auf das frischgemähte Gras, das so herrlich duftet? Die Erde, deren Geruch an unserer Nase vorbeiströmt?

Wir könnten uns auch in ein Buch verlieren. Eintauchen in eine andere, uns fremde Welt. Vergessen, was gerade sonst so ist. Wenn auch nur für einen Augenblick. Eine Zeitlang. Krafttanken. Wir könnten ein entspanntes Vollbad nehmen mit einem Meer von Kerzenlicht. Vielleicht mal wieder die Lieblingsmusik von früher hören und laut dazu mitsingen. Fratzen schneiden, während man sich dabei im Spiegel beobachtet. Wir könnten auch in alten Fotoalben blättern und uns gegenseitig Geschichten dazu erzählen. Wer niemanden zum Erzählen hat, der schwelgt für sich in Erinnerungen.

Wir könnten auch einfach so unsere Erinnerungen wachküssen, an großartige Momente in unserem Leben.

Ich war mal für ein verlängertes Wochenende in den Bergen. Im Sommer. Da gab es Wanderungen die Berge rauf und wieder runter. Wir durchquerten ganze Enzianfelder, gingen durch eine Herde Kühe hindurch, mit lauter Glocken. In der Ferne glänzten Schneefelder in der Sonne. Überall blühte es und der Duft glich einem großartigem Kräuter- und Gewürzbeet. Wir wateten durch Bäche voller klarem Wasser. Wir balancierten schmale, enge Wege entlang, hielten uns an einem am Felsen gespannten Seil fest und schauten auf der anderen Seite in die tiefe Schlucht. Zwischendurch zogen Wolken auf, es regnete leicht, nur um wieder von der Sonne vertrieben zu werden. Auf Felsspitzen balancierten Gämsen und ein Adler flog majestätisch über unseren Köpfen hinweg. Einmal lagen wir für eine Weile an dem Ufer eines smaragdgrünen Sees, auf dessen gegenüberliegenden Ufer, sich treppenstufig eine Wiese mit Kühen befand. Rechts und links vom See wuchsen hohe Tannen. Ich umarmte ein Gipfelkreuz und wir tranken einen Schnaps aus Gläsern, was jemand alles mitgeschleppt hatte. Wir machten auch Rast in verschiedenen Berghütten. An den Abenden, da saßen wir alle zusammen auf einer großen Terrasse voller Kerzenlichter. Davor ging ein flacher Hügel hoch und oben, auf der linken Seite war eine kleine Kapelle. An einem Abend, es war noch hell, besuchten wir alte Kirchen. Ich kenne die Orte nicht mehr. Einmal war es eine Kirche mit einem großen Kirchenschiff und alles voller Engel. Als wir eine andere Kirche betraten, erschien sie menschenleer. Wir betraten leise und still den Raum, durch Butzenscheiben funkelte die Sonne, als plötzlich eine Frau begann zu singen – laut und klar. Ich glaube, ich stellte die Atmung ein, zumindest für einen Augenblick.

Manchmal, wenn ich an dieses Wochenende, denke, erinnere ich mich, wie gut erholt ich danach war. Erholter, als nach zwei Wochen Strandurlaub.

Wir könnten auch einfach mit Worten spielen. Wir, die wir hier doch alle schreiben.  Etwas bestimmtes beschreiben. Einen tosenden Wasserfall oder einen plätschernden Bach. Den Wind, der durch das Blätterdach der Bäume weht oder fegt oder bläst oder pustet oder tobt. Den Regen, der sich gegen die Fensterscheiben ergießt. Oder auch nur tröpfelt oder schüttet.

Einmal, da regnete es in Strömen. Es war nicht einfach nur Regen, es war ein Wolkenbruch. Das Wasser stürzte wie aus Eimern herunter. Dazu grollte in der Ferne der Donner und Blitze schossen zwischen den schwarzen Wolken hindurch. Ich hatte keine Zeit zu warten. Ich war verabredet. Ich stand unter dem Vordach eines Bahnhofgebäudes, mit vielen anderen Menschen zusammen. Auf den Wegen war kein Mensch zu sehen. Autos schlichen über die Straßen, die Sicht war so schlecht, wir konnten die gegenüberliegende Seite der Straße nicht erkennen. Alles war voller Regentropfen.

Irgendwann rannte ich einfach los. Ich rannte und rannte. Ich lief durch die Pfützen hindurch. Wasser spritzte von allen Seiten und rann von überall an mich heran, durch meine Kleidung, an meinen Haaren herunter. Es dauerte keine halbe Minute und ich war vom Wasser durchtränkt. Ich lachte. Ich schrie gegen das Tosen des Regens an. Niemand konnte mich hören, denn der Regen war viel lauter.

