Der Gips muss ab!

… oder Kindheitserinnerungen an Sommerferien auf Sylt.

Ich war noch ein Kind, so um die zehn Jahre alt, vielleicht schon elf.

Ich sollte damals eine Brille tragen, was ich jedoch nicht tat. Irgendwie vergaß ich sie immer oder fand sie nicht wieder. Außerdem mochte ich es nicht, dass meine Mutter mir ständig die Brille von der Nase nahm und sagte: „Kind, du musst deine Brille mal putzen, sie ist ja ganz verschmiert und du siehst ja gar nichts mehr.“

Ich sah alles! Wie konnte meine Mutter wissen, was ich sehe und was nicht? Mich störte das Verschmierte nicht.

Irgendwann störte es niemanden mehr, dass ich die Brille nicht mehr trug und so wichtig schien es auch nicht zu sein. Ich konnte ziemlich gut sehen.

Es waren Sommerferien und meine Tante hatte mich mit nach Sylt genommen. Mich und ihre jüngste Tochter, also meine Cousine. Sie ist, glaube ich, drei Jahre jünger als ich.

Es war eine Wohnung unterm Strohhaus in einem Haus mit vier Wohnungen. Das Haus war weißgestrichen und wenn wir oben am Fenster im Wohnzimmer standen, blickten wir über das Watt. Das Fenster des Kinderzimmers zeigte  zur Straßenseite und auf die Dünen, über die man auf einem langen Holzsteg zum Strand gelangte. Viele Häuser standen damals nicht dort. Ach ja, der Ort war Rantum und das Haus stand halt mit an der schmalsten Stelle der Insel, von der man schon vor vierzig Jahren sagte, dass die Insel genau dort einmal auseinanderbrechen würde.

Meine Cousine und ich hörten häufig Geschichten von Astrid Lindgren über einen Kassettenrekorder. Am liebsten Pippi Langstrumpf und die Kinder von Bullerbü. Seltsam, daran kann ich mich noch gut erinnern.

Es gab ein Kinderzimmer, in der Wohnung mit einem Etagenbett über Eck. Unter dem Hochbett standen der Kleiderschrank und das Fußende des unteren Betts. An der Wand vor dem Fenster stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Viel mehr Platz war in dem Raum nicht. Aber das brauchte es auch nicht. Wir verbrachten die meiste Zeit sowieso draußen.

Kassetten hörten wir meistens abends, wenn wir schon im Bett lagen oder früh am Morgen, wenn wir noch nicht laut herumlaufen sollten.

Ein paar Wochen vor dem Urlaub hatte ich mir beim Sturz von einem Pferd den rechten Arm im unteren Teil gebrochen. Ich trug einen Gips, der auf der inneren Seite des Armes offen war. Um den Gips hatte man einen Verband gewickelt. Die Haut juckte häufig unter dem Gips und ich schob Blei- und Buntstifte hinein, um das Jucken wegzukratzen.

Als der Arzt mir den Gips anbrachte, erklärte er mir: „Den musst du jetzt sechs Wochen lang tragen. Dann sind die Knochen wieder zusammengewachsen und wir können den Gips wieder entfernen.“

Das merkte ich mir.

Wir waren insgesamt drei Wochen lang auf Sylt und der Gips war ziemlich lästig. Zum Duschen musste ich jedes Mal meinen Arm in eine Tüte stecken, um die dann noch ein Gummiband gewickelt wurde. Der Gips durfte ja nicht nass werden.

Wenn wir am Strand waren und meine Cousine durch die Wellen tollte und vergnügt im Wasser herumplantschte, durfte ich nur bis zu der Badehose ins Wasser und: „Halte deinen Arm immer hoch, damit ich ihn sehen kann!“, rief ermahnte meine Tante mich jedes Mal, während sie sich auf einer Liege in der Sonne aalte.  Auch das Sammeln von Muscheln funktioniere irgendwie nur eingeschränkt. Immer lief ich Gefahr, dass der Gips schmutzig oder nass werden konnte und das wollte meine Tante unbedingt vermeiden. Ich musst meisten irgendwie versuchen mit einem Arm klarzukommen. Zum Glück mit dem Linken. Das passte gut, wo ich doch Linkshänderin bin.

Nach einer Woche Sylt waren die sechs Wochen, von denen der Arzt sprach, um. Ich hatte genau aufgepasst und jeden Tag akribisch mitgezählt.

Als meine Cousine am frühen Morgen das Zimmer verließ, an den Grund erinnere ich mich nicht mehr, wickelte ich in Windes Eile den Verband an meinem rechten Arm ab und befreite mich von dem Gips. Das ging ganz einfach, denn die eine Seite war ja schon offen. Ich brauchte meinen Arm nur langsam aus dem Gips rauszuschälen. Fertig. Ich war wieder frei!

