Abschiednehmen und Loslassen

Zeilen für mich und meine Kinder.

Was soll ich schreiben? Drei meiner vier Kinder haben schon seit vielen Jahren den Kontakt zu mir abgebrochen. Hauptverursacher dafür war ursprünglich ihr Vater. Anfänglich war es sicherlich klar, doch heute hat sich wohl so eine Gewöhnung eingeschlichen und der eigentliche Grund ist irgendwo im Nirgendwo versunken. Wirkliche Gründe sind mir unbekannt.

Seit Jahren ist es mir ein Bedürfnis auch meiner Stimme Ausdruck zu verleihen. Meine Sicht der Dinge darzustellen.

So oft schon habe ich seitenweise geschrieben und dann doch wieder mittendrin aufgehört. Ich wollte nicht in einem Gefühl der Rage schreiben. Es sollten keine anklagenden Zeilen werden. Ich wollte nicht Wut, Enttäuschung oder andere negativen Gefühle widerspiegeln. Doch da ich während des Schreibens immer wieder in Gefühle hineinglitt, die mir nicht guttaten, hörte ich immer wieder mit dem Schreiben auf.

Ich habe mich oft gefragt, was ich schreiben könnte. Erinnerungen? Erinnerungen, an die sich meine Kinder nicht mehr erinnern können? Die Zeiten zum Leben erwecken, in denen ich noch bei ihnen wohnte? Die Zeiten, die wir danach miteinander verbracht haben? Die Zeiten, die gefühlt schon so unendlich lange her sind, dass selbst bei mir vieles im Vergessen versinkt? Oder all die Zeiten, die ich nicht miterlebt habe, weil ich nicht eingeladen wurde? Ja, weil ich mich auch selbst ausgeladen hatte, als ich sagte: „Ich werde nicht mehr zu euch kommen.“ Nicht mehr zu euch kommen, weil euer Vater mich als ungebetenen Gast in der Ecke abstellt und mir verbietet, an dem Geschehen – eure Geburtstage und dergleichen – aktiv teilzunehmen.

Ich sagte euch: „Wir feiern all diese Feste dann an jenem nachfolgenden Wochenende, das ihr bei mir verbringt.“

Was war eigentlich der Plan für mein bisheriges Leben? Es sah eigentlich nie wirklich rosig und schön aus. Irgendwie griff ich immer nach der Arschkarte. Ich wählte mir immer die verkehrten Männer aus und verlor ziemlich häufig Menschen, Tiere, Zuhause, Jobs. Das schien zu jener Zeit irgendwie passend für mich zu sein.

Als ich noch bei euch wohnte, da ließ ich mir mal ein Horoskop erstellen. Nicht so eins, was man in Zeitschriften oder heute im Internet lesen kann. Nein, ein Horoskop, das sich nur mit mir befasste. Leider habe ich dieses Horoskop nicht mehr und jene, die ich mir später erstellen ließ, waren nie wieder so gut und treffend, wie jenes, was ich nicht mehr habe.

Ein paar Punkte sind mir in Erinnerung geblieben.

  1. Sie verlieren im Laufe ihres Lebens immer wieder Menschen, Tiere, Ihr Zuhause und Arbeitsstellen.
  2. Ihre große Liebe bekommen Sie erst in späteren Lebensjahren.

Wie das mit Punkt 1. Weitergeht, kann ich nicht sagen. Erst vor kurzem habe ich wieder meine Arbeit verloren und nun beschlossen, mich selbstständig zu machen.

Punkt 2. ist tatsächlich eingetreten. Meine große Liebe habe ich an meiner Seite und nun habe ich endlich begriffen, was es wirklich bedeutet zu lieben und geliebt zu werden. Da gibt es keine Kritik und ständiges Herummäkeln. Da wird gelobt und es regnet Komplimente. Da gibt es auch kein Unterdruck setzen und kein Beschimpfen und Niedermachen. Da wird man auch nicht vor anderen schlechtgemacht. Und auch nicht bedroht. Schläge haben in der Liebe auch keinen Platz. Auch Gewalt ist ausgeschlossen. Man wird auch nicht kleingemacht oder kleingeredet. Ganz im Gegenteil, man wird großgemacht und wächst über sich hinaus, was der Liebste noch unterstützt. Man steht plötzlich auf der Sonnenseite des Lebens.

Wenn die Liebe bei einem ankommt, dann fühlt und weiß man das sofort. Man weiß auch sofort, welche anderen Beziehungen nicht Liebe gewesen sind. In der Liebe herrscht Vertrauen. In der Liebe will man nur Gutes für den anderen. Man ist füreinander da und wünscht sich den anderen immer bei sich. Man ist gern mit ihm zusammen. In der Liebe darf man sein wie man ist. Man wird nicht fremdgesteuert und es gibt nicht mehr dieses „Bedürfnis, es dem anderen immer nur rechtmachen zu wollen, in der Hoffnung, er würde einen dann „lieben“, anerkennen, so wollen und akzeptieren, wie man halt ist.

Als ich noch mit eurem Vater zusammen war, gab es all das, was ich jetzt in der Liebe erfahre, nicht. Und auch ihr habt es von ihm nie wirklich erfahren. Das ist so. Daran kann man nichts ändern und weder schönreden noch schlechtsprechen.

Eigentlich ist euer Vater ein armer Wicht. Das meine ich ganz ehrlich. Er hatte eine ziemlich miese Kindheit – ähnlich wie eure.

Seine Eltern ließen sich scheiden, seine Mutter gab ihn beim Vater ab und er hatte ziemlich viele Jahre keinen Kontakt zu seiner Mutter, weil sein Vater das unterbunden hatte. Auch der Vater erfand Geschichten über die Mutter. Auch der Vater sprach nur schlecht über sie, was sich in den Köpfen der Kinder festfraß.