Ein Auto hielt neben mir und die Fensterscheibe von der Beifahrertür wurde ein Stück heruntergekurbelt: „Sollen wir Sie mitnehmen?“, schrie mir eine Frau entgegen.

„Nein“, schrie ich zurück. „Ich bin viel zu nass. Ich gehe lieber weiter zu Fuß!“

Die Fensterscheibe wurde wieder hochgekurbelt und das Auto fuhr weiter. Ich rannte. Ich sprang. Ich tanzte.

Irgendwann kam ich am Ziel an. Ich bekam ein Handtuch und trockene Kleidung. Was wäre mir entgangen, wäre ich, wie all die anderen, unter dem Vordach des Bahnhofs stehengeblieben und hätte auf das Ende des Regengusses gewartet.

An einem anderen Wochenende besuchte ich Freunde in Lüneburg. Kennen alle hier Lüneburg? Das ist eine kleine Stadt in Niedersachsen. Bei Wikipedia heißt es sogar eine große Mittelstadt. Nun, so genau kenne ich mich mit den Begrifflichkeiten diesbezüglich nicht aus. Mir geht es auch gar nicht um das ganze Lüneburg. Mich interessiert hier nur die Altstadt von Lüneburg und die ist durchaus klein. Lüneburg liegt auch an der wunderschönen Lüneburger Heide. Die Heide, die ungefähr im August blüht und wer einmal dort gewesen ist, braucht nur die Augen zu schließen, sich das Blühen vorzustellen und dann, wenn er so ein Glück hat, wie ich, riecht er den Duft der Heide, obwohl doch jetzt gerade gar keine Heide da ist.

Wir gingen abends durch die Altstadt. Wir saßen in einer der vielen Kneipen in den schiefen, alten Häusern. Schief, weil das hohle Salzgut unter der Altstadt langsam in sich zusammenbricht und so die Häuser in eine Schieflage versetzt. Wer weiß, irgendwann bricht die Altstadt vielleicht in den hohlen Raum ein. Wir saßen also in einer der Kneipen an einem von Kerben gekennzeichneten Holztisch, als ein Zimmermann in seiner traditionellen schwarzen Zunftkleidung den Raum betrat. Er sprach ein paar lustige Verse, spielte auf einer Mundharmonika und reichte dann seinen Obermann, den typischen schwarzen Schlapphut herum. Das Volk war bunt und laut. Es wurde laut erzählt und gelacht.

Später, als es schon stockdunkel war, gingen wir wieder durch eine dieser mit Kopfstein gepflasterte Straße, in der die Häuser sich teilweise zur Seite, teilweise zur Straße gebeugt neigten, mit roten Backsteinen. Ein paar Straßenlaternen beleuchteten schwach ein wenig den Weg.

Es war kein anderer Mensch weit und breit und als wir für eine Weile alle schwiegen und wir nur unsere Schritte auf dem Kopfsteinpflaster hören konnten, sah ich plötzlich, vielleicht vier oder fünf Häuser von uns entfernt, ein paar Kinder auf der Straße spielen. Sie waren alle barfuß, trugen weiße Kleider oder etwas, was so auf mich wirkte und ihre Haare wehten im Wind Sie lachten und spielten miteinander. Sie liefen umher. Ich konnte sie ganz deutlich sehen und hören – die anderen aus meiner Gruppe nicht. Keiner von ihnen sah oder hörte etwas.

Manchmal, eigentlich ziemlich oft, wenn ich alte Gemäuer betrachte, in sie eintauche und mich von ihnen umfangen lasse, dann habe ich das Gefühl, ich würde in alte Zeiten gezogen werden. Dann kommt es mir so vor, als würde ich das Leben von „damals“ spüren können. Und manchmal, aber das wirklich nur manchmal, erscheinen mir dann auch Menschen aus einer anderen Epoche.

Draußen ist es ziemlich windig und auch kalt. Am Sonntag wanderten wir wieder drei Stunden durch das naheliegende Naturschutzgebiet und saßen abends auf unserem Balkon und blickten in den Forst. Es war ein warmer, beinahe schon sommerlicher Tag. Jetzt erscheint es wieder herbstlich. Es ist kalt draußen. Die Sonne blitzt durch die aufgerissene Wolkendecke, nur um im nächsten Augenblick wieder dahinter zu verschwinden und nur ein heller Wolkenschleier erinnert an die Sonne dahinter.

Ja, wir haben April. Da kann man Wetter erleben.

Vielleicht hat ja jemand Freude daran und verspürt Lust, auch eine Geschichte aus seinem Leben zu erzählen oder eine Idee kundzutun, womit man seine Gedanken großartig beschäftigen kann.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

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