Im freien Fall in die Freiheit

Ist es nicht so, dass es darauf ankommt, wie wir dieses oder jenes Wort benutzen?

Ich persönlich finde Worte, wie Leidenschaft nicht wirklich negativ. Es ist doch nicht fair, welche Bedeutung wir diesem armen Wort im Allgemeinen zusprechen; von wegen „Leiden schafft“.

Für mich hat dieses Wort sehr viel Kraft und Energie. Leidenschaft halt. Für mich ist es ist das, was ich mit Freude tue, wo ich mit allen Sinnen dabei bin, wo ich das Drumherum vergesse. Für andere bedeutet es etwas ganz anderes. Im Englischen bedeutet Leidenschaft Passion, was doch gleich ganz anders klingt und sofort andere Gefühle auslöst. Da klingen Begeisterung, Enthusiasmus und sogar Freude mit. Schon bekommt das Wort Leidenschaft einen ganz anderen Ton und ebenso eine andere Farbe.

Genauso verhält es sich wohl auch mit anderen Begriffen.

Irgendwann einmal waren es schlicht und ergreifend einfach nur Worte und dann geschah ein Wandel. Sie bekamen einen Mantel umgehängt, der ihnen scheinbar gar nicht passte und ihre Bedeutungen wandelten sich.

So geschieht genau das auch oft mit uns.

Wie schnell legen wir unserem Gegenüber so einen Mantel über. Wir bewerten, wir legen fest wer sie unser Meinung nach sind und räumen ihnen selten noch andere Möglichkeiten ein.

Als wir auf die Welt kamen, da waren wir einfach nur. Da gaben es keinen Ballast, keine Prägungen, keine Sätze wie: „Du bist …“

Hm, ich hoffe mal, mein Vergleich hinkt nicht zu sehr. Für mich sieht es nur gerade ein bisschen so aus, als wäre das ein „menschliches Verhalten“. Wir benötigen irgendwie immerdar und immerzu die Möglichkeit allem und jedem eine feste Bedeutung beizumessen, anstatt alles und jeden einfach sein zu lassen. Sicher, wir brauchen die Optionen, um Entscheidungen fällen zu können. Um mitreden zu können vermutlich auch.

Trotzdem, wie wäre es, wenn wir mal aufhören würden zu bewerten und festzulegen?


Ich habe da so ein inneres Bild von einem Berg, mit einem schmalen Weg, einem Geländer, dem freien Fall und so …

In meinem Kopf war mal dieser Film, ich als Kopffilmregisseurin!

Also. Da war ein Berg. Ein großer, felsiger Berg.

An diesem Berg schlängelte sich ein schmaler Weg entlang. Es war eher ein schmaler Pfad. Er war voller Steine, an manchen Stellen kaum eine Hand breit. Manchmal war der Weg durchtrennt und man musste einen großen Schritt machen, um nicht abzustürzen.

Auf alle Fälle musste man sich sehr stark auf diesen Weg konzentrieren, damit man nicht daneben trat und von diesem Weg abkam, indem man in die Tiefe stürzte. Auf diesem Weg ging man von links nach rechts.

In den Felsen war ein endlos langes Seil verankert. In den Felsen waren dicke Eisenteile befestigt, an dessen Enden dicke Eisenringe waren. Durch diese Eisenringe schlängelte sich dieses endlos lange Seil. Und an diesem Seil konnten sich die Menschen auf diesem schmalen Pfad immer festhalten. Dieses Seil gab ihnen die vermeintliche Sicherheit, die sie brauchten. Dieses Seil war das, was sie als Vorgaben für ihr Leben benötigten. Ohne dieses Seil würden sie doch abstürzen! Zumindest glaubten sie daran.