Natürlich weiß ich nicht genau, was dort alles so vorfiel. Ich weiß es vom Hörensagen. Es gab nichts zu essen. Es gab viele Schläge, Unterdrückungen, Bedrohungen.  Er wurde viel mit seiner Schwester alleingelassen. Es gab nicht wirklich Liebe und Geborgenheit. Ähnlich wie das, was ihr bei eurem Vater erlebt habt.

Wenn ich an euren Vater denke, sehe ich einen ängstlichen, unsicheren Menschen, mit wenig Selbstwertgefühl. Was bedeutet das Wort Selbst-Wert-Gefühl? Eigentlich nur ein Gefühl für seinen eigenen Selbstwert.

Jeder Mensch ist wertvoll und einzigartig! Jeder Mensch ist es wert geliebt und wertgeschätzt zu werden. JEDER!

Auch jetzt ist es meine Wahrnehmung und meine Meinung, die ich hier kundtue. In meinen Augen hat euer Vater riesengroße Verlustangst. Und selbst wenn er dieses aus seiner Kindheit mitgebracht hat, entschuldigt das nicht sein Verhalten als Erwachsener. Als Erwachsener trägt man ganz alleine die Verantwortung für sein Handeln, Denken, Sprechen und kann nicht meinen, es auf seine Eltern abwälzen zu können, weil die damals „versagt“ haben. So funktioniert das nicht.

Als Erwachsener steht man in der Verantwortung „sich selbst in Ordnung zu bringen“. Es gibt verdammt viele Möglichkeiten das zu tun. Und wenn man sich erst mal auf den Weg gemacht hat, „heil werden zu wollen“, dann findet man jene Wege, die für einen gut sind. Gehen muss jeder allerdings selbst.

Ich glaube ja, dass man eigentlich weiß, ob es wirklich eine Liebesbeziehung ist, die man führt, oder nicht doch eher dieses „Wenn-du-mich-erst-richtig-siehst-dann-wird-es-auch-richtige-Liebe-sein“. Ich weiß nicht, ob jemand das zweitgenannte schon mal erlebt hat, ich nicht. Die Liebe stellte sich trotzdem nie ein, egal wie sehr man sich dafür auch verbogen und abgerackert hat.

Wenn jemand ständig an Dir herummäkelt und Du ständig damit beschäftigt bist, es ihm recht zu machen, in der Hoffnung „er-würde- dann-schon-noch-erkennen-dass-du-ein-liebenswerter-Mensch-bist“ und dann könntest auch Du ihn wahrhaftig lieben, dann lass Dir sagen: Eine Trennung ist bei Weitem gesünder für Dich, als ein Bleiben und an der Beziehung festzuhalten.

Blicke mal auf Deine Kindheit: Bist Du ein Mann, schaue auf die Beziehung zu Deiner Mutter und auf Deine heutigen Beziehungen zu Frauen. Kannst Du Parallelen und Ähnlichkeiten erkennen? Das wird solange passieren, bis Du diese Themen erkannt, angenommen und losgelassen hast. Bei Frauen dreht es sich um Beziehungen zu den Vätern.

Ich bin bei eurem Vater mehrfach gegangen, doch jedes Mal zurückgekehrt, bis auf das letzte Mal. Warum bin ich zurückgegangen? Weil ich nicht wusste, wohin. Ich zog Hals über Kopf aus und euer Vater schrieb mir jedes Mal einen Brief mit tausend Versprechungen. Doch es wurde jedes Mal nur noch schlimmer. Ich war sogar für ein paar Nächte mit euch in einem Frauenhaus. Das ist übrigens kein schöner Ort. Bei meinem letzten Auszug plante ich es strukturiert durch, bevor ich ging und euch mitnahm.

Ich glaube, ich muss euch nicht erzählen, wie ich euren Vater wahrnehme und wie er ist. Ja, wie er ist. Ihr wisst es. Ihr wisst es sogar sehr genau. Aber er ist halt euer Vater und er stellt das für euch dar, was man Zuhause nennt.

Wisst ihr eigentlich was das „Stockholm-Syndrom“ ist? Eigentlich bezieht sich das auf Personen, die als Geiseln genommen wurden und sich schlussendlich mit ihrem Entführer verbünden und gegen jene, die ihnen eigentlich helfen wollen.

Das lässt sich allerdings auch auf andere Bereiche im Leben übertragen, wenn beispielsweise Kinder immer wieder zu ihrem Peiniger zurückkehren oder diese auch verteidigen, bewundern und meinen, ihnen weiterhin dienen zu müssen. (Erklärung zu Stockholm-Syndrom siehe unten – Zitat 1)

Als FE sechs Jahre alt war, wohnte ich in Ottensen und FE spielte häufig mit den beiden Nachbarjungen. Deren Mutter erzählte mir einmal, FE hätte zu den Jungen gesagt: „Das Gute habe ich alles von meiner Mutter geerbt.“ Heißt es nicht: „Kindermund tut Wahrheit kund!“?

Und FR erzählte mir, ein Jahr, nachdem ihr wieder bei eurem Vater lebtet: „Mama, hättest du mich bloß mit Gewalt bei dir behalten!!!“

Eine Schamanin, mit der ich ungefähr sechs Jahre nach meinem Auszug in Kontakt trat, weil ich den Schmerz über das mir genommene Muttersein nicht mehr länger ertragen konnte, sagte über euren Vater: „Er ist ein Narzisst. Er hat alles in eine Truhe gestopft und diese fest verschlossen. Seinen Schmerz will er nicht fühlen. Aber mit dem Nicht-fühlen-wollen, fühlt er auch nichts anderes mehr so wirklich. Er thront auf deiner Truhe und „liebt“ nur sich.“ (Zitat 2 zu Narzissmus seht unten)

Und eine Nachbarin sagte mir, als ich meinen Auszug strukturiert plante: „Wenn du die Kinder bei ihrem Vater lässt, werden es alles kleine Monster…“ (Diese Quelle werde ich für mich behalten.)

