Eine Hommage an meine Großmutter

Beim Stöbern in meinen alten Texten, fand ich diesen wieder. Ich schrieb ihn im Rahmen des Fernlehrgangs „Autor werden“. Er passt irgendwie zu dem anderen Blogbeitrag, in dem ich schon einmal über meine Großeltern schrieb.

Wie gesagt, er ist schon älter, stammt aus dem Jahr 2010 – ungefähr.

Hier beginnt die Hommage

***

Es passiert oft, dass meine Gedanken viele Jahre zurück in die Küche zu meiner Großmutter wandern, die sich dort mit ihrer Küchenschürze bekleidet zwischen Herd und Ablage hin und her bewegte und mit Töpfen, Schüsseln und Kochgeschirr hantierte.

Sie erzählte früher viele lustige Geschichten, wobei ihr Lachen an den Wänden widerhallte oder sie nur lächelte, was ich mir stundenlang ansehen konnte. Sie hatte eine Ausstrahlung, in der ich auch gerne badete und eingehüllt wurde.

Meine Großmutter hieß Gertrud, genannt Trudel und war meistens in Bewegung. Zwischen Abschmecken der Sauce mit einem der alten silbernen Löffel und dem Blättern in dem alten Kochbuch, aus dem sie die besten Gerichte zauberte, fand sie stets Zeit für mich.

Mich selbst sehe ich, während dieser Reisen in die Vergangenheit an dem Tisch im Anbau sitzen, ein offener Raum, der direkt an die Küche anschloss. Ich saß dort früher häufig, wenn ich meine Großmutter besuchte. Er hatte eine große Fensterfront und eine Glastür, die über drei bröckelige Betonstufen in den Garten führte. Von diesem Platz aus konnte ich die betagte Dame in der Küche sehr gut beobachten und gleichzeitig in den Garten blicken, sowie die verwitterte Betontreppe in den Keller hinunter, in dem die Waschmaschine vielfach rotierte und die Gerüche von Waschmittel und Kellerfeuchte bis zu mir in den Anbau drangen.

Die Tür in den Garten war meistens geöffnet und die Spatzen, die mein Großvater morgens beim Frühstück mit dem Weichen aus den Brötchen fütterte, hüpften auf der obersten Stufe auf und ab und piepsten. Einem von ihnen gab er den Namen Emil.

Meine Großmutter war eine sehr kleine Frau, mit einem rundlichen Körper und dünnen Gliedmaßen; ich meine es gar nicht böse, wenn sie mich ein wenig an einen Käfer erinnerte. Wenn es das wirklich geben würde, dass jemand ein Herz aus purem Gold hat, dann hatte es meine kleine Oma! Sie war zu jedermann freundlich und hatte ein Lachen, das einem bis ins Innere berührte. Wenn ich an ihr vorbeiging, versäumte sie es nur selten, mich kurz zu berühren, indem sie mit ihrer Hand über meinen Arm streichelte und mich dazu spitzbübisch liebevoll anlächelte. Sie war die Oma, die ich immerzu gern knuddelte. So eine Großmutter, wie sie bei Walt Disney in Weihnachtsgeschichten vorkommt, die die köstlichsten Weihnachtsplätzchen auf dem ganzen Planeten buk und die spannendsten Geschichten erzählen konnte. Sie sah auch aus, als wäre sie aus einem Märchen. Sie hatte weißgraue Haare und ein runzeliges herzliches Gesicht, mit einer Warze mitten auf der Wange. Sie hatte ein reizendes Lächeln und ich höre noch ihre sanfte Stimme, die nie ein böses Wort sprach. Ich kann es auch noch genau spüren, wenn ich diese kleine robuste Frau umarmte und an meinen nackten Armen ihre weiche, von einem feinen Schweißfilm überzogene Haut fühlen konnte. Sie schwitzte immer sehr schnell und wischte sich ihren Schweiß regelmäßig mit einem Tuch ab. Ich mochte sie trotzdem gerne riechen, diese Mischung aus ihrem Parfum, weicher Haut und Sonnenstrahlen. Dazu die vielen anderen Gerüche, wenn ich bei ihr im Anbau war: die, die aus dem Keller hochgekrochen kamen, der Duft von Bratensauce, Plätzchen oder gekochten Früchten für Marmelade und rote Grütze aus der Küche, der Mief vom alten Steingemäuer, der aus dem Gebäude strömte und aus dem Garten der Duft von frisch gemähtem Gras. Ein Garten mit einer großen Rasenfläche und knorrigen Äpfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen.

Ich liebte es samstags mein Fahrrad zu schnappen und zu meinen Großeltern zum Frühstücken zu fahren. Einmal saß ich mit meiner kleinen Oma auf den bunten Gartenstühlen am gelben Tisch direkt unter einem Schatten spendenden Birnbaum und wir sortierten, zählten und rollten Ein- und Zweipfennigstücke, die ich in einer Dose gesammelt hatte. Mir gefiel es auch, mich nur „einfach so“ im Anbau aufzuhalten und Nichts zu tun außer mit meinen Augen das Geschehen zu beobachten und mich umzublicken, während diese phantastische Frau in der Küche die Zutaten für das Essen schnippelte, wusch, kochte, briet, abschmeckte und rührte. Ich erinnere mich auch noch an jenen Nachmittag, an dem ich zusammen mit ihr an dem Tisch über einem Katalog gebeugt saß. Ich kann noch ihrer Stimme lauschen, sehe ihren kritischen Blick, wie sie sich zu den bekleideten Damen äußerte und meinte, so etwas nicht mehr tragen zu können, weil sie entweder zu alt oder zu klein dafür war … Es ist die letzte Szene; der letzte gemeinsame Augenblick, den ich noch so bewusst mit meiner Großmutter erlebt habe und der mir in Erinnerung geblieben ist. Jahre später entstand noch ein Foto, auf dem sie meine erste Tochter, die damals ein Jahr alt gewesen war, auf der Rasenfläche unter einem der alten knorrigen Apfelbäume in ihrer Küchenschürze anlächelt. Meine anderen Kinder hat sie nie kennenlernen dürfen; was zu einer anderen Geschichte gehört. Wie diese Frau, die Trudel genannt wurde, habe auch ich zuerst zwei Mädchen, dann einen Jungen und zum Schluss noch ein Mädchen geboren. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie gesagt haben soll, als ich das dritte Mal schwanger gewesen bin: „Jetzt bekommt sie einen Sohn und dann bekommt sie auch noch eine Tochter.“ Alle sollen entsetzt reagiert haben; doch meine kleine Oma hatte Recht behalten.