Freudestrahlend lief ich zu meiner Tante, die gerade in der Küchenzeile hantierte und rief fröhlich: „Jetzt kann ich auch im Meer baden!“

Meiner Tante fiel nicht nur die Tasse aus der Hand. Ihren entsetzten Blick konnte ich überhaupt nicht begreifen. Die sechs Wochen waren schließlich um.

Sofort griff sie zum Telefon und rief meine Eltern an:

„Eure Tochter hat sich einfach den Gips abgemacht! Da hatte ich keinen Einfluss drauf!“

Was meine Eltern im Einzelnen dazu gesagt haben, weiß ich nicht. Es war sowieso alles zu spät. Der Arm sah zwar ziemlich dünn und verschrumpelt aus und die beiden Hälften, die wieder zusammenwachsen sollten, waren ganz leicht verschoben, aber es fühlte sich sonst doch alles gut an.

Irgendwie kam kein Donnerwetter, wir fuhren auch nicht wieder zurück, meine Tante schleppte mich auch zu keinem anderen Arzt und ich konnte zusammen mit meiner Cousine durch die Wellen tauchen, herumtoben und jede Menge Spaß haben, ohne Gips und ohne Tüte.

Planänderung zum Verkauf der Wohnung zum jetzigen Zeitpunkt

Wir passen unsere Absicht, die Wohnung zu verkaufen, den aktuellen Umständen an. Da zu viel Unsicherheit und Unwissen herrscht, warten wir damit, bis wieder mehr Klarheit herrscht.

Eigentümer einer Wohnung zu sein erscheint uns mehr, als Geld auf dem Konto liegen zu haben.

Den Bauantrag haben wir jetzt vor einem Monat abgeschickt. Zehn Tage später erhielten wir eine Eingangsbestätigung. Seitdem haben wir nichts weiter gehört. Es heißt also weiter abwarten.

Für alle noch einen zauberhaften Tag.

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

3 Comments

  1. Hallo, alle meine Knochen blieben bisher heil, aber dennoch hatte ich zweimal einen Gips, immer, weil ich Bänderverletzungen hatte. Einmal der komplette Unterschenkel mit Fußgelenk – und einmal das gesamte rechte Bein von oben bis unten – war beim Skifahren passiert – Bänderzerrung im Kniegelenk.
    Das war eklig, weil ich kaum (als Beifahrerin) ins Auto passte, wenn mich mein Mann zum Arzt fahren wollte. Zum Glück hatte der Wartburg 4 Türen und der Vordersitz konnte ganz nach vorn geschoben werden.
    Auf Sylt war ich auch nur einmal. Eine Bekannte suchte jemand, die ihr das Auto auf die Insel fährt und sie wollte mit den Kindern einige Tage später mit dem Zug hinfahren. Das habe ich natürlich mit Freuden gemacht, zumal ich noch ein paar Tage in ihrem Haus wohnen durfte, bis die Familie kam.
    Ich glaube, ich hätte es wie du gemacht – auch den Gips allein abgemacht. Doch warum der offen war, das habe ich nicht kapiert.
    Liebe Grüße von Clara

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    1. Ich versuche es noch mal zu erklären. Fiel mir beim Schreiben auch auf, dass man das so nicht verstehen könnte.

      Der Gips war nicht rundherum geschlossen. Es war einfach ein breiter Spalt offen. Wäre er einmal um den Arm herum geschlossen worden, hätte man ihn der Länge nach aufschneiden müssen. Das musst man nun nicht, weil er schon der Länge nach für einen breiten Spalt offen gelassen wurde. Der Gips konnte nicht so einfach abfallen, denn dafür war der Spalt zu schmal. Aber man konnte den Arm halt durchquetschen. Ich zumindest. Außerdem ließ der Gips sich an den Rändern auch leicht verbiegen.

      Deine Erfahrung mit dem Fußgelenk klingt nicht so prickelnd. Aber wir schaffen es ja immer wieder, unsere eigenen Lösung zu erarbeiten, wie mir scheint. Siehe den Wartburg bei Dir. Hätte ich gern gesehen… Dafür bin ich auch nur zwei- oder dreimal in meinem Leben Skigefahren.

      Und hätte mich eine Bekannte gefragt, ob ich ihr das Auto nach Sylt fahre und hätte ich dann ein paar Tage da bleiben können, das hätte ich auch gemacht…

      Liebe Grüße auch für Dich.

      Herzlichst,
      das Licht

      Liken

      1. Dass der Gips offen war, das hatte ich schon verstanden. Aber ich dachte immer, dass er für eine gewisse Festigkeit geschlossen sein muss. Aber vielleicht ist das bei Kindern anders, mein Sohn hatte in dem Alter ungefähr eine sogenannte Grünholzfraktur. Vielleicht hattest du auch so etwas Punkt ich bin wieder unterwegs und tschüss

        Gefällt 1 Person

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