Dann gab es noch einen Eheberater, zu dem ich am Ende der Beziehung ging. Euer Vater war nie der Meinung, er bräuchte so jemanden. „Ich habe keine Probleme, die hast du, also musst du auch alleine hingehen“, waren seine Worte.

Als es soweit war, dass ich dort meine Stunden hatte, wollte er dann doch eine Stunde für sich. Und er sagte dem Berater: „Sagen Sie mal meiner Frau, dass…“ Der Berater sagte eurem Vater: „Sie sind wie ein großer Baum, der seine Arme immer weiter ausstreckt und den Pflanzen darunter das Licht und die Luft nimmt. Unter Ihnen kann keiner Leben.“ Er meinte aber auch, er glaube nicht, dass euer Vater das wirklich verstanden hätte.

Als ich diesen letzten Auszug plante, dachte ich sehr intensiv darüber nach, ob ich euch mitnehme oder nicht. Ich tat das nicht, meinetwegen, ich tat es euretwegen. Ich ging nämlich davon aus, wenn ich erst mal nicht mehr da bin, dann wird sich das Verhalten eures Vaters euch gegenüber entspannen. Er war so voller Eifersucht und mangelndes Selbstbewusstsein.

Immer, wenn ich etwas mit euch unternehmen wollte, sagte er mir: „Wenn du das tust, dann lieben die Kinder dich mehr, als mich. Und 50% der Kinder gehören mir und meine 50% wollen das nicht.“ Und wenn ich mich mit anderen Müttern traf, um zusammen mit euch etwas zu spielen, zu basteln oder zu unternehmen, sagte er zu mir: „Du hast nur 100% Liebe zu verschenken. Und wenn du davon etwas an die anderen Frauen abgibst, dann hast du zu wenig für mich und die Kinder.“ Er weiß nicht, dass man die Liebe, die man verschenkt, doppelt und dreifach zurückbekommt und dass man dann immer mehr Liebe zu geben hat. Liebe wird immer mehr, umso mehr man davon teilt!

Nun ja ich dachte ernsthaft darüber nach, euch zurückzulassen. Ich wollte euch in der gewohnten Umgebung lassen. In euren Schulen und Kindergärten. Bei euren Freunden – und ich dachte, euer Vater entspannt sich, wenn ich, sein größter Konkurrent, nicht mehr vor Ort bin.

Hätte ich gewusst, dass es alles nur noch schlimmer werden würde, ja dann. Aber ich habe es nicht gewusst, nicht einmal geahnt. Alles was ich wollte war, dass ihr es guthabt und dass es euch gutgeht.

Nur mal so am Rande erwähnt. Wir hatten das gemeinsame Sorgerecht und jeder von uns hatte die Erlaubnis, genauso viel zu bestimmen, wie der andere. Wir sollten uns bei Entscheidungen, die Euch betrafen, abstimmten und gemeinsam entscheiden! Das ist nie geschehen!

Eure Angst vor eurem Vater war so groß, dass ihr immer darauf bedacht gewesen seid, genau das zu tun, was er vorgeschrieben hatte, auch für die Wochenenden, die ihr bei mir verbracht habt.

Ihr kamt immer mit langen, schmutzigen Fingernägeln, in alten teilweise auch schmutzigen Klamotten mit einer Tasche voller Verhaltensregeln. Die Fingernägel schrubbten wir sauber und kürzten sie. Wir wuschen eure Klamotten und ich gewöhnte es mir an, Ersatzkleidung zu kaufen und parat zu haben.

Ihr durftet eure guten und neuen Klamotten nicht mit zu mir nehmen. Das habt ihr mir erzählt. Euer Vater wachte über das Tasche packen. Er kümmerte sich allerdings nicht darum, ob auch genug Wechselwäsche, Socken und dergleichen mit dabei waren.

Er kümmerte sich auch nicht um Läuse in den Haaren, nicht um blaue Flecken und Platzwunden und auch nicht um gebrochene Schlüsselbeine. Genauso wenig um Hausaufgaben. Ganz im Gegenteil. Er war der Meinung, ihr braucht keine gute Schulausbildung. Man kann auch so etwas werden. Zu FR sagte er, nachdem sie noch ihr Abitur machen wollte: „Du musst jetzt selber Geld verdienen. Von mir bekommst du nichts mehr.“ Da war sie sechszehn Jahre alt.

Die einzige von euch, die sich telefonisch Unterstützung bei mir holte, wenn sie „zu Hause“ war, war JA. Sie schrieb mir auch Briefe, bis zu dem Zeitpunkt, an dem euer Vater dahinterkam und es ihr verbot. Das Telefonieren sei zu teuer und die Briefmarken kosten Geld, sagte er. Ich stattete JA mit Briefmarken und einer Telefonkarte aus. Damals konnte man damit noch in Telefonzellen telefonieren und bei euch im Dorf stand so eine Telefonzelle.

Ich könnte noch seitenweise weiterschreiben, aber eigentlich wisst ihr das alles. Sechs Jahre, nachdem ich ausgezogen war, zog FR bei mir ein. Es war übrigens ihr dritter Anlauf, genauso wie bei mir. Mit meinem dritten Anlauf war ich endgültig bei eurem Vater ausgezogen. FR hatte es zuvor nicht endgültig gewagt, weil euer Vater ihr immer wieder eindringlich deutlich machte, dass sie dann endgültig alle ihre Freunde verlieren würde und dass sie bei mir „arm“ sein würde.

FR hatte ihre Schule beendet. Sie war sechzehn Jahre jung. Und ihr Vater hatte ihr allerdings immer wieder gesagt: „Wenn du mit der Schule fertig bist und dann immer noch zu deiner Mutter ziehen willst, dann ist das in Ordnung.“ Doch er hatte wohl nicht wirklich damit gerechnet, dass sie es tatsächlich tun würde. Er reagierte ziemlich heftig! Er hasste mich dafür, dass FR wirklich zu mir gezogen ist. Und er beschimpfte sie am Telefon aufs Übelste. Das war so schlimm, dass diese weinend vor mir saß und mich fragte: „Mama, wofür lebe ich eigentlich noch?“

Er fing an, mich durch einen Anwalt zu bedrohen. Ich schrieb ihm einen Brief und drohte zurück.