Dan waren in dieser Felsenwand so Löcher eingelassen, die von außen aussahen wie Schubladen. Und während man als Mensch, mit der linken Hand an dem Seil, sich vorsichtig, Schritt für Schritt auf dem schmalen Pfad vorwärts bewegte, konnte man diese Schubladen öffnen, wenn man sich verunsichert fühlte. Dann erhielt man diese Antworten, wie zum Beispiel: „Du musst für dein Alter vorsorgen. Sonst hast du später nichts.“, „Du musst einen vernünftigen Beruf erlernen.“, „Das sind die Fakten und Tatsachen!“, „Du musst arbeiten!“, „Das sind wichtige Aufgaben!“, „Zeit ist Geld!“, „Du bist nur wertvoll, wenn …“ …

Dann gab es diese Schlucht, diese Tiefe, diese weite, helle Schlucht, vor der sich die Menschen fürchteten. Sie war so unbekannt. Niemand machte sich die Mühe stehenzubleiben, mal innezuhalten, hineinzuschauen und nachzudenken. Einfach wirken lassen. Wie denn auch, niemand hatte doch die Zeit dafür. Die Inhalte der Schubladen gaben den Marsch, die Richtung und auch die Wichtigkeit der Schnelligkeit vor. Zeit war ein wertvolles Gut, welches man nicht so einfach verschenken durfte. Vertane Zeit war schließlich verlorene Zeit! Einzig wichtig war, sich auf den rechten Schritt zu konzentrieren, nicht daneben zu treten und sich ja an diesem vorgegebenen Seil festzuhalten, eigentlich festzuklammern!

Doch hin und wieder erlebten die Menschen etwas Seltsames. Vereinzelt kamen ihnen Menschen entgegen!!!  Diese Menschen hielten sich nicht am Seil fest und sie öffneten auch keine dieser Schubladen! Sie schienen sich nicht einmal auf den vorgegebenen Weg zu konzentrieren; ganz im Gegenteil – sie hüpften und sprangen und lachten! Sie tanzten, blieben stehen, drehten sich im Kreis, schwebten in der Luft – und sorgten für jede Menge Unruhe!

Eines Tages kam mir – zum Glück – auch eines Tages so ein Mensch entgegen und ich begriff schnell. Ich ließ auch dieses Seil los und setzte dann einfach einen Schritt neben den schmalen Pfad. Dann fiel und fiel und fiel und fiel und es fühlte sich ganz leicht an.

In diesem Augenblick spürte ich eine endlose Freiheit, ein Losgelöst sein, Entspannung, Leichtigkeit und sehr tiefen Frieden.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

6 Comments

  1. Da hast du ja gut die „via Ferrara“ beschrieben. Diese Eisenwege in den Dolomiten, die in Kriegszeiten angelegt wurden. Aber wenn du darauf ein paar Etappen machen willst, darfst du nur an deinen Weg denken. Das geht aber automatisch. Da ist wohl so ein „Überlebensschalter“ in uns und der lässt an gar nichts anderes denken. Die Drahtseile zum Festhalten werden regelmäßig von den Alpenvereinen überprüft und gelegentlich gibt es da auch stabile Metalleiter. Da muss man Vertrauen haben, genauso wie in den Bergführer. Der hat die Hand die dich hält. Der Abgrund ist Natur. Und da gibt es eben Anfang und im Falle eines Fehlers auch das Ende. Ob man dann frei ist??☺️

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  2. Vielleicht sind wir Deutschen dafür berühmt und auch berüchtigt, dass wir viel zu stark nach Regeln leben und nach Wohlstand jeder Art streben: Geld bis hin zum Vermögen, Auto, Grundstück, Haus und noch weiteres. – Wir sind weiterhin sehr oft dafür bekannt, andere Menschen in „Schubladen“ mit unserer Meinung zu stecken.
    Ich hoffe, mich weiterhin noch für die letzten Jahre recht gut durchs Leben zui lavieren, ohne anderen zu sehr auf die Füße zu treten und sie auch zu unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag und grüße
    Clara

    Gefällt 1 Person

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