Heute gibt es das Haus nicht mehr und auch meine Großmutter ist schon viele Jahre tot. Wenn mir danach ist und ich mir wünsche ihr nah‘ zu sein, stelle ich mir vor, wie ich bei ihr am Tisch im Anbau sitze, mein Blick zwischen Küche, Kellertreppe und Garten hin und her schweift und sie zwischen Herd und Ablage mit Töpfen, Schüsseln und Rührlöffeln hantiert.

***

Herzlichst, das Licht

©️ Kaya Licht

8 Comments

  1. Da hättest du auch meine Mutter als Großmutter nehmen können. Erstens sieht sie der Frau ähnlich, die hier auf der Wiese kniet, zweitens hieß sie auch Gertrud und drittens wurde sie von Mutter, Schwester und anderer Verwandtschaft auch Trudel genannt.
    Aber mit dem Kochen warst du bei deiner Großmutter sicher besser dran! – Jetzt verlasse ich dich!

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    1. Man behauptet heute, sie hätte nicht kochen können. Meine Erinnerungen erzählen mir andere Geschichten. Aber backen, da sind sich im Nachhinein alle einig, da war sie einsame Spitze … Genieße den restlichen Tag, liebe Clara.

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      1. Meine Mutter hat die besten Pfefferkuchen der Welt gebacken – in zwei Etagen, gefüllt mit Pflaumenmus, bestrichen mit dicker Schokolade – und die hat sie dann schon zum Nikolaus von Görlitz nach Berlin geschickt, wenn sie zu Weihnachten zu uns kam, da musste sie nicht so schwer schleppen. Weihnachten hat sie natürlich Nachschub mitgebracht. – Meine Kinder schwärmen noch heute davon. 2013 ist sie mit fast 99 Jahren gestorben.
        Adieu!

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        1. Ich dachte, Du wolltest mich für heute verlassen … nun bist Du ja doch noch da.

          An gebackene Pfefferkuchen erinnere ich mich nicht, wenn ich an meine Großmutter denke. Meine Mutter hat nie selbstgebacken. Ich glaube, das konnte sie auch gar nicht.
          Pfefferkuchen in zwei Etagen, gefüllt mit Pflaumenmus, das kenne ich gar nicht, aber mit dick bestrichener Schokolade, das klingt ganz nach meinem Geschmack.
          Schade, dass Deine Mutter schon verstorben ist. Ich wäre sonst im Dezember mal in Berlin vorbeigekommen, um ein Stück davon zu naschen.
          Bis morgen, liebe Clara

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  2. Dein sehr anschaulicher Bericht erinnert mich ganz stark an meine Oma Anna selig, nur trug sie immer eine Schürze, die sie jeden Tag wechselte und sie hatte auf dem Kopf so ein „Schwalbennest“ mit einem Haarnetz zusammen gehalten. Kochen konnte sie auch gut, zumindest hatten sich meine Geschmackspapillen an ihre Gerichte angepasst. Lg. R.

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    1. Schön beschrieben, Deine Oma. Schon seltsam, aber irgendwie scheinen viele ihre Oma als gute Köchin in Erinnerung zu haben. Allerdings, meine andere Oma, die konnte das so gar nicht – aber die habe ich auch nicht so gut in Erinnerung.

      Herzlichst,
      das Licht

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  3. Hallo, meine Großeltern waren mir immer näher, als die Eltern. Das Essen meiner Oma habe ich nie vergessen. Sie kochte noch so, wie in Ostpreussen und sprach mit diesem Dialekt. Heute ist er ausgestorben. Mein Vater nannte ihr Essen ‚Schweinefraß‘. Die beiden mieden sich. Man ging sich aus dem Weg.
    Ich finde mich in Deiner Erzählung wieder. Wenn das Obst im Garten reif wurde, backte Oma jede Woche Kuchen. Ach, die Zeit vermisse ich…und den Garten. Heute gehört er anderen Leuten. Mein Vater hat alles verkauft. Leider!
    Aber schwärmen wir weiter. Es ist zwar vergangen, aber immer noch allgegenwärtig.

    Alles Liebe wünscht Gisela

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    1. Liebe Gisela,

      und durch das Schreiben erhalten wir diese Orte am Leben und auch die Erinnerungen daran. Das finde ich am Schreiben auch so schön. Dazu kommt dann noch, wenn man sich mit anderen Menschen – so wie jetzt mit Dir und mit mir – darüber austauschen kann. Ich finde das großartig!

      Und was Dein Vater fand ist doch „wurscht“, hauptsache Dir ist es in guter Erinnerung geblieben. Über meinen Großvater wird auch jede Menge geschimpft. Das interessiert mich überhaupt nicht! In meinen Erinnerungen bleibt er ein guter und liebevoller Großvater.

      Alles Liebe auch für Dich.

      Herzlichst,
      das Licht

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