Schon jahrelang wünschte ich mir, dass irgendeiner eurer Nachbarn mal Anzeige erstatten würde. Ich ahnte so viel, doch hatte ich keine handfesten Beweise. Ihr habt kaum etwas erzählt und ich konnte es nur an eurem Verhalten und Aussehen ablesen. FE hatte kaputte Füße – hätte schon längst Einlagen tragen müssen, JA kam mit einem unbehandelten Schlüsselbeinbruch und monatelang immer wieder mit unbehandelten Läusen zu mir. Ich nahm mir die Läuse alle zwei Wochen vor, was natürlich nicht ausreichte. FE hatte blaue Flecken oder kleine Platzwunden und er zuckte schrecklich zusammen, wenn ich nur mal ein bisschen die Stimme anhob. Ständig seid ihr darauf bedacht gewesen, die Anweisungen eures Vaters einzuhalten und immer mal wieder habt ihr vor Kummer geweint.

Dann wusste ich, dass ihr von Anfang an – FR war zehn, MA sieben, FE fünf und JA drei Jahre jung, den Haushalt schmeißen musstet. Wäsche waschen, jeder, ja JEDER, seine Wäsche selbst bügeln musste – und die eures Vaters gleich mit. Natürlich musstet ihr auch kochen, putzen, schrubben, wischen, fegen, staubwischen, mit den Hunden rausgehen, abwaschen und was sonst noch so anstand, erledigen.  Dabei versprach er am Anfang, im Beisein unserer Anwälte, dass er eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen einstellen würde. ER HATTE ES VERSPROCHEN! Euer Vater ließ euch nachts alleine, weil er bei seinen jeweilig aktuellen Freundinnen übernachtete, er sprach schlecht über euch, während er telefonierte und ihr daneben saßt. Er beschimpfte und bedrohte euch. Er setzte euch unter Druck, schlug euch, schrie euch immer wieder an.

Als FE mal mit dem Fuß in einen Nagel trat, der an einem Brett ragte und euer Vater mal wieder nicht Zuhause war, lief FR zur Nachbarin. Später wurde sie dafür fürchterlich von ihm ausgeschimpft.

Eurem Vater lag sehr viel daran, nach außen hin den Schein zu wahren. Alle sollten denken, was für ein toller alleinerziehender Vater er doch war. Sein Lieblingsspruch: „Schauen Sie doch nur mal, wie die aus der Wäsche gucken.“

Eigentlich wollte ich nichts Negatives schreiben, wollte versuchen neutral zu bleiben, doch irgendwie ist das ziemlich schwierig, denn ich will schließlich meine Sicht der Dinge erzählen und dazu gehören auch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, die Erkenntnisse, die ich in den Jahren sammelte – wenn auch häufig nur spekulativ, bis MA mir ca. 2014 klarmachte, wie richtig ich mit meinen Vermutungen lag. „Mama“, sagte sie. „Es war noch viel schlimmer, als du es dem Jugendamt geschrieben hattest. Viel schlimmer!“ Deshalb kann ich hier meine jahrelangen Vermutungen so aufschreiben, als seien sie Wirklichkeit (was sie ja auch sind).

Irgendwie war ich immer darauf aus, euch das Leben so angenehm wie möglich zu machen, sofern es in meiner Macht lag. So konntet ihr euch an den Wochenenden bei mir fallen und gehen lassen. Einfach den Druck ablassen. Das war auch für mich nicht immer einfach, denn wenn ihr kamt, war es jedes Mal, als würde ein Donnerwetter über meine Wohnung herfallen, ein Orkan hindurch toben. Normalität gab es nicht. Es war laut, durcheinander und ihr habt euch untereinander schnell angeschrien und beschimpft. Das sei normal für euch, habt ihr mir erzählt. Die Wortwahl hat mich erschüttert!

Zu guter Letzt, als euer Vater auf meine „Drohungen“ nicht reagiert hat und es sich auch nichts veränderte, schrieb ich einen langen Brief, mit all meinen Beobachtungen und Vermutungen an das Jugendamt. Das muss so in etwa 2004 gewesen sein. Das Jugendamt muss auf solche Schreiben reagieren, was es auch tat.

Schlussendlich hat euer Vater euch eingebläut, ihr kämt ins Heim, wenn ihr die Wahrheit sagen würdet. Er hat euch zum Lügen gezwungen, um weiterhin den Schein des guten Vaters zu wahren.

Ich schreibe nur „Stockholm-Syndrom“…

Ich hatte ihm schon einmal einen langen Brief geschrieben. Vielleicht zwei Jahre nach meinem Auszug. Ich schrieb von gemeinsamen Elternsein. Von Versöhnung und im Sinne der Kinder zu handeln. Ich schrieb von Unterstützung und das Leben für euch so angenehm wie möglich zu machen. Ich schrieb ziemlich viel – und auch darauf hat euer Vater nie reagiert.

Als ich damals ausgezogen war, war ich ein Sozialfall. Eigentlich nicht. Denn im Grunde genommen, hätte ich 500.000 D-Mark – erwirtschaftet während unserer gemeinsamen Zeit – erhalten müssen. Der Ehevertrag war nämlich rechtswidrig und hätte ich nur einen von euch bei mir behalten, hätte ich meinen Anteil erhalten.

Darauf habe ich verzichtet. Nicht seinetwegen – euretwegen. Ich wollte immer nur, dass ihr so wenig wie möglich leiden müsst. Ich dachte, dann muss er nachher noch das Haus verkaufen und das wollte ich nicht, es war doch euer Zuhause.

Ihm war das immer alles egal. Er zeigte mich beim Sozialamt an. Es war ein auf grünem Papier handschriftlich geschriebener Brief, in dem euer Vater behauptete, ich hätte ganz viel Geld und würde das Sozialamt betrügen. Hätte das Sozialamt eurem Vater geglaubt, wäre ich auf der Straße gelandet.

Während der Ehe war auch ein Standardspruch eures Vaters (aufgrund des Ehevertrages) „Wie gut, dass wir uns nicht streiten müssen, wenn wir uns mal trennen…“ Und er sagte auch, jedes Mal, wenn ich mit einem von euch bei der Geburt im Krankenhaus lag, auf das Neugeborene zeigend. „Wenn wir uns trennen, kannst du DAS behalten, die anderen bleiben bei mir…“ Und er sagte auch: „Wer die Kinder behält, der muss auch für sie bezahlen…“

Das galt dann aber wohl nur für mich, denn kaum wohntet ihr alle bei ihm, wollte er sofort Unterhalt für euch von mir haben.

Wisst ihr, eigentlich läuft das bei einer gesunden und guten Ehe so, dass man teilt, was man während der Ehe angeschafft hat. Und es läuft gar nicht so, dass einer alles behält und der andere ohne alles aus der Ehe rausgeht. Ohne alles!

Am Ende hat alles, was ich tat, nichts genützt. Ihr habt den Mann vom Jugendamt belogen und habt ihn auch nie angerufen. Vermutlich war eure Angst vor eurem Vater und eventuellen Folgen viel zu groß.

Später hat sogar noch die Schule das Jugendamt eingeschaltet. Der Lehrer von FE hatte alles versucht, um mit eurem Vater in Kontakt zu treten, doch der hat alles ignoriert und auf nichts reagiert. Das Ende vom Lied war, FE musste auf die Hauptschule, obwohl er ein Realschulkind wäre, sagte der Lehrer.

Vermutlich hätte ich davon gar nichts mitbekommen. Euer Vater hatte all die Jahre lang alle belogen, indem er behauptete, das alleinige Sorgerecht zu haben. Dadurch, dass ich selbst mit dem Jugendamt im Kontakt stand, wurde ich über diesen Vorfall informiert und sie fielen alle aus allen Wolken, als sie hörten, dass auch ich sorgeberechtigt sei. Was mich allerdings wundert, dass das möglich gewesen war.

Es gab ein Gespräch in der Schule. Da saßen sie dann zusammen, der Schulleiter, der Lehrer, jemand vom Jugendamt, ein anderer vom Sozialamt und noch ein paar mehr Personen. Euer Vater kam zu spät und erklärte: „Er hätte mit Absicht nicht reagiert, weil er so ein Gespräch mal haben wollte.“

Glaubt mir, alle waren fassungslos! Man sagte ihm: „Das hätte er auch durch Worte zum Ausdruck bringen können. Stattdessen hätte er seinen Sohn geopfert.“

FE hat geweint, als man ihn rein rief und ihm sagte, er müsse jetzt auf die Hauptschule wechseln.

Es gibt sicherlich noch immer mehr Geschichten, auch von mir und meinen Fehlverhalten.

Ich weiß, dass ich, solange ich noch bei euch wohnte, sehr häufig unter Druck stand. Dieses Ehedrama hinterließ auch bei mir seine Spuren und in meinem Verhalten euch gegenüber. Ich flippte gern mal aus. Ich wurde laut und bereute es im nächsten Augenblick.

Ich wollte eine gute Mutter sein. Ich las jedem von euch abends seine eigene Geschichte vor. Ich betete mit euch beim Zubettgehen. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass FE jedes Mal nach der vorgelesenen Geschichte seine Hände faltete und sagte: „Und beten?“

MA ging zum Ballett – es war ihr Herzenswunsch. In Heide meldete ich sie auch gleich in einer Ballettschule an. Als sie zurück zu ihrem Vater kam, war es mit Ballett vorbei.

Als ihr dann alle wieder weg gewesen seid, brach für mich eine Welt zusammen. Über zehn Jahre lang, war ich nicht einen Tag ohne meine Kinder. Über zehn Jahre lang, brachte ich jeden Abend meine Kinder zu Bett. Über zehn Jahre lang hörte ich mir ihre Sorgen an, tröstete, spielte, lachte, wusch, sang und machte Unfug mit meinen Kindern. Das endete von einem Augenblick auf den anderen.

In meinen Erinnerungen war es ein Tag im Winter. Ihr seid mit den Herbstferien 1998 zurück zu eurem Vater gegangen und ich musste kurz darauf die Wohnung in Heide aufgeben. Ich hatte mir kurz davor noch das rechte Schlüsselbein bei einem Fahrradunfall gebrochen.

Ich erinnere mich, die Wohnung war so gut wie leergeräumt. Ich hatte alles verschenkt, denn schließlich hatte ich noch gar keine neue Wohnung, wusste also noch gar nicht konkret, wohin ich jetzt gehen sollte. Es gab auch kein Telefon mehr und ich hatte die letzten Sachen zusammengesammelt, um die Wohnung am nächsten Tag an die Hausverwaltung zu übergeben.

Draußen war es dunkel und bitterkalt. Es schneite leicht und ich saß in dem leeren Wohnzimmer mit dem schmerzenden Schlüsselbein auf dem Fußboden und dann hörte ich JA den Flur entlanggehen und sie rief immer nach mir: „Mama! Mama! Mama!“

Ich saß dort und sagte zu mir: „Du kannst sie nicht hören, sie ist nicht da!“

Doch das nützte nichts, ich hörte sie trotzdem.

Da brach ich zusammen, heulte wie verrückt und war mutterseelenallein. Ich konnte nicht einmal irgendjemanden anrufen, denn ich hatte auch kein Handy.

Die Zeit danach wurde nicht besser. Ich durfte euch nur stundenweise sehen, obwohl mir jedes zweite Wochenende zustand. Ich kam die letzten fünf Kilometer teilweise zu Fuß zu euch – im Winter, denn mit dem Bruch konnte ich kein Fahrrad fahren. Und dann stand euer Vater dort, sagte, was ihr alles zu tun hättet und meinte zu mir: „Die Kinder können ja jetzt deinetwegen nicht den Alltag unterbrechen.“

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann bin ich mir nicht sicher, ob ich euch alle vier hätte zurückgehen lassen. Ich glaube, euch wäre es, trotz weniger Luxus und weniger Geld und ohne die alten Freunde, bei mir besser ergangen.

Und dann wäre ich jetzt eine reiche Frau. Doch das Hätte, Wäre, Wenn ist müßig. Es ist zu spät. Es ist, wie es ist.

Oft wünschte ich euch Erfahrungen, wie ich sie in meiner Kindheit erlebte: Großeltern besuchen, bei ihnen übernachten, häufiger Urlaub machen, keinen Haushalt schmeißen müssen, Familie – wie Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Familientreffen, Urlaub mit Großeltern oder Tante und Onkel.

Klar, auch in meiner Kindheit war nicht alles rosig und ich hatte so meine Sorgen und Probleme, doch gegen eure Kindheit war meine ein Paradies!

Ich schreibe diese Zeilen übrigens nicht, um euch zurückzugewinnen oder so ähnlich. Ich schreibe diese Zeilen, um das Gefühl zu haben, ihr habt, wenn ihr es wollt, egal wann, die Möglichkeit, auch ein wenig meiner Sicht der Dinge zu erfahren. Denn bisher ist eure Denkweise sehr einseitig, das weiß ich einfach.

Und es ist für mich wichtiger denn je, diesen Punkt in meinem Leben abzuhaken. Ich erfuhr vor zwei Jahren, dass ich einen bösartigen Polypen hätte, also Darmkrebs. Inzwischen ist das vorbei, doch es hat mich doch geschockt und wohl auch aufgeweckt.

Wofür steht der Darm: Für die Abfallprodukte. Unser Darm steht in unmittelbarem Kontakt mit unserem Gefühlszentrum im Gehirn. Manche sagen sogar, dass die Seele in Verbindung mit dem Darm steht. Und der Darm steht für Polarität – Gut und Böse, weiblich und männlich.  Er steht auch für die Trennung von Gut und Böse, dem Verdaulichem und dem Unverdaulichem.

Vielleicht könnt ihr irgendwann besser nachvollziehen, wie es mir in all den Jahren ergangen ist – während der Ehe, die Zeit danach und nun die vielen Jahre, in denen ihr den Kontakt zu mir abgebrochen habt – wenn ihr selbst Vater oder Mutter seid.

All die Jahre hatte ich immer große Wohnungen mit einem Raum für euch, weil ich immer zumindest erst einmal einen Raum parat haben wollte, falls ihr zurückkommt zu mir. Dann kam FR und ich hoffte, ihr anderen nehmt sie als Vorbild und kommt auch – immerhin war sie plötzlich freier – kein Haushaltmachen mehr, keine Bedrohungen, kein Druck, keinen Liebesentzug, …

Das mit dem Darm und der Zeit, die vielen Gefühle, das Muttersein, all das, was ich nie wirklich leben durfte – nicht während und auch nicht nach der Ehe und nicht bis heute. Klar, da gibt es FR und sie war immer da und blieb immer. Die ließ sich nicht beeinflussen und sie war nicht viel älter, aber die älteste von euch vier.

Ich habe häufig gelitten und viel geweint. Ich habe gebangt und gehofft – immer wieder gehofft. Und es erschien mir so vollkommen unwirklich, als erst MA und dann später FE und JA den Kontakt zu mir abbrachen – und nicht für einen Streit oder mal für eine Weile – nein, für viele, viele, viele Jahre lang – bis heute und morgen und übermorgen und nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr.

Wenn ich mir das alles, was war, betrachte, dann weiß ich kaum etwas von euch von heute.  Meine Erinnerungen stammen doch eigentlich alle aus der Vergangenheit – und ein wenig aus dem, was FR mir erzählt oder was MA erzählte, als sie mal für eine kurze Weile wieder Kontakt zu mir hatte – als sie keinen zu ihrem Vater hatte und ihn verteufelte.

Ich weiß noch, wie FE kurz vor seinem dritten Geburtstag unbedingt Fahrradfahren lernen wollte und dann wie ein Verrückter durch die Gegend fuhr.

Ich weiß, wie FE unbedingt ins Schwimmerbecken wollte, weil dort auch MA mit ihrer Freundin herumschwamm. Doch FE durfte nicht, denn er konnte nicht schwimmen und benötigte Schwimmflügel, mit denen man nicht ins Schwimmerbecken durfte. FE sagte: „Mama, ich brauche keinen Schwimmflügel“, und ich machte sie ihm ab. Dann ging er rüber zum Schwimmerbecken – ich folgte ihm. Da stand er dann am Rand – und sprang rein. Er ging unter wie ein Stern und schaute mit großen, offenen Augen nach oben. Ich sprang natürlich sofort hinterher und zog ihn wieder hoch. Er saß dann vollkommen ruhig am Beckenrand und erklärte mir: „Mama, ich kann schwimmen, aber unter Wasser.“ Zum Glück sprang er trotzdem nie wieder rein.

Ich weiß noch, wie JA sich an meinen kleinen Tisch setzte, an dem ich meditierte. Wo sie die Postkarten mit den Sprüchen zur Hand nahm, alle bedacht vorlas, betete, eine Kerze anzündete.

Ich weiß noch, wie sie vom Zähneputzen wiederkam und mir zuflüsterte: „Mama, ich glaube, FE hat gar keine Zähne geputzt. Soll ich mal nachschauen?“ Und bevor ich etwas sagen konnte, verschwand sie in Richtung Badezimmer. Dann kam sie triumphierend wieder zurück und berichtete mir: „Mama, seine Zahnbürste ist staubtrocken!“

Ich weiß noch, wie MA mir einen Euro in mein Portemonnaie geschummelt hat, weil sie mich, die gerade einen finanziellen Engpass hatte, unterstützen wollte.

Ich weiß noch, wie sie immer wieder alle anderen Kinder mit ihren verrückten Spielideen mitriss. Da wurde Theater, Zirkus und vieles mehr gespielt.

Ich weiß noch, wie FR lachend und fröhlich durch eine Pfütze hüpfte. Ich weiß auch noch, wie sie plötzlich aufstand um hinter den Fernseher schaute – irgendwo mussten die Leute doch hin sein.

Meine Erinnerungen stammen aus den lang zurückliegenden, vergangenen Jahren. Erinnerungen, wo ich zumindest noch ein bisschen Mutter sein durfte.

Wisst ihr, ein paar Dinge muss ich noch loswerden. Ich halte es für wichtig. Euer Vater hat mir körperliche Gewalt angetan, als ich wenige Tage nach der Geburt von FR wieder Zuhause war. Ich habe geschrien und gebettelt. Ich habe versucht mich zu wehren.

Danach ist ein Stück in mir gestorben. Irgendwie funktionierte dieser Teil nur noch und im Laufe dieser Ehe wurden es immer mehr Teile, die nur noch funktionierten. Das war kein Leben für immer und auch kein vorbildliches Leben.

Irgendwie habe ich ziemlich viel verkehrt gemacht und ich kann nichts davon rückgängig machen.

Ich habe nie aufgehört, euch zu lieben. Ich habe eigentlich immer gehofft und gewartet, dass ihr zu mir kommt. Ihr hättet immer kommen können. Immer. Und auch MA könnte immer kommen, auch wenn sie sich ein zweites Mal gegen mich entschieden hat. Es scheint kein „Und“ für euch drei zu geben, sondern nur ein „Entweder-oder“. Meine Tür steht offen. Heute. Morgen. Übermorgen. In einer Woche. In einem Monat. In einem Jahr.

MA kam ja schon mal wieder, nach sieben oder acht Jahren Kontaktabbruch. Sie blieb ungefähr zwei Jahre lang mit mir im Kontakt. In der Zeit hatte sie keinen zu ihrem Vater. Als der wieder lebendiger wurde, starb der Kontakt zu mir wieder ab. Das war heftig für mich.

Dann, nach über zwei Jahren bekam ich eine Nachricht von ihr auf meinem Handy. So nach dem Motto: Samstag, 18 Uhr sehen. Keine wirkliche Anrede. Kein verabschiedender Gruß, keine Erklärungen, gar nichts. Ich hatte Angst. Ich war voller Freude, aber ich hatte Angst. Das schrieb ich ihr. Ich schrieb, dass ich vorsichtig sei. Dass ich mich nicht noch einmal verbrennen wolle. Ihre nachfolgenden Zeilen empfand ich als ziemlich kalt und ätzend. Sie warf mir mehr oder weniger vor, dass ich wohl kein Interesse hätte und überhaupt.

Man sagt übrigens: Der Ton macht die Musik, und der Ton, der von MA ausging, gefiel mir nicht. Denn eines habe ich im Laufe der Jahre gelernt: Nicht um jeden Preis.

Ich habe mein Leben oft als Trümmerfeld bezeichnet. Kaputte Beziehungen von zwei Ertrinkenden. Beziehungen, in denen beide irgendwo hofften, durch den anderen Ganz zu werden. So funktioniert das aber nicht. Erst wenn beide Ganz SIND, kann das was werden. Dann die Geschichte mit meinen eigenen Kindern. Und ein ständiges Umziehen, neue Jobs, Umziehen, neuer Job…

Auch die Geschichte mit meiner Ursprungsfamilie – Vater, Mutter, Schwester – verlief nicht immer wirklich harmonisch. Es gab viele Diskrepanzen. Ich kam also auch schon mit einem heftigen Gepäck, an als ich Mutter wurde.

Ich habe viele Weihnachten mutterseelenallein verbracht und dachte dabei an Euch.

Im Laufe der Jahre suchte ich mir immer wieder Unterstützung. Ich ging zur Eheberatung – alleine, denn euer Vater war der Meinung, er hätte keine Probleme. Ich ging zu einem Eheberater, der mir half, mich endgültig von eurem Vater zu trennen. Später ging ich drei Jahre lang zu einer Schamanin, die mir dabei half, einen Teil meines Schmerzes und die tiefe Trauer zu verarbeiten.

Ich hatte weitere Nervenzusammenbrüche, Phasen tiefer Traurigkeit, Burnouts und zu guter Letzt noch eine schwere Depression mit dem Wunsch nach dem Tod.  Ja, ich stellte mir vor, der Tod sei sehr viel besser und erstrebenswerter, als das Leben. Es folgten stationäre und teilstationäre Behandlungen, sowie eine jahrelange Psychotherapie.

Doch irgendwie will es mir nicht gelingen, endgültig mit der Vergangenheit abzuschließen. Das hängt natürlich hauptsächlich mit euch zusammen – ihr seid mein Fleisch und Blut, ihr seid meine Kinder. Ich habe euch neun Monate lang unter meinem Herzen getragen. Ich habe euch monatelang gestillt. Ich habe mir die Nächte um die Ohren geschlagen. Ich habe euch stundenlang getragen, im Arm gehalten, getröstet, gestreichelt, geliebt, mit euch gesungen, vorgelesen, gespielt, gelacht und mit euch gebetet. Ihr seid ein Teil von mir.

Euer Vater war ein Fremder, als ich ihn kennenlernte, und er ist als Fremder gegangen. Genauso wie viele andere auch.

Ihr und ich werden nie Fremde sein, denn wir sind miteinander verbunden, ob wir nun wollen oder nicht. Nun können wir gegen dieses Band ankämpfen. Wir können räumlich getrennt bleiben, doch dieses Band, dieses unsichtbare Band, das bleibt, für ewig.

Ich will jetzt einfach abschließen, Das kann ich aber nicht, wenn ich immer wieder das Gefühl habe, nicht alles versucht zu haben. Wie sollt ihr, nach den vielen Jahren bei eurem Vater und seinem Einfluss auf euch, überhaupt noch neutral auf mich blicken können?

Ich bin nicht perfekt, habe viele Fehler gemacht, doch ich liebe euch. Ich liebe euch genauso wie ihr seid. Ich liebe jeden von euch. Auch wenn ich mal „Nein“ zu einem Kontaktversuch sage.

Ihr könnt immer zu mir kommen. Doch ich habe eine Bitte an Euch: Überlegt es euch genau. Nichts Halbherziges.  

Und mein Gefühl sagt mir, dass es auch sowieso nichts werden kann, solange ihr noch so stark mit eurem Vater verbandelt seid.

FE und JA wohnen noch bei ihm und FE arbeitet sogar mit ihm zusammen.

MA? MA ist inzwischen erneut umgezogen und hat auch den Arbeitsplatz gewechselt. Sogar die Branche. Den Kontakt zu eurem Vater lebt sie noch.

Ich bin nicht bereit, mich wieder so sehr verletzen zu lassen. Ich habe gelernt, damit zu leben. Ich meine mit dieser Kontaktlosigkeit zu euch.

Als MA wiederkam, war ich vollkommen offen und freudig und hilfsbereit und unterstützend und ganz und gar für sie da. Der erneute Kontaktabbruch hat mich so heruntergerissen, dass ich gelitten habe, wie ein Hund. Darauf lasse ich mich nicht noch einmal ein.

Ich gönne und wünsche euch wirklich ein glückliches, erfolgreiches, friedliches, besonders liebevolles, herrliches, wunderschönes, traumhaftschönes, reiches Leben. Ja, das wünsche ich euch aus der Tiefe meines Herzens. Und ich wünsche Euch ganz viel Heilung.

Natürlich wünsche ich mir Kontakt zu euch. Einen normalen, friedlichen, harmonischen Kontakt. Einen Kontakt zwischen Mutter und Kind. Ich wäre gern für euch dagewesen, wenn ich es gekonnt hätte.

Ich liebe Euch. Ich weiß nicht, ob ihr wisst wie sehr und ich würde Euch gern den Mann meiner Träume vorstellen. Nicht nur so im Vorbeigehen. Er würde Euch ganz bestimmt gefallen.

Wir kennen uns schon fast das ganze Leben und wir waren schon mal zusammen, früher, zwei Jahre lang. Ich war und blieb immer seine Traumfrau und wir haben uns nie wirklich aus den Augen verloren. Vielleicht ein paar Jahre lang. Aber dann trafen wir uns immer mal wieder zum Essen gehen, für Spaziergänge und er rief mich jedes Jahr zu meinem Geburtstag an – seit ungefähr achtzehn Jahren.

Ich bin noch nie mit einem Mann so glücklich gewesen wie mit ihm und mich hat noch nie ein Mann so geliebt, wie er mich liebt.

Diesen Mann hätte ich euch als Vater gewünscht, dann wäre eure Kindheit großartig gewesen. Ihr hättet die bestmögliche Ausbildung genossen, ihr wäret immer geliebt geworden, ihr hättet Freude und Zuneigung und Unterstützung und Geborgenheit erfahren, so wie es sein Sohn erfahren hat – trotz Scheidung. Er hat die Variante erlebt, in der sich die Eltern zwar nicht mehr liebten, aber weiterhin herzlich miteinander umgegangen sind. Ihr hättet das auch verdient gehabt. Denn ihr seid großartige, liebevolle, wunderbare, einmalige Menschen.

Ich liebe Euch.

©️ Kaya Licht

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Zitat 1: (Quelle: Spiegel Online vom 30.08.2016)

>> „Um den Täter zu beschwichtigen, in dessen Macht es liegt, das Leben des Opfers zu beenden, wird jedes Opfer aus reinen Selbsterhaltungsgründen zunächst einmal alles tun, was der Täter verlangt“, so Arnold Wieczorek. Zum Täter eine Art persönliche Verbindung aufzubauen, um sich seine Gunst zu verdienen, sei ebenso normal, wie sich mit den Tätern gegen den vermeintlichen Aggressor zu verbünden. <<

Zitat 2: (Quelle: Wikipedia)

>> Die Diagnose „Narzissmus“ und das Prädikat „narzisstisch“ dienen im allgemeinen Sprachgebrauch der kritisch-polemischen Kennzeichnung einer Person, die sich den Ansprüchen der Gemeinschaft auf spezifische Weise zugunsten eines überhöhten Ich-Anspruchs entzieht. Tatsächlich markiert der Vorwurf des „Narzissmus“ einen Konflikt zwischen der Einschätzung von außen und der Selbsteinschätzung des Narzissten, dessen Bewusstsein sich genau in dem Maße narzisstisch verhält, wie es sich gegen solche Kritik immunisiert. Typisch „narzisstisch“ scheint zu sein, den eigenen Narzissmus zu bejahen, wie neuere Untersuchungen nahelegen.

Im Sinn einer Einschätzung von außen allerdings geht die Diagnose des „Narzissmus“ mit dem Vorwurf einer stark aufgeblähten, unrealistisch positiven Selbsteinschätzung, mit Selbstzentriertheit, Berechtigungsdenken und mangelnder Rücksichtnahme auf andere Personen einher; auf ihre Umgebung mögen Narzissten unter Umständen destruktive Einflüsse ausüben. Narzissten sind jedoch, wie die jüngere Forschung aufgewiesen hat, emotional stabil, mit sich selbst und ihrem Leben zufrieden und an ihre Lebenssituation gut angepasst. Zwar sind sie mehr als andere Menschen auf Bewunderung angewiesen, verfügen jedoch über eine große Bandbreite von Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmustern, um ihren Bedarf an Bewunderung zu decken und Kritik abzuwehren. <